Von Nöttelefönes, Klötenköhm und Halfjehang – ein Herkunftswörtbuch zur Sprache an Rhein (und Ruhr)

Zugegeben, anfangs war ich ein klein wenig enttäuscht. Wenn man ein „Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr” (Untertitel) in den Händen hält, erwartet man doch auch etliche Belege zur Mundart des Ruhrgebiets. Doch wenn man erst einmal blättert, stellt sich schnell heraus, dass wir es hier vornehmlich mit einem rheinischen Wörterbuch zu tun haben. Gewiss, vor allem im Raum um Duisburg lappt eins ins andere. Auch sonst gibt es etliche Überschneidungen und Anklänge.

Und überhaupt: Eine weitere Fremdsprache kann ja nicht schaden. Erst recht nicht, wenn sie von den „natürlichen Feinden der Westfalen” (der schätzenswerte rheinische Kabarettist Jürgen Becker sah es aus seiner Perspektive genau umgekehrt) gesprochen wird. Man muss ja wissen, was der „Feind” so redet.

Basis ist ein interaktives Online-Projekt

Genug der Vorrede. „Wo kommt dat her?” lautet der bodenständige Haupttitel des umfangreichen Herkunftswörterbuchs, in dem ersichtlich jede Menge Arbeit steckt. Die Resultate sind keineswegs nur angelesen, sondern verdanken sich vielfach mündlichen Auskünften von Dialektsprechern. Man ist also verbal nah dran am gewöhnlichen Alltag.

Autor des Lexikons ist Peter Honnen (Jahrgang 1954), Sprachwissenschaftler des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) beim Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn, ein Experte sondergleichen: Schon seit über dreißig Jahren befasst er sich speziell mit rheinischer Alltagssprache. Eine denkbar breite Basis seiner Publikation ist das interaktive „Rheinische Mitmachwörterbuch”, das seit 2007 online ist und inzwischen über 7000 Stichwörter mit zahllosen Fundstellen und Beispielsätzen  von rund 2000 Mitwirkenden erfasst. Selbst das vorliegende Buch kann mit fast 700 Seiten nur eine begrenzte Auswahl aus dem ungeheuren Fundus bieten.

Niederdeutsch, Jiddisch und Rotwelsch als Quellen

Im Vorwort erläutert Honnen einige Grundlinien der Forschung. Demnach belegt das Wörterbuch an vielen Stellen die Verwandtschaft des Rheinischen mit dem Niederdeutschen und Niederländischen, deutlich weniger mit dem weiter südlich anzusiedelnden Hochdeutsch oder dem „Lutherdeutsch”. Zudem haben sich alltagssprachlich – in abgewandelter Form – im Rheinischen viele Übernahmen aus dem Lateinischen, Jiddischen und Französischen gehalten.

Auch das Rotwelsch, die alte Vaganten- und Gaunersprache, hat bleibende Spuren hinterlassen. Überdies haben sich Wendungen aus dem Studenten- und Soldatenidiom durchgesetzt. Die Quellen sind also vielfältig. Mundart und Alltagssprache erweisen sich dabei immer wieder als wahre Kraftwerke für notfalls auch mal derbe und direkte Worterfindungen, sie halten die gesamte Sprache lebendig.

Bei zahllosen Stichworten lässt uns Honnen ansatzweise an der Fachdebatte schnuppern, indem er verschiedene Deutungsmöglichkeiten mit widerstreitenden Begründungen vorstellt. Vieles ist im Fluss. Und häufig streiten sich Köln und Düsseldorf um eine Urheberschaft. Unter dem kölschen Stichwort „Imi” (zugereister, nur „imitierter” Kölner) heißt es denn auch schulmäßig: „Der blöde Imi da hät Helau jeschrien!”

Das Revier wird kurzerhand eingemeindet

Zwischendurch kommt auch schon mal ausdrücklich das Ruhrgebiet zu seinem Recht: Rätselhaft sei beispielsweise die Etymologie von „Zigulle” für „Nase” im Ruhrgebiet, „eine überhaupt sehr fantasievole Region, was Wortneuschöpfungen betrifft.” Das geht dem Ruhri jetzt aber runter wie Butter. Kurz darauf wird jedoch die Prämisse klargestellt: „Mit Rheinland ist gemeint: der Niederrhein, das Ruhrgebiet, das Bergische Land, das zentrale Rheinland, die Eifel, der Westerwald und der Hunsrück.” Danke für die großzügige Eingemeindung, bei der Sauer- und Siegerland freilich nicht explizit genannt werden.

So richtig beginnt der lehrreiche Spaß allerdings nicht mit allgemeinen Definitionsversuchen und Erkenntnissen, sondern beim Stöbern in den einzelnen Stichwörtern. Es steigert das Vergnügen ungemein, wenn man sich Wörter und Sätze im rheinischen Singsang gesprochen vorstellt. Um es nicht vollends auszuufern zu lassen, hier nun gerade mal ein Dutzend aufgepickte Beispiele:

Überschätzter Einfluss des Polnischen

  • Die Wort- und Wendungsliste reicht mitunter bis in Ortsdialekte hinein, so etwa, wenn es um den (fast nur) in Aachen gebräuchlichen Erstaunens-Ausruf „Au Hur” geht. Dessen Herkunft bleibt aber rätselhaft – wie so manches auf diesem Gebiet.
  • „Ballern” für saufen (dafür gibt es – ähnlich wie fürs Vögeln – schier endlos viele Worte) lehnt sich vermutlich an das polnische Wort balować an, doch auch das ist nicht ganz gewiss; wie denn überhaupt die Sprache an der Ruhr gar nicht so sehr vom Polnischen beeinflusst zu sein scheint. Mottek (Hammer) ist schon eine rare Ausnahme. Allerdings kommt, was man nicht vermutet hätte, auch „Dalli” aus dem Polnischen (von dalej = los, vorwärts).
  • Für gar zu dünnen „Blümchenkaffee” gibt es herrlich viele Bezeichnungen, Zitat: „Schwerterkaffee, Bodenseekaffee, Zores, Spräuz, Schlöres, Schlüntes, Plörre, Geschläpps, Bankrottsbrühe, Flöres oder Schlotterbrühe” sowie natürlich Muckefuck. Wie reich doch die Sprache in ihren regionalen Ausfaltungen ist!
  • Der Ausruf „Boah ey” stammt n i c h t aus dem Englischen, obwohl der selten fehlbare Duden es allen Ernstes behauptet…
  • „Bock” haben rührt von der Romanes-Sprache her (bokh = Hunger, Verlangen). Wer hätte das gedacht?
  • Im Rheinischen und in anderen Dialekten kann mitunter ein einziges Wort ausdrücken, was man sonst umständlich umschreiben müsste, so etwa fuckakich (für: außen schön, innen faul oder auch außen hui, innen pfui).
  • Manche Worte sind einfach umwerfend, so etwa Geheuchnis (Ort, an dem man sich besonders wohlfühlt), Halfjehang (nachlässig gekleideter Mensch), Klabusterbeeren (bröckelige Kotreste am Hinterteil), dinseln (mit kleinen Schritten gehen), Klötenköhm (Eierlikör) oder Nöttelefönes (notorischer Nörgler). Solche anregenden Schöpfungen finden sich zuhauf in diesem Lexikon.
  • Hättet ihr geahnt, dass das Wort Kneipe aus Sachsen kommt?
  • Manche Herleitungen klingen abenteuerlich, im Lexikon werden sie angemessen distanziert wiedergegeben: So soll Kasalla (Prügel) angeblich daher rühren, dass übers Knie gelegte und verprügelte Schüler bis in die 1950er Jahre in dieser misslichen Lage fast unweigerlich das überall aufgepappte Schild des Schulmöbelherstellers Casala gesehen haben. Wenn’s nicht stimmt, ist es wenigstens gut erfunden.
  • „Krass” (von lat. crassus = dick, grob) haben Studenten schon im 18. Jahrhundert als Modewort benutzt. Es hat sich als ausgesprochen haltbar erwiesen.
  • Das später so reviertypische „Malochen” ist schon um 1750 belegt und kommt nicht aus dem Polnischen, sondern aus dem Jiddischen (melocho = Arbeit).
  • „Den heiligen Jörg anbeten” oder „Kotzebues Werke studieren” bedeutet ungefähr dasselbe: sich übergeben. Das eine ist rein lautmalerisch, das andere gibt sich ansatzweise intellektuell. Ihr habt doch hoffentlich schon längst gefrühstückt? Dann seid ihr – noch so eine Redensart – „an Schmitz Backes vorbei”, habt also das Gröbste hinter euch.

Sätze mit Schakal und Schabau

Na, und so weiter, und so fort. Man möchte am liebsten noch und noch aufzählen. Aber das lassen wir mal hübsch bleiben. Schnobert doch lieber selbst mal in diesem Wörterbuch. Es lohnt sich allemal.

Doch halt! Eins noch: Ich war mal zwei Jahre lang genötigt, im Rheinland (Bonn) zu leben. Aus jener Zeit ist mir ein mundartbezogener Scherz in Erinnerung geblieben. Ihr wollt ihn doch sicherlich hören, oder? Schabau bedeutet übrigens billiger Schnaps.

„Sach mal’n Satz mit Schakal.” – (ratloses Achselzucken) – „Schakal Fööß!”
„Und sach mal’n Satz mit Schabau.” – (wieder Ratlosigkeit) – „Schabau kal Fööß!”

Peter Honnen: „Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr.” Greven Verlag, Köln. 688 Seiten, 28 Euro.

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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