TV-Nostalgie (19): Werner Höfers „Frühschoppen“ – das Sonntagsritual

Wenn man das heute sieht, hält man es nicht mehr für möglich: dass jemals in einer Live-Fernsehsendung dermaßen exzessiv geraucht und gesüffelt worden ist. Wir reden von einer Fernseh-Legende, von Werner Höfers Journalistenrunde „Der Internationale Frühschoppen“.

Über Jahrzehnte gehörte die Sendung mittags um 12 Uhr zum Sonntagsritual der Deutschen. Nach einem Hörfunk-Vorspiel (ab 6. Januar 1952) lief der „Frühschoppen“ im ARD-Fernsehen vom 30. August 1953 bis zum 20. Dezember 1987. Da hatte der Zirkel unglaubliche 1874 Mal getagt…

Eindeutig der Chef im Ring

Schon in der ersten Phase hatten sich viele Menschen an die teils heftigen Polit-Diskussionen gewöhnt, so dass es einen Proteststurm gab, als Werner Höfer es 1954 wagte, ein paar Wochen Urlaub zu nehmen und deshalb der „Frühschoppen“ ausfiel. Fortan unterbrach Höfer seine Ferien immer am Wochenende. Sich vertreten zu lassen, das kam für einen wie ihn nicht in Frage.

In den Anfangsjahren des "Frühschoppens" durften Frauen bei Werner Höfer (ganz links) nicht mitreden, sondern nur Wein nachschenken.  (Screenshot aus: http://www.youtube.com/watch?v=5sFe66JSaO0)

In den Anfangsjahren des „Frühschoppens“ durften Frauen bei Werner Höfer (ganz links) nicht mitreden, sondern nur Wein nachschenken. (Screenshot aus: http://www.youtube.com/watch?v=5sFe66JSaO0)

Höfer ging reichlich autoritär zu Werke, er war eindeutig Chef im Ring. Man hat nachgestoppt, dass er im Schnitt rund ein Drittel der gesamten Redezeit beim „Frühschoppen“ für sich beanspruchte. Den Mitstreitern fiel er oft ins Wort. Ein solch ungebrochen patriarchalischer Typus könnte heute im Fernsehen wohl nichts mehr werden. Apropos: Frauen durften bei Höfer lange nicht mitreden, sondern nur Wein nachschenken. Gerade deshalb klingen bei älteren Zuschauern noch die Namen derer nach, die später eine Bresche schlagen durften. Ich sage nur Julia Dingwort-Nusseck und Fides Krause-Brewer…

Rauchschwaden und Weingenuss

Meist waren es sechs Journalisten aus fünf Ländern, die sich – unter zunehmendem Weißwein-Einfluss – die Köpfe heiß redeten und dabei rauchten wie ein Tabakskabinett. Manchmal war die Luft im Studio zum Schneiden dick. Und manchmal wurde die eine oder andere Zunge schwer.

Es waren vor allem Themen des Kalten Krieges, die da glasigen Blicks besprochen wurden. Aber auch der Konflikt zwischen Israel und der arabischen Welt beschäftigte den Kreis immer wieder.

Urdeutsche Einrichtung

Um mal den deutschen Blickwinkel einzunehmen: Prominente Presseleute wie Rudolf Augstein („Spiegel“) oder Henri Nannen („Stern“) saßen häufig an Höfers Tisch, dazu Koryphäen wie Sebastian Haffner, Peter Scholl-Latour oder Gerd Ruge. Chefredakteure, die dorthin selten oder gar nicht eingeladen wurden, zweifelten an ihrer eigenen Bedeutung.

Zuweilen verschwanden die Teilnehmer im Rauch. (Screenshot aus: http://www.youtube.com/watch?v=5sFe66JSaO0)

Zuweilen verschwanden die Teilnehmer im Rauch. (Screenshot aus: http://www.youtube.com/watch?v=5sFe66JSaO0)

Das Sendeformat, an dem Höfer die Deutschland-Rechte besaß, war zwar aus den USA übernommen worden („Meet the Press“), erzielte aber nur in Deutschland derart hohe Zuschauerquoten. Wahrscheinlich ist der Stammtisch – auch mit wechselnder Besetzung – eben eine urdeutsche Einrichtung. Übrigens gilt der „Frühschoppen“ auch als erste Talkshow des deutschen Fernsehens.

Finstere Vergangenheit

Höfers bestimmende, zuweilen arg selbstgefällige Art hätte man womöglich weiterhin belächeln können, wenn es nicht einen sehr ernsten und betrüblichen Hintergrund gegeben hätte. 1987 berichtete der „Spiegel“ darüber, was der Journalist Werner Höfer mit seinen Beiträgen in der NS-Zeit angerichtet hatte. Unter anderem hatte Höfer 1943 offenbar die Hinrichtung des Pianisten Karlrobert Kreiten wegen „Wehrkraftzersetzung“ (Kreiten hatte den „Endsieg“ bezweifelt) gutgeheißen – ganz im Sinne des Nazi-Regimes.

Als nach dem „Spiegel“-Artikel Rücktrittsforderungen laut wurden, zeigte Höfer sich störrisch. Doch der Grimme-Preisträger, der fürs WDR-Fernsehen das renommierte Dritte Programm entworfen hatte, war schließlich nicht mehr zu halten.

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Vorherige Beiträge zur Reihe: “Tatort” mit “Schimanski” (1), “Monaco Franze” (2), “Einer wird gewinnen” (3), “Raumpatrouille” (4), “Liebling Kreuzberg” (5), “Der Kommissar” (6), “Beat Club” (7), “Mit Schirm, Charme und Melone” (8), “Bonanza” (9), “Fury” (10), Loriot (11), “Kir Royal” (12), “Stahlnetz” (13), “Kojak” (14), “Was bin ich?” (15), Dieter Hildebrandt (16), “Wünsch Dir was” (17), Ernst Huberty (18)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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Ein Kommentar zu TV-Nostalgie (19): Werner Höfers „Frühschoppen“ – das Sonntagsritual

  1. Günter Landsberger sagt:

    Unter den beteiligten Frauen nicht zu vergessen:
    Madame Stéphane Roussel!

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