Immer und immer weiter – Peter Handke in Berlin für seine „Kreuz-und-Quer-Gehenden“ umjubelt

Peter Handke (Mi.) mit den Schauspielern Marina Galic und Jens Harzer beim tosenden Schlussapplaus im Berliner Ensemble. (Handy-Foto: Frank Dietschreit)

Knapp zwei Stunden lauscht das Berliner Publikum dem ins Absurde abdriftenden Spiel vom „Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“, das Peter Handke selbstironisch als „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ bezeichnet.

Was wissen wir schon über uns und die Welt? So fragt der Literaturnobelpreisträger achselzuckend. Sind unsere Erinnerungen nicht trügerisch? Könnte nicht alles auch ganz anders gewesen sein? Und selbstquälerisch: „Wozu bin ich geboren? Wenn ich’s nur wüßte. Zum Rauchfangkehrer? Zum Eintänzer? Zum Blindenführer?“

Der „Alleingeher“ stolpert durch sein großes Werk

Als „Alleingeher“ stapft er seit langem durch die Welt, stolpert jetzt durch sein großes Werk, irrlichtert dem baldigen Ende entgegen und versucht (erfolglos?), dem Gefängnis seiner Selbstbeobachtung zu entfliehen. Frieden zu finden, irgendwie. Dass er dabei, ganz nebenbei, auf viele seiner Bücher anspielt (vom „Wunschlosen Unglück“ bis zum „Untertagblues“, von der „Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ bis zum „Jahr in der Niemandsbucht“) und ironisch verballhornt, zeigt, dass er mit sich im Reinen ist. Das alles ist für Eingeweihte ein großer Spaß.

Die Inszenierung des aus unzähligen Textsplittern bestehenden Monologs, den Regisseur Jossi Wieler auf zwei miteinander streitende Clowns und einander ständig ins Wort fallende Clochards verteilt (als kämen sie direkt aus einem Stück von Samuel Beckett und würden vergeblich auf Godot warten), kam kürzlich bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung und hatte jetzt im Berliner Ensemble Premiere: Sie wurde zur Feier der Schauspielkunst und zur Versöhnung mit einem Autor, der seit seinen umstrittenen Äußerungen zu den Gräueln der Jugoslawien-Kriege bei vielen in Ungnade gefallen war.

Das aufgeregte Palaver von heute als Schnee von gestern

Doch wenn der inzwischen an einem Stock gehende, leicht schwankende 83-jährige Autor von der Schauspielerin Marina Galic und dem Schauspieler Jens Harzer auf die Bühne geholt wird, um sich dem jubelnden Publikum zu präsentieren, erheben sich die Zuschauer von den Stühlen. Stehende Ovationen gibt es für einen Wortkünstler, der es immer wieder schafft, eine Welt allein aus Sprache zu erschaffen und die Fantasie zu beflügeln.

Handke ist sichtlich gerührt, lächelt in den tobenden Saal, tätschelt die Wange von Marina Galic, umarmt Jens Harzer, ist erkennbar zufrieden mit der subtilen Art und Weise, wie die beiden in den Kopf des Autors eingedrungen sind und aus einem sperrigen Textgefüge, aus einem nachdenklichen Monolog ein kurios-komisches Zwiegespräch zweier Einsamkeits-Flüchtlinge und einen tröstlichen Theaterabend geformt haben, der das aufgeregte Palaver von heute als Schnee von gestern und die zukünftigen Visionen als Schnee von morgen in den Theaterorkus versenkt.

„Nur nichts dramatisieren hier und jetzt“

Handke winkt mit seinem Stock ins Publikum, ballt die Faust zum Gruß, lächelt milde, als wolle er die weisen Worte aus seinem Stück noch einmal beglaubigen: „Nur nichts dramatisieren hier und jetzt, das Drama, es ist da, es läuft längst ab, Schritt für Schritt, von vornherein.“ Alles, auch der notorische „Alleingeher“, schlendert immer weiter, schlägt gedankliche Kapriolen und sprachlichen Girlanden, verliert sich im Ungefähren: „Angeblich soll er vor einiger Zeit noch gesehen worden sein, als letzter Fahrgast hinten zusammengekauert im allerletzten Nachtbus.“

https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/schnee-von-gestern-schnee-von-morgen

 

 

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