Soziale Miniaturen (25): Die Frau bei den Eseln

Von ihm ist indirekt die Rede: Esel auf dem Altenteil. (Foto: Bernd Berke)

Von ihm ist nur indirekt die Rede: Esel (25) auf dem Altenteil. Im Text geht’s indes um seine Aufpasserin. (Foto: Bernd Berke)

Im Urlaub auf einer Insel gewesen. Es ist von einer Frau zu berichten, die dort in einer sehr abgelegenen Bauernschaft auf Esel, Schafe und Schildkröten aufpasst. Anlass genug, die alte, leider lange vernachlässigte Reihe der „sozialen Miniaturen“ endlich wieder einmal fortzusetzen.

Sie ist aus einer entgegengesetzten Himmelsrichtung hierher gekommen. Am vorigen Ort habe man sie „gehalten“, wie sie es nicht mehr ertragen hat. Sie entschuldigt sich für das Wort „gehalten“ – und doch ist es wohl genau der richtige Ausdruck. Ruchlose Menschenhaltung. Wenn man ihr glauben darf (und das darf man sicherlich), habe man sie ohne alle wirkliche Beschäftigung vegetieren lassen, ihr niemals irgend etwas anvertraut. Tagelang, wochenlang vom kargen Bett aus die Wand anstarren. Sonst eigentlich nichts. Bei der kleinsten widerspenstigen Regung habe man sie sofort kurzerhand in die Psychiatrie gesteckt, rund 30 Mal werde es wohl gewesen sein, vielleicht häufiger…

Bis sie eines Tages genug hatte von diesem unwürdigen Dasein. Sie, der man nichts und wieder nichts zutraute, verschaffte sich Zugang zum Internet und fand dort das Angebot für diesen Hilfsjob, rund 1000 Kilometer weit entfernt. Sie wollte nur noch fort. Auf ging’s. Und es gelang. Nun ist sie zufrieden mit den denkbar einfachen Tätigkeiten und einer kläglichen Rente. Gemessen an dem, was ihr das Leben mitgegeben und (nicht) „gegönnt“ hat, ist sie erstaunlich eloquent. Sie vermag sich mehr als hinreichend auszudrücken, wie es manch höher Gestellten nicht gegeben ist. Mittlerweile bildet sie sich ein, auf dem Hof andere Menschen, denen man womöglich noch übler mitgespielt hat, zu beaufsichtigen. Niemand nehme ihr bitte diese Illusion.

Sie entspricht so ganz und gar nicht den herrschenden körperlichen Idealen, sie ist aufgedunsen und kleinwüchsig. Man möchte sie zuweilen in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie alles richtig gemacht hat. In ihren engen Grenzen hat sie nahezu alles erreicht. Sollte man, statt auf sie herabzublicken, nicht gelegentlich zu ihr aufblicken?

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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