
Eine prominente Rolle spielt in Puccinis „Mädchen aus dem goldenen Westen“ der Herrenchor der Oper Bonn, hier in einer Szene mit Devid Cecconi (Jack Rance) und Yannick-Muriel Noah (Minnie, ganz rechts). Foto: Sandra Then
Kein stickiger Saloon, keine enge Blockhütte für „La Fanciulla del West“ an der Oper Bonn. Daniela Kerck baut für ihre Inszenierung der Wildwest-Oper Giacomo Puccinis einen großzügigen Saal mit hohen Fenstern und einer mehrstöckigen Bar. Das passt eher in ein New Yorker Nobelhotel als auf den „verfluchten Boden“ des „goldenen Westen“.
Auch für die Behausung Minnies bleibt der Raum weit und offen. Durch die Fenster fällt der Blick auf Astrid Steiners Videos: Im Chamois-Farbton alter Filme ziehen Schienen und Stollen vorbei, prangt ein stolzer Seeadler, strömen Regen und Schnee, fallen Gebilde vom Himmel, die an Nuggets erinnern. Und immer wieder das Bild einer kargen, trockenen Landschaft mit einer Windpumpe. Ganz nach Puccinis Intentionen wird das Land in die Szene hereingeholt, aber Steiner zeigt keine Landschaftsidylle, keine Illustration. Sturmgetriebene Wolken stehen für die sich ballenden Emotionen; der Schnee liegt im dritten Akt auch auf dem Tresen der Bar: Der Zug zum Surrealen ist unübersehbar.
Daniela Kerck stellt in dieses Setting echte Kerle aus Filz und Leder. In Andrea Schmidt-Futterers Kostümen darf sich das Wild-West-Klischee ungeniert austoben. Die Szenen erinnern an die großen Abenteuer-Epen der Filmgeschichte und setzen einen Kontrapunkt zur noblen Architektur ihrer Umgebung. Hier wird geschuftet, damit es dort prächtig prunkt: Der kapitalistische Fluch des Goldes – die einen bleiben arm, die anderen werden märchenhaft reich – ist nicht ausgespielt, aber in der Gestalt der Bühne angedeutet. Der Schluss tendiert zu einer ins Surreale spielenden Utopie: Gnade statt Gerechtigkeit; der Weg in die Zukunft ist frei. Offen bleibt, ob er glücklich wird.
Fulminanter Herrenchor
Die Regisseurin bleibt nah am Libretto und lässt der Spannung ihren Raum zwischen dem Sog der Menge, die der fulminante Herrenchor der Oper Bonn suggestiv in Klang kleidet, und den Nöten und Sehnsüchten der Einzelnen. Da ist die „Nostalgia“ von Larkens (Will Frost), die Puccini erst nur in ein paar Tönen einfängt, die aber bald in heftigem Heimweh ausbricht. Da sind die harmlosen Lügen von Kellner Nick (Gillen Munguia), der den liebessüchtigen Männern einflüstert, was sie hören wollen. Da ist das sehnsuchtsvolle Lied von Jake Wallace (Aluda Todua), dem ein Chor in träumerischem Piano antwortet. Und da gibt es auch die scheinbar aus dem Nichts ausbrechende Aggression, als der Falschspieler Sid (Jakob Mahase) aufgedeckt wird oder der Sheriff mit Sonora (Tobias Greenhalgh) streitet.

Devid Cecconi (Jack Rance), Yannick-Muriel Noah (Minnie), George Oniani (Dick Johnson). Foto: Sandra Then
In diese Szene platzt Minnie, eine der komplexesten Frauenfiguren Puccinis. Denn die burschikose Autorität, mit der sie die Männer bändigt und in einer Bibelstunde in die Rolle naiver Lämmer bugsiert, ist nur ein Aspekt ihrer Persönlichkeit. Minnie ist wie ein schüchternes Girl, das sich selbst noch nicht gefunden hat, und gleichzeitig eine erfahrene Frau, die tief in die Seelen der Männer schaut und klug handelt. Sie ist resolute Kneipenwirtin, Goldverwalterin mit Vertrauensvorschuss, Lehrerin, Trösterin, Mutterersatz, Projektionsfigur erotischen Verlangens, Autoritätsperson. Ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse melden sich erst zu Wort, als der Eros ihr Inneres berührt. Und in dem Moment versagt auch ihre Menschenkenntnis: Dass „Dick Johnson“ der gesuchte Verbrecher Ramerrez ist, muss ihr von außen gesagt werden.
Facettenreicher Sopran

Yannick-Muriel Noah. Foto: Oper Bonn
Für die Facetten dieser Rolle bringt Yannick-Muriel Noah eine Sensivität im Spiel mit, wie sie selten zu erleben ist. In der kleinen Geste, in einem minutiösen Spiel mit Mund und Augen, mit einem Wechsel in der Körperhaltung drückt sie aus, was in Minnie vorgeht. Dazu passt ihr voluminöser, beweglicher, vibratosatter Sopran mit seinen Mitteln vom lockeren Parlando bis zum erregten Schrei, vom zupackenden Ansatz bis zum weit ausgesponnenen Arioso. Minnie gehört sicher zu den überzeugendsten Rollen ihrer an bemerkenswerten Frauenporträts nicht eben armen Karriere.
Dass es bei Puccini nicht um Lichtgestalten und Bösewichter geht, wird auch in den Konturen der männlichen Rollen klar: Devid Cecconi ist mit glänzend fokussierter, rau tönender Stimme ein zynischer Sheriff, aber dieser Jack Rance hat auch seine zärtlichen, bedürftigen Seiten. George Oniani zeigt den ambivalenten Charakter des Ramerrez alias Dick Johnson – ein Mann, der nicht freiwillig zu dem geworden ist, was seine Existenz ausmacht. Wo manche Tenöre zur Larmoyanz neigen, zeigt er sein verletztes Ich; wo andere sich an den dramatischen Impetus verlieren, versucht er, die Emission strahlender Töne zu kontrollieren und in Schönheit zu fassen. Eine beeindruckende Solisten-Crew, die sich hören lassen kann.
Spannende Orchesterdetails
Hören lassen kann sich auch das Beethoven Orchester unter seinem Chef Dirk Kaftan. Sicher bekommt die entfesselte Wucht ihr Recht, wo Puccini auf bläsergestützte große Akkorde setzt. Aber dringlicher, sinnlicher sind die leisen Klänge, die Mezzoforte-Zwischentöne, die detailliert durchformten kammermusikalischen Passagen.
Kaftan macht den Komponisten, nicht den Klangschwärmer Puccini zur Hauptperson: Die für die Metropolitan Opera von 1910 wohl anstößigen Schroffheiten, die an Claude Debussy erinnernde aparte Harmonik, der textanalytische Verzicht auf schwelgerische Melodie haben damals den Erfolg der Oper nicht eben befördert, lassen heute Puccini aber modern erscheinen. Das Beethoven Orchester strebt weniger nach dem filmischen Sound (den Puccini vorgeprägt hat!), sondern will unter den großen Bögen die spannenden Details entdecken. Das gelingt, und wie Kaftan Puccini nahe an den musikalischen Impressionismus heranrückt, wirft er ein bestechend klares Licht auf die Qualitäten dieser Partitur.
Dennoch muss auch in der Gegenwart das „Mädchen aus dem goldenen Westen“ hinter die Trias der ewigen Renner „Tosca“, „La Bohème“ und „Madama Butterfly“ zurücktreten – doch in den letzten beiden Jahrzehnten zeichnet sich eine Trendwende abzeichnet: Neuinszenierungen der „Fanciulla“ nehmen zu, so gut wie alle großen Häuser haben das Werk herausgebracht. In der Region Rhein-Ruhr wurde die Oper in jüngster Zeit in Essen und selbst an den kleineren Häusern Detmold und Hagen neu inszeniert.
Weitere Vorstellungen: 1., 21., 26. November; 4. Dezember. Karten im Internet oder telefonisch unter (0228) 77 80 08.