Hauptsache unterwegs – Felicitas Hoppe über das Reisen

Bevor sie immer wieder weltweit unterwegs war, hat die spätere Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe ihre Kindheit nach eigenem Bekunden als Stubenhockerin verbracht – fast schon frei nach Blaise Pascals oftmals zitiertem Diktum, das Unglück der Menschen liege darin, dass sie nicht still in ihren Zimmern bleiben könnten.

Aber dann! Irgendwann hat es die in Hameln aufgewachsene Schriftstellerin gepackt, als habe der legendäre Rattenfänger von Hameln auch sie ins gefährlich Unbekannte gelockt. Seither bewegte sie sich immer einlässlicher auf vorher unbekannten Pfaden. Zunächst ganz zaghaft bei einer Asthma-Kur auf Langeoog, Jahre später dann, gleichsam als Initiation, beim US-Aufenthalt als Studentin, dort mit Freunden ständig „on the road again“, wie es einst Canned Heat unsterblich intonierte. Und so qualifizierte sie sich nach und nach dafür, den Band „Reisen“ für die verdienstvolle Hanser-Berlin-Reihe über zehn grundlegende Phänomene des Lebens zu schreiben.

Wiederum um viele Reise-Erfahrungen reicher, ist Frau Hoppe heute manchmal recht streng mit ihren Kriterien: Dass der übliche Massentourismus „nicht geht“, ist aus dieser Perspektive ohnehin ausgemacht. Doch auch halbwegs abenteuerliche Fahrten mit Postschiffen lässt sie nur noch bedingt gelten. Es gebe eigentlich gar kein „richtiges“ oder „authentisches“ Reisen mehr, befindet sie. Kulisse und Klischee seien stets nah. Auch sogenannte „Geheimtipps“ oder die inzwischen allfällige Entdeckung diverser Langsamkeiten seien verwaltete Unternehmungen und von vornherein kontaminiert. Wo, bitte, gebe es noch wirkliche „Exotik“ oder unentdecktes Weltgelände?

Gleichwohl stimmt sie beispielsweise ein Lob der Irrfahrten (à la Odysseus) an und preist all die Sherpas, die z. B. den Achttausender-Besteigern überhaupt erst die Wege gebahnt haben. Andererseits legt Felicitas Hoppe ein überraschendes Bekenntnis zu ihren notorischen Besuchen in Souvenir-Shops ab. Hang zur Tollkühnheit und Anwandlungen von Biedersinn schließen einander nicht unbedingt aus. Freilich sind da jene Momente, in denen der „Zeitzonenkater“ die Reisenden erfasst und sich ungeahnt traumartige, nahezu Drogentrips vergleichbare Bewusstseins-Zustände einstellen. Nur müsste man, so Hoppe, künftig vielleicht ganz anders übers Reisen schreiben…

Das dem Buch vorangestellte Motto geht übrigens auf Gertrude Stein zurück. Sie soll, mit dem Auto eindeutig auf falscher Strecke fahrend, zur aufgebrachten Freundin gesagt haben: „Right or wrong: This is the road – and we are on it.“ Hauptsache unterwegs. Der Rest ergibt sich.

Felicitas Hoppe: „Reisen“. Hanser Berlin. 128 Seiten, 20 Euro

Die zehnteilige Reihe „Das Leben lesen“ kommt mit diesem Band zum Abschluss. Außerdem zählen hinzu: Elke Heidenreich „Altern“; Theresia Enzensberger ‚Schlafen“; Emilia Roig „Lieben“; Svenja Flasspöhler „Streiten“; Alina Bronsky „Essen“; Daniela Dröscher „Sprechen“; Doris Dörrie „Wohnen“, Heike Geißler „Arbeiten“ und Karen Köhler „Spielen“.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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