Mit Marionetten aus der Finsternis heraus: „Herzfaden“ – Thomas Hettches Roman über die Augsburger Puppenkiste

Auf diese Idee musste mal einer kommen: einen Roman rund um die legendäre „Augsburger Puppenkiste“ zu schreiben, innig verwoben mit den Zeitläuften in Weltkriegs- und Nachkriegszeit – und mit Ausläufern ins Heutige. Thomas Hettche ist derjenige, welcher. „Herzfaden“ heißt sein Buch. Der (auf Seite 64 erläuterte) Titel bezieht sich auf jenen unsichtbaren Faden, mit dem die Marionetten „am Herzen der Zuschauer festgemacht“ seien. Eben dies und ihre (im Gegensatz zu Schauspielern aus Fleisch und Blut) völlige Uneitelkeit machten ihre besondere Grazie aus.

So jedenfalls stellt es sich – im fernen Gefolge eines Heinrich von Kleist („Über das Marionettentheater“) – der Puppenkisten-Begründer Walter Oehmichen vor, mit dessen Fernseh-Aufführungen Generationen von bundesrepublikanischen Kindern aufgewachsen sind. Die äußerlich windungsreiche, aber letztlich auch gradlinige Handlung, die etwa mit Beginn des Zweiten Weltkriegs einsetzt und bis weit in die 1950er Jahre reicht, wird jedoch nicht aus seiner Perspektive erzählt, sondern aus der seiner 1931 geborenen Tochter Hannelore, genannt Hatü. Damit kommt im Wesentlichen eine Erzählhaltung aus kindlicher und sodann jugendlicher Unschuld, kommt auch unverdorbene Empathie ins Spiel, die mit Verwunderung und Irritation die Geschehnisse registriert – vom NS-Biolehrer mit seinen rassistischen Auslassungen bis zum „Verschwinden“ der jüdischen Einwohner, darunter auch eine Mitschülerin und deren Eltern.

Niemand entgeht der Verstrickung

Ganz ohne Verstrickung kann freilich auch Hatü nicht bleiben. Hettche verdichtet diesen Befund anhand eines Kasperle-Kopfes, den zunächst die immer leidenschaftlicher zu Werke gehende Hatü geschnitzt hat – freilich unbewusst nach dem Muster jener grauenhaften „Stürmer“-Zerrbilder von „nichtarischen“ Menschen. Vater Walter „korrigiert“ die Kasper-Fratze, weil Hatü vor ihrem eigenen Marionettengeschöpf Angst hat. Auf diese Weise wird ein ach so lustiger Heil- und Trostbringer im Ungeist der Truppenunterhaltung daraus. Auch noch nicht das Wahre. Doch es wird klar: Niemand kann sich aus seiner Zeit gänzlich heraushalten. Selbst der Kasper ist politisch. Harmlosigkeit geht nicht mehr.

Das changierende Bild des Kaspers, das auch in einer teilweise geisterhaften Gegenwarts-Handlung aufgegriffen wird, erweist sich als sinnhafte Verkörperung des allgemeinen Zwiespalts, ja der Verderbnis. Gegenwarts-Handlung? Jawohl. Ein Mädchen von heute, Scheidungskind mit allfälligem iPhone, verirrt sich auf einem labyrinthischen Dachboden mit den Augsburger Marionetten und trägt – wie einst Hatü, die ihr nun aus dem Jenseits hilft – Konflikte des Erwachsenwerdens aus, allerdings eher auf symbolischer Ebene und nicht auf lebensgefährlichem Terrain. Die entsprechenden Passagen sind rot gedruckt, während die (weit überwiegenden) Vergangenheits-Texte bläulich schimmern. Hat man den Lesenden nicht zugetraut, die Trennlinien selbst zu ziehen? Egal. Auch im „roten Bereich“ entwickeln die Marionetten (allen voran das Urmeli, Kalle Wirsch und Jim Knopf, aber z. B. auch der klapprige Tod, Kater Mikesch und der Kalifen-Storch) jedenfalls ein Eigenleben, von dem allzu erwachsene Menschen nichts ahnen.

Verfilmung ist bestens vorstellbar

Thomas Hettche hat zahlreiche Alltagsdetails aus den Jahrzehnten der Puppenkisten-Geschichte recherchiert. Teilweise trägt er das jeweilige Zeitkolorit ziemlich pastos auf. Damit wir nur ja glauben, dass wir jetzt in den Fünfzigern angelangt sind, müssen Stichworte wie Caprihosen, Pepitamuster und Jeans wie Trümpfe gezogen werden. Zuweilen wirken die Zeitenwechsel somit etwas konstruiert, stellenweise beinahe schon (um im Metier des Marionettentheaters zu bleiben) nach Art einer Kulissenschieberei. Bloße Signale stehen dann für die eigentliche Signatur jener Zeiten. Zum Glück erschöpft sich der Roman darin beileibe nicht.

Aufs Ganze gesehen, gelingt es dem Autor ja, die fragilen (und doch haltbaren) Träume vom Theater in entbehrungsreichen Zeiten so fasslich und anschaulich zu erzählen, dass man sich auch eine baldige Verfilmung bestens vorstellen kann. Vielleicht ist eine solche schon geplant. Bei entsprechender Begleitung dürften das Buch und ein etwaiger Film auch für Kinder ab etwa 11 oder 12 Jahren geeignet sein. Phasenweise erinnern manche Szenerien an die beachtliche Kinoversion von Judith Kerrs „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Kerr war jedoch zutiefst und schmerzlich in der erzählten Zeit verwurzelt, während Hettche (Jahrgang 1964) sich eben einiges zusammenreimen muss. Gewiss kein Vorwurf, sondern Feststellung. Jemand ohne Hettches schriftstellerische Erfahrung wäre an einem solchen Unterfangen wohl gescheitert.

In den frühen Fernsehtagen

So entfaltet sich die facettenreiche Geschichte denn doch zum vielfach aufschlussreichen Zeitbild. Nur ein paar Stichpunkte: Da ist der Vater Walter Oehmichen, von Hatü und ihrer Schwester Ulla arg vermisst, als er zum Kriegsdienst eingezogen worden ist und hernach (welch‘ eine Form der „Bewältigung“) für die Idee einer künftige Märchenbühne entbrennt. Nach und nach, in wechselnden Besetzungen, wird der mit heißen Herzen verfolgte Traum – mit allerlei Rückschlägen – Wirklichkeit, bis im Januar 1953 gar die erste NWDR-Fernsehübertragung der Puppenkiste („Peter und der Wolf“) ansteht, anfangs noch pausenlos live durchgespielt, später dann stückweise aufgezeichnet.

Just in jenen wirren Nachkriegsjahren übernimmt die nebenher in erste Liebesdinge eingesponnene Hatü zusehends die Geschicke der Puppenkiste und es beginnt das Ringen um neue, zeitgemäße Stoffe jenseits der Märchen. Dafür steht St. Exupérys „Kleiner Prinz“, dafür steht schließlich – gegen Ende des Romans – die Begegnung mit Michael Ende, der sich die wunderbare Geschichte von Jim Knopf ausgedacht hat, deren Umsetzung zum wohl allergrößten Erfolg der Augsburger Puppenkiste wurde.

Im Sinne eines stets wachen Bewusstseins, welchen finsteren Zeiten man entronnen ist und was der Finsternis allzeit entgegenzustellen wäre, gehen die blaue und die rote Geschichte glimpflich oder gar „gut“ aus. Und so darf auch das Mädchen von heute (das mit dem iPhone) am Schluss erleichtert aus der Dunkelheit ins Freie treten und ihr Leben recht eigentlich beginnen. Im Dachboden-Land der Marionetten, das wundersam Vergangenheit und Gegenwart umschließt, hat sich für sie so manches geklärt.

Thomas Hettche: „Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste“. Kiepenheuer & Witsch. 288 Seiten, 24 Euro.

 

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, vereinzelte Buchbeiträge, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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