Kunst-Stoff für Christo – Fabrik in Emsdetten fertigt das Gewebe für die Reichstags-Verhüllung

Von Bernd Berke

Emsdetten. Es rattern und rattern die Webmaschinen. Sie machen Lärm für die Kunst, Tag und Nacht. In einer Emsdettener Fabrik entstehen jene 110.000 Quadratmeter Textil mit denen der Verhüllungskünstler Christo im Juni den Berliner Reichstag in ein magisches Zeichen der Geschichte verwandeln will.

Hart war die Konkurrenz. Gleich 19 Betriebe wollten den Stoff anfertigen, aus dem der l gigantische Kunst-Traum besteht. Den Zuschlag erhielt die Firma im Münsterland: Die J. Schilgen GmbH hat ihre Arbeit fast erledigt. Vier Monate lang sind zwei elektrische Webstühle rund um die Uhr nur für Christo gelaufen. Außerdem ging natürlich die übliche Produktion weiter.

Insgesamt 75 Tonnen wiegt die Fracht. Der Zeitplan ist strikt: Sobald wieder ein paar Rollen fertig sind, gehen sie gleich auf die Reise. Ende nächster Woche werden die letzten Stoff-Bahnen die Emsdettener Fabrik in Richtung Herbolzheim verlassen, wo sie mit einer hauchdünnen Aluminiumschicht (nur acht Kilogramm zur Bedampfung der gesamten Stoffhaut) versehen werden, bevor im sächsischen Taucha die Näh-Arbeiten beginnen. Nach der Alu-Behandlung glitzert das zuvor unscheinbar mausgraue Geflecht silbrig in der Sonne. Da kann man sich ausmalen, welch ungeheuren Effekt ein derart eingekleideter und von Licht umspielter Reichstag abgeben wird – auch bei Nacht, wenn Scheinwerfer ihn anstrahlen.

Stephan Schilgen (44), Chef des 1873 gegründeten Emsdettener Familienunternehmens, hatte sein Christo-Erlebnis mit 16 Jahren: „Damals ging’s mit dem Kunstlehrer auf Klassenfahrt zur documenta in Kassel.“ Ein Wahrzeichen der Weltkunstschau von 1968 war Christos 85 Meter hoch in den Himmel ragende Ballon-Wurst. Der Jugendliche aus Emsdetten, wo derlei ästhetische Wagnisse keine Heimstatt haben, war fasziniert.

Reißfest und feuerbeständig

Die alte Begeisterung erwachte wieder, als das Reichstags-Projekt spruchreif wurde. Schilgen: „1992 habe ich an Christo geschrieben und ihm unsere Faser angeboten.“ Christo, der schon seit Beginn der 70er Jahre auf eine Verhüllung des Reichstags sann, war interessiert. Als Vorlage hatte Schilgen ihm ein Gewirk namens Polypropylen geschickt, das sonst profanen Zwecken wie der Filter-Abdichtung dient. Es besaß aber schon einige der von Christo verlangten Eigenschaften.

Zwar hat sich der weltweit umtriebige Künstler nicht in Emsdetten blicken lassen, doch in Absprache mit seinen Mitarbeitern wurde das Material verfeinert. Es mußte noch reißfester werden, feuerbeständig sein, dabei aber luftdurchlässig bleiben und möglichst wenig wiegen. Eine Art Zauberstoff war gefragt. Doch schließlich waren alle Härtetests bestanden – und beim Wettbewerb konnte kein anderer Hersteller besser und billiger (5 DM pro qm) produzieren.

Anfangs hätte all das noch vergebliche Liebesmüh‘ sein können, denn erst am 25. Februar 1994 entschied der Bundestag nach heftigen Debatten, daß Christo zum Zuge kommt.

Die 250 Schilgen-Mitarbeiter sprechen mit Stolz von ihrem reißfesten Beitrag zur Kunstgeschichte. Wenn Christo und seine vielen Helfer sich ab 17. Juni an die Verhüllung des Reichstages machen, gibt’s gleich zwei Betriebsausflüge: nach Berlin!

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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