Frank Sinatra: Hymnen aus dem Herzen von Amerika

Von Bernd Berke

Dortmund. Seine Stimme ist etwas brüchig geworden. Doch er hat’s noch: Feeling für den Swing. Ausstrahlung. Draht zum Publikum. Frank Sinatra gab in der nicht ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle ein bewegendes Konzert zum Auftakt seiner wohl letzten Deutschland-Tournee.

Wer die Halle sonst eher durch Rockkonzerte kennt, sieht es mit Staunen: Die Seitenwandungen sind mit weißem Tuch verhüllt, die Ordnungskräfte bleiben so gut wie unsichtbar. Tumulte muß bei dieser Gala niemand fürchten. Die Leute (von 20 bis 70, mit Schwerpunkt bei mittleren Semestern) haben sich extra fein gemacht und benehmen sich respektvoll, wie es einem älteren Herrn gebührt.

Wer aber hat nur vorher das häßliche Gerücht aufgebracht, der 77 jährige Sinatra werde gleichsam auf die Bühne getragen und dann am Barhocker festgeschnallt? Nichts da! Er bestreitet fast seinen gesamten 75-Minuten-Auftritt im Stehen. Hilfe nimmt er nur für sein Gedächtnis in Anspruch. Wer will es ihm ankreiden? Auf Bildschirmen laufen die Texte in großer Schrift mit. Auch ist Sinatra schon mal der Name eines Komponisten oder Arrangeurs entfallen. Da hilft der Chef der Big Band – niemand anderes als Sohn Frank Sinatra junior – gerne mit Zurufen aus.

Noch einmal „Strangers in the Night“

Doch wie „Frankie-Boy“ seine immer noch virile Stimme einsetzt, wie er mit sparsamen Gesten gewisse Zeilen unterstreicht und in der Riesenhalle intime Nachtbar-Atmosphäre aufkommen läßt, das macht ihm so keiner nach.

Natürlich singt er seine Millionenseller, allen voran die ganz großen Drei: „Strangers in the Night“, „New York“ und, als Schlußtitel, „My Way“. Jeder Song eine Hymne für sich. Amerika pur, unverdünnter Whisky, reine Goldnuggets. Bei „Mack the Knife“ (Mackie Messer) von Brecht/Weill legt er sich ins Zeug, daß man beinahe Angst bekommt. Und wenn „The Voice“ Melodien von Cole Porter anstimmt, wird auch dessen Geist lebendig.

Nicht zu vergessen diese lakonischen Ansagen und Bewegungen eines Mannes, der alle Höhen und Tiefen erlebt hat und nun nicht mehr viele Worte machen muß. Wenn Sinatra sich auf der Bühne eine Zigarette anzündet, ist das eine kleine Festlichkeit, beiläufiges Zitat zur eigenen Legende. Andere brauchen gigantische Lightshows, um über die Rampe zu kommen. Sinatra braucht hin und wieder nur ein Feuerzeug.

Starker Rückhalt ist die Big Band, die das Publikum zu Beginn mit dem eminent begabten Jazz-Gitarristen und Sänger John Pizzarelli einstimmt. Auch Sinatra kann sich dann auf die 24 Musiker in jeder Sekunde verlassen. In der diesmal sehr ordentlichen Akustik der Halle kommen etwa die Bläsersätze glasklar, schmetternd und schneidend an. Da bedauern es manche nur, daß sie so still eingepfercht sitzen müssen bei solch tanzbarer Musik.

Sinatra lobt die Halle. Er kenne kaum eine bessere Konzert-Arena. Besonders wichtig: ringsum gebe es viele „Saloons“. Das Publikum lobt zehnfach zurück. Immer wieder gibt es standing ovations. Am Schluß, als er die Bühne verläßt wie für immer, stehen besonders einigen „Ladies“ die Tränen in den Augen. Wie singt Frankie doch: „I got you under my Skin“. That’s it. Ein Abschied, der unter die Haut geht.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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