Monatsarchive: Dezember 1995

Wenn die Gespenster aus den Grüften der Geschichte steigen – „Der Blick des Odysseus“ von Theo Angelopoulos

Von Bernd Berke

Theo Angelopoulos ist ein Mann der Grenzbezirke. Seine Filme spielen meist im leeren Niemandsland zwischen den Staaten, gleichsam auf äußerstem Vorposten am Saum unserer Zeit. Auch „Der Blick des Odysseus“ scheint sich in unbestimmte Fernen zu richten. Doch er hat ein Ziel.

Der antike Mythenheld tritt hier als griechischer Filmemacher mit dem Kürzelnamen „A“ in Erscheinung. Dieser kehrt aus dem US-Exil heim und begibt sich auf die Suche nach den sagenhaften Filmen der Brüder Manakis vom Beginn des Jahrhunderts. „A“ will auf den uralten Zelluloidstreifen „die Unschuld“ der Bilder wiederfinden.

Klingt etwas anstrengend. Und tatsächlich gibt es ja kaum einen Regisseur, der mit höherem Kunstanspruch daherkommt als Angelopoulos. Doch seine flehentliche Odyssee hat durchaus reale, wenn auch schwer faßbare Hintergründe: die seit dem Zusammenbruch des Kommunismus aus den Grüften der Geschichte aufsteigenden Gespenster.

Zu Beginn gerät der Filmemacher in einen furchterregenden Fackelzug dumpfer religiöser Fundamentalisten. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus, so erfährt man auf der dreistündigen Suchreise durch Europas Südosten, werden solche totgeglaubten Geister wieder schrecklich wach – Jugoslawien ist nur das krasseste Beispiel.

Veröffentlicht unter Kino | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für Wenn die Gespenster aus den Grüften der Geschichte steigen – „Der Blick des Odysseus“ von Theo Angelopoulos