Stichworte oder: Was man so mithört

Manche Leute berichten von einem „Zuhörzwang“, der sie beispielsweise befällt, wenn am Nebentisch des Restaurants oder Cafés halblaut gesprochen wird. Man will ja nicht indiskret sein, jedoch… Aber soll man etwa freiwillig zu einem anderen Tisch wechseln? Nö.

Meist ist das freiwillige Hören doch angenehmer – etwa mit einer solchen Gerätschaft. (Foto: Bernd Berke)

Etwas anders verhält es sich mit zufällig aufgeschnappten Einzelworten jener, die einem auf Spazier- und sonstigen Gängen begegnen. Das lässt sich ja nun mal gar nicht vermeiden. Oft kann man daraus das ungefähre Thema des laufenden Gesprächs erschließen. Nicht selten geht es um Geld (Stichworte z. B. „Euro“, teuer, Preise, Kosten, Steuern, Schnäppchen), um Krankheiten, um Kummer in der Partnerschaft oder auf Partnersuche, Ärger mit Chefs („Sagt der doch zu mir…“) und/oder Kollegen, Sorgen um die Kinder bzw. Eltern. Der normale Alltagskram also. Politisches Schimpfieren kommt gelegentlich hinzu.

Dieser Tage kam mir allerdings eine Dame entgegen, die im Vorübergehen am Telefon das Wort „Gasexplosion“ aussprach. Worum es sich da wohl im Einzelnen gehandelt haben mag? Sie wird doch nicht etwa einen solchen Vorfall geplant haben? Nein, so wirkte sie ganz und gar nicht. Außerdem werde ich doch niemanden wegen eines einzigen Zufallswortes verpfeifen. Wie stünde ich dann da?

Ein häufiger Sonderfall sind jene unfreiwillig mitgehörten, vollends ungenierten Handy-Telefonate, bei denen sich leider nicht nur einzelne Lautfolgen, sondern ganze Kaskaden von Wörtern über die Ohrenzeugen ergießen. Was bekommt man da nicht alles zu hören! Da melden sich manche im Bahnabteil gleich höchst witzig mit „Was kann ich gegen Sie tun?“ oder gar mit „Hallöchen, Popöchen!“ Wichtige Dienstgespräche halt. Als zweite Äußerung wird vom gemeinen Dummbatz gern „Alles fit im Schritt?“ verwendet. Im Donald-Duck-Heft läse man an dieser Stelle: „Stöhn!“ oder „Ächz!“

Einen habe ich noch: Offenbar schier gelb vor Neid war jene Frau, die ihren Mann folgendermaßen anzischelte, nicht ahnend, dass ich ihren grenzenlosen Frust vernommen habe: „Die haben (unverständlich gemurmelte Aufzählung)… Und was haben wir? Nichts!“

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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