Tagesarchive: 24. November 2012

Mario Desiatis Roman „Zementfasern“: Das vergiftete Leben in der Fremde

Cover Download Wagenbach Verlag „Die Vorfahren hatten ihr Leben damit zugebracht, einen sicheren Fleck Erde zu suchen. Einen Schutzraum, wo man abwarten kann, bis die Zeiten sich bessern.“

Mit einer sehnsüchtigen Erinnerung an sonnenglänzende Tage am Meer beginnt „Zementfasern“, der erste ins Deutsche übersetzte Roman des in Italien hochgeachteten Autors Mario Desiati. Doch Heimat ist (leider) auch keine Lösung. Diese Lektion lernt Desiatis nonkonformistische Heldin Mimi früh und sie wird ihr ganzes Leben bestimmen.

Mimis Heimat liegt in der apulischen Provinz Lecce, unweit der Küstenstelle, wo ionisches und adriatisches Meer aufeinander treffen. Mit 15 Jahren muss sie diese Heimat verlassen, ihren Eltern ist es nicht länger möglich, dort für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Sie emigrieren in die Schweiz und es beginnen entbehrungsreiche Jahre. Jahre aus Glas und Zement. In den siebzigern Jahren war es ein ganzer Strom von Menschen aus Kalabrien, Sizilien und Apulien, die sich auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Schweizer Fabriken unter härtesten Bedingungen verdingten. Mimis Vater findet Arbeit in einer Zementfabrik, die Familie lebt in einem Verschlag in einer gläsernen Halle. Die Arbeit ist weitaus gefährlicher, als es den Anschein hat. Der Zement nährt sie, aber er zerstört sie auch. In den Fabriken wird Eternit hergestellt, bei der Arbeit atmen die Männer giftige Asbestdämpfe und Zementfasern ein, die ihre Gesundheit auf ewig zerstören werden. Da ist es nur mehr eine höhnische Randnotiz, dass der Markenname Eternit dem englischen Eternity (Ewigkeit) entlehnt ist.

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