Ein Lebenslauf als explosive Kettenreaktion – Paul Austers Roman „Leviathan“

Von Bernd Berke

„Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rande einer Straße in die Luft gesprengt.“ So explosiv läßt der Amerikaner Paul Auster seinen Roman „Leviathan“ beginnen.

Was war das für ein Mann, der der Sprengladung zum Opfer fiel? Diese Frage umkreist das Buch. Denn der Ich-Erzähler und Schriftsteller Peter Aaron hat ihn gekannt, jenen Benjamin Sachs. Doch hat er ihn wirklich gekannt? Zitat: „Wenn es jedoch stimmen sollte, würde dies bedeuten, daß menschliches Verhalten undurchschaubar ist. Es würde bedeuten, daß niemals irgend etwas verständlich ist.“

Alles geschieht, und sei es noch so unwahrscheinlich. Immer wieder muß Peter Aaron seine Vermutungen widerrufen, wenn er – im Wettlauf mit staatlichen Stellen – das Leben von Sachs nachzeichnen will. Dessen Biographie scheint undurchschaubaren Regeln gefolgt zu sein. Es gibt in diesem Roman ständig Wendepunkte, die vom puren Zufall regiert werden. Die Mechanik dieser Zufälle wirkt jedoch so vielsagend, als habe ein großer Konzeptkünstler seine planende Hand im Spiel. Tatsächlich taucht eine Künstlerin, die mit neurotischer Beharrlichkeit in fremde Lebenslaufe eingreift und Chaos heraufbeschwört, als Maria Turner (sprechender Name: eine, die für Wendungen sorgt) auf.

Das Privatleben des Schriftstellers Sachs wird von seiner Kindheit bis zur Ära Ronald Reagan aufgefächert: seine sonderbare Ehe mit Fanny, seine schwierige Freundschaft mit dem Erzähler Aaron, sein stetes Getriebensein, seine düster-komplizierten Büßerphantasien, in denen er für alles und jedes die Verantwortung übernehmen und notfalls unter Einsatz seines Lebens Abbitte leisten will. Ein seltsamer Heiliger. Im Lauf der Erzählung wird Sachs zu einer Art Monument. Er gleicht manchmal fast seiner Lebens-Leitfigur, der Freiheitsstatue.

Sachs, der als Instanz nur den Naturapostel H. D. Thoreau gelten läßt und meint, der „Leviathan“ (apokalyptischer Drache, totalitärer Staat) namens Amerika habe alle Ideale verraten, wird in der Ellenbogen-Ära Reagan zum waidwunden Außenseiter. Ihm geschehen wildeste Dinge: Da erschlägt er in einer nahezu alttestamentarischen Situation eineu Mann, nistet sich bei dessen Witwe ein, gibt ihr jeden Tag 1000 Dollar und schläft mit ihr. Da stürzt er bei einer Party vom Dach und bricht sich beinahe das Genick – ein vertrackter Vorfall, aus dem er eine ganze Todes-Philosophie schmiedet. Schließlich driftet er in eine sonderbare Form des Terrorismus‘ ab. Ein Leben wie eine Kettenreaktion.

Paul Austers (von Werner Schmitz sehr flüssig übersetzter) Roman nimmt uns mit auf eine irritierende und spannende Such-Reise nach der Wirklichkeit eines Lebens. Eine Ankunft gibt es nicht. Aber immer neue Anläufe und Aufbrüche.

Paul Auster: „Leviathan“. Roman. Rowohlt-Verlag, Reinbek. 320 Seiten, 42 DM.

image_pdfPDFimage_printDrucken

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.