Die Überwindung der Peinlichkeit – Wilhelm Genazinos Buch „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“

Von Bernd Berke

Die ganz frühen 1960er Jahre hatten etwas für sich: Das so genannte „Wirtschaftswunder“ schien vollbracht, allmählich wich der gesellschaftliche Stickstoff der AdenauerZeit, und es war ein Hauch von Aufbruch zu spüren. Just in jener Zeit spielt Wilhelm Genazinos neues Buch „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“.

Anfangs ist der Ich-Erzähler gerade 17 Jahre alt. Aus nicht näher beschriebenem Anlass ist er „vom Gymnasium geflogen“. Nun begibt er sich, teilnahmslos bis widerstrebend, in einer süddeutschen Großstadt auf Lehrstellensuche; meist noch am Händchen seiner stumm besorgten Mutter. Am Ende ist ihm klar, dass er Schriftsteller werden muss. Ein Aufbruch nach Art des guten alten Bildungsromans.

Mittlerweile 18 geworden, hat er erste, teils bittere Welterfahrung gesammelt: Eine flaue Liebschaft (bereits ein gemeinsames Sparbuch, aber kein Sex) endete sang- und klanglos, die vage Hoffnung auf eine stimmigere Verbindung zerschlägt sich grausam: Die junge Frau, die da in Frage zu kommen scheint, wählt aus unerfindlichen Gründen den Freitod. Mit dieser Linda hat er sich beflissen über Literatur-Theorie unterhalten können. Dabei unterlaufen auch dem sonst stets so lakonisch-treffsicheren Wilhelm Genazino ungewohnt „papierene“ Sätze.

Ein Leitfaden ist das berufliche Doppelleben der Hauptfigur: Tagsüber ist er – in trostloser Abhängigkeit – bei einer Spedition tätig, abends aber darf er bereits Termine für eine Lokalzeitung wahrnehmen, allerdings vorn diesem Kaliber: Eröffnung der „Italienischen Woche“ im Kaufhaus, infame Talent-Wettbewerbe, Peter Alexanders neues Schlagerfilmchen im örtlichen Kino. Was der junge Mann bei solchen Gelegenheiten wahrnimmt, erscheint ihm oft lachhaft, bedrückend oder peinlich. Zwar schreibt er für sein Leben gern und genießt das vergleichsweise lässige Journalisten-Leben, doch darf er über trübe Verhältnisse im Blatt nur Beschönigendes mitteilen. Und schon sieht er die Gefahr, in diesem Zwiespalt hochmütig oder zynisch zu werden.

Seine Rettung sucht er in einem anders gerichteten Blick auf die Welt. Mit seiner (wohl autobiographisch grundierten) Hauptfigur findet auch Genazino hier zu seiner Domäne: zur oft frappierenden Registratur scheinbarer Nebensachen, die sich jedoch als unverwüstlicher Kernbestand des Daseins erweisen, als das (wie Genazino es nennt) „Unaufhörliche“ jenseits aller akuten Aufregungen.

Immer wieder träumt sich der junge Mann etwa mit Zufallsblicken aus Fenstern über missliche Situationen hinaus. Was er dort draußen wahrnimmt, ist zumeist diese beruhigende Alltäglichkeit, ein (Zitat) „selbstgenügsames, fast unbemerktes Dasein, das mich elektrisierte“. Also das ganz normale und somit niemals peinliche Leben. Das muss man eben nicht beschreien, sondern so sorgsam beschreiben, wie es Genazino vermag.

Wilhelm Genazino: „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman . Hanser Verlag. 160 Seiten, 15,90Euro.

 

image_pdfPDFimage_printDrucken

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.