
Die Welt als Dorf: Pia Maria Mackert hat die Bühne für „Imagine“ am Schauspiel Köln entworfen (Foto: Marcel Urlaub)
Die Welt ist zum Dorf geschrumpft: in der Mitte eine Kirche samt Vorplatz und Gartenzaun, drum herum drei Häuser, das war’s auch schon, puppenstubenhaft und öde. Live-Kameras kreisen auf Schienen durch diese Kulisse, die befremdlich künstlich aussieht. In Netflix-Ästhetik übertragen sie auf Leinwände, was sich in den Zimmern abspielt, erfassen aber auch die Hinterhöfe – die Kehrseite dieser seltsamen Siedlung, in der alle irgendetwas tun, aber niemand ein einziges Wort spricht.
105 Minuten lang reiht das Stück „Imagine“ am Schauspiel Köln Szenen aneinander, zu denen das Publikum sich die Geschichten selbst ausdenken muss. Sie sehen Menschen zu, die einander begegnen und doch seltsam beziehungslos bleiben. Die in hopperhafter Vereinzelung hinter Glasscheiben sitzen und ins Leere starren, bezahlten Sex haben, sich auf dem Amt mit Formularen herumschlagen oder befremdliche religiöse Rituale pflegen. Kölns Schauspielchef Kay Voges und sein Dramaturg Alexander Kerlin haben eine Vorstellung geschaffen, die unentwegt mit der Vorstellungskraft spielt. Peter Handkes gleichfalls sprachloses Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ hat geistig Pate gestanden.
Zugleich wirkt „Imagine“ wie eine Fortschreibung der „Borderline Prozession“, die Voges und Kerlin 2016 im Dortmunder Megastore verwirklicht hatten. „Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben. Wie auch sonst im Dasein“, war damals auf den Videoleinwänden zu lesen. Das gleiche gilt für „Imagine“: Ob sich aus den Mini-Szenen, aus der Aneinanderreihung von Momentaufnahmen letztlich ein Sinn ergibt, bleibt auf eine Weise unklar, die schwer auszuhalten ist. Das Bedürfnis nach einer Geschichte, einem größeren Handlungsstrang wird nicht befriedigt – das Hirn versucht, die fehlenden Mosaiksteine zu ergänzen und rattert wie im Hamsterrad. Es ist ein Abend zwischen staunender Faszination und leiser Ermüdung.
Durch das Kreisen der Kameras, deren langsame Fahrt das Tempo vorgibt, entsteht aber auch ein Sog, der durch die Musik von Tommy Finke verstärkt wird. Titel wie „Alone“ von The Cure oder „Personal Jesus“ von Depeche Mode wirken teils wie ein Kommentar zur Szene, treffen aber auch eigene Aussagen: zum Beispiel „Who by fire“ von Leonard Cohen, das einem jüdischen Gebet entsprechen verschiedene Todesarten aufzählt – durch Feuer, Wasser, Hunger und Krieg. Auch Johann Sebastian Bach kommt zu Ehren, während eines bizarren Abendmahls in der Kirche, bei dem Uwe Schmieder als eine Art Christusfigur zum wiederholten Mal den Nackedei vom Dienst geben muss.
Wenn das Live-Videobild durch KI-Sequenzen verfremdet wird, verwandeln sich die Figuren auf der Leinwand plötzlich in phantastische Wesen, wie sie in den Bildern von Hieronymus Bosch vorkommen. Die Welt, hier Voges Wille und Kerlins Vorstellung, verändert sich durch KI-generierte Träumereien. Dazu passt das Motiv der Pilze mit ihrer halluzinogenen Wirkung. Auch Äpfel tauchen in dem symbolträchtigen Bilderreigen immer wieder auf.

Edward Hopper lässt grüßen: In „Imagine“ bleiben die Figuren letztlich beziehungslos (Foto: Marcel Urlaub)
Es ist herausfordernd, mitunter anstrengend, 19 Schicksale gleichzeitig zu erleben. Mit dem Lärm eines tieffliegenden Kampfjets nimmt die Produktion Tempo auf. Immer mehr Flecktarn-Uniformen tauchen auf, aus dem Amt wird mutmaßlich ein Rekrutierungsbüro. Das Ensemble tanzt eine martialische Choreographie zu wild zuckendem Stroboskoplicht. Wenn eine als Schneewittchen kostümierte Schauspielerin schließlich „Imagine“ von John Lennon und Yoko Ono anstimmt, liegen alle wie tot auf der Bühne. Voges und Kerlin karikieren die Botschaft, indem sie zwei Gartenzwerge terzselig mitsingen und das Utopie-Pathos in Kitsch kippen lassen.
Das Schlussbild erinnert an das Ende von Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“: Eine junge Frau richtet sich auf, ein Spot erleuchtet ihre Figur. Sie blickt nach oben ins Licht – und beißt kraftvoll in einen der roten Schneewittchen-Äpfel. Ein trotzig hoffnungsvolles Bild, vielleicht eher Fragezeichen als Erlösung.
(Termine und Informationen: www.schauspiel.koeln)


