TV-Nostalgie (32): Bernhard Grzimeks „Ein Platz für Tiere“ – Rituale der Possierlichkeit

Eigentlich hatten alle dauerhaften Fernseh-Erfolge mit erprobten Ritualen zu tun. So auch Bernhard Grzimeks „Ein Platz für Tiere“.

Die Sendung lief (ähnlich wie z. B. Robert Lembkes heiteres Beruferaten „Was bin ich?“) immer auf dieselbe, ungemein beruhigende Weise ab.

Schon die Begrüßung lautete stets gleich: „Guten Abend, meine lieben Freunde“, sagte Grzimek jeweils zu Beginn. Außerdem hatte er immer ein Tier aus dem Frankfurter Zoo mitgebracht, dessen Direktor er von 1945 bis 1974 gewesen ist.

Schlangen und Raubkatzen im Studio

Da die Sendung unter Live-Bedingungen entstand, gab es manchmal kleine Überraschungen, denn das Verhalten der Tiere war nicht immer vorhersehbar. Sie sprangen nicht nur unversehens über Grzimeks Tisch, sondern knabberten auch schon mal ein Sendemanuskript an oder nässten Grzimeks Jackett ein.

Gar nicht so gefährlich: Bernhard Grzimek und Gepard im TV-Studio. (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=dvWD4MwkZrg)

Gar nicht so gefährlich: Bernhard Grzimek und Gepard im TV-Studio. (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=dvWD4MwkZrg)

Ansonsten aber war die Sendung auch schon mal ein bisschen einschläfernd. Und im Grunde konnte man sich von Anfang an getrost entspannen. Selbst wenn Grzimek sich etwa eine Schlange um den Hals hängte oder einen Geparden mit ins Studio brachte, passierte nie etwas Schlimmes. Es gab höchstens ein paar putzige Vorfälle mit Affen oder Echsen. Der studierte Tierarzt und Verhaltensforscher hatte alles unter Kontrolle.

Anreize zur Parodie

Am 28. Oktober 1956 wurde die erste Folge der possierlichen (ein Grzimek-Lieblingswort) Reihe des Hessischen Rundfunks ausgestrahlt. Bis zum Beginn der 80er Jahre kamen rund 175 Ausgaben ins ARD-Programm. Produzent war übrigens Martin Jente, der gleichfalls legendäre und mit Ritualen vertraute „Butler“ aus Kulenkampffs Show „Einer wird gewinnen“.

So unverrückbar eingefahren waren alsbald die Abläufe, dass Grzimek zur Parodie reizte. Am berühmtesten wurde jene von Loriot, der mit typischer Mimik sowie charakteristisch nasaler Stimme einen täuschend echten Grzimek spielte und also solcher die gefräßige „Steinlaus“ vorstellte.

Zeitweise war Bernhard Grzimeks Rolle in der NS-Zeit umstritten. Als Regierungsrat im Reichsernährungsministerium und als Veterinär bei der Wehrmacht hat er jedoch offenbar keine besondere Schuld auf sich geladen.

Oscar für Serengeti-Film

Moralapostel haben sich über sein Privatleben empört. Grzimek zeugte uneheliche Kinder und heiratete 1978 in zweiter Ehe ausgerechnet eine vormalige Schwiegertochter, die Witwe seinen verstorbenen Sohnes Michael. Doch das sind Tratsch-Geschichten von vorvorgestern.

Bleibende Verdienste hat sich Grzimek als Tierfilmer erworben: Die Dokumentation „Serengeti darf nicht sterben“ weckte das Bewusstsein für die Bedrohung der afrikanischen Tierwelt. Bei einem Flug zu den Dreharbeiten kam Grzimeks Sohn Michael im Januar 1959 ums Leben. Er hat nicht mehr erlebt, dass es 1960 für den Film sogar einen Oscar gab.

Pionier des Umweltschutzes

Prof. Dr. Bernhard Grzimek (1909-1987) gilt überdies als ein Vorläufer der deutschen Tier- und Umweltschutzbewegung, wenn nicht gar als ein Urahn der „Grünen“.

1970 machte ihn Kanzler Willy Brandt zum Bundesbeauftragten für Umweltbelange. Mit Horst Stern und anderen Aktivisten gründete Grzimek 1975 den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Auch setzte er sich zeitlebens für die artgerechte Haltung von Zootieren und für Schutzräume in den Herkunftsländern ein. Zudem zählte er zu den allerersten, die die massenhafte Haltung von Nutztieren anprangerten. Wenn das keine Lebensleistung ist!

_______________________________________________________________

Vorherige Beiträge zur Reihe:

“Tatort” mit “Schimanski” (1), “Monaco Franze” (2), “Einer wird gewinnen” (3), “Raumpatrouille” (4), “Liebling Kreuzberg” (5), “Der Kommissar” (6), “Beat Club” (7), “Mit Schirm, Charme und Melone” (8), “Bonanza” (9), “Fury” (10), Loriot (11), “Kir Royal” (12), “Stahlnetz” (13), “Kojak” (14), “Was bin ich?” (15), Dieter Hildebrandt (16), “Wünsch Dir was” (17), Ernst Huberty (18), Werner Höfers “Frühschoppen” (19), Peter Frankenfeld (20), “Columbo” (21), “Ein Herz und eine Seele” (22), Dieter Kürten in “Das aktuelle Sportstudio” (23), “Der große Bellheim” (24), “Am laufenden Band” mit Rudi Carrell (25), “Dalli Dalli” mit Hans Rosenthal (26), “Auf der Flucht” (27), “Der goldene Schuß” mit Lou van Burg (28), Ohnsorg-Theater (29), HB-Männchen (30), „Lassie“ (31)

“Man braucht zum Neuen, das überall an einem zerrt, viele alte Gegengewichte.” (Elias Canetti)

teilen, mailen, druckenShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterPin on PinterestShare on LinkedInShare on TumblrShare on StumbleUponEmail this to someonePrint this page

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Natur, Weite Welt abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.