Wieder Leben in den Hallen – am Wochenende startet die erste Ruhrtriennale der neuen Intendantin Barbara Frey

Barbara Frey ist die Intendantin der Ruhrtriennale 2021 bis 2023. (Foto: Daniel Sadrowski/Ruhrtriennale)

Warum das Festival diesmal kein Motto habe, wurde Barbara Frey gefragt. Bevor sie antwortete, und das ist eigentlich sympathisch, dachte die neue Intendantin der Ruhrtriennale erst einmal nach. „Ich bin skeptisch gegenüber Überschriften“, sagte sie dann, und auch das Wort Leitlinie, das jemand in den Raum gestellt hatte, war nicht so recht ihres. Aber wiederkehrende Fragen gebe es im neuen Programm durchaus, etwa die, wie wir mit unseren Erinnerungen umgingen.

Geist oder gar Geister

Oder mit dem Geist, den Geistern gar, die in den alten Industriehallen wohnen. Vielleicht werden die Frühaufsteher einigen von ihnen begegnen, wenn, sie, schlaftrunken noch, sich zum Auftaktkonzert in die Gladbecker Maschinenhalle Zweckel schleppen, wo die Pianistin Virginie Déjos ab 5 Uhr in die Tasten greifen und nächtlich-morgendliche Melodien zu Gehör bringen wird. Das aktuellste Stück ist von Chris Watson, stammt aus diesem Jahr und heißt Räumliches Klangstück (Uraufführung), zudem sind Arbeiten von Maurice Ravel (Gaspard de la nuit, 1908) und Salvatore Sciarrino (De la nuit, 1971) zu hören, anschließend gibt es Frühstück.

Etwas unheimlich

Atmosphärisch werden die Geister des Morgengrauens ganz sicherlich zugegen sein. Und warum gerade die Halle Zweckel? Sie sei von ihr berührt gewesen, sagt die Intendantin, aber sie habe sie auch etwas unheimlich gefunden. Die Entscheidung für diesen Spielort fiel schnell und war endgültig. Sie neige generell nicht dazu, sagt Barbara Frey, einmal getroffene Entscheidungen immer wieder zu hinterfragen.

Szene aus „Die Toten“ nach James Joyce, von Barbara Frey inszeniert. (Foto: Matthias Horn/Ruhrtriennale)

Nicht viel Neues

Viel Neues hatten die Intendantin und ihre Mitarbeiterinnen der Presse nicht zu erzählen. Die Programme der Ruhrtriennale 2021 wurden längst verschickt, der Kartenvorverkauf läuft, die Highlights sind benannt.

Am 14. August gibt es als Koproduktion der Ruhrtriennale mit dem Burgtheater Wien die „Schauspiel-Kreation“ „Der Untergang des Hauses Usher“ nach Edgar Allen Poe zu sehen, eine von zwei Regiearbeiten Freys für dieses Festival. Unter den Darstellern finden wir Michael Maertens, den viele Theatergänger aus alten Bochumer Zeiten noch gut in Erinnerung haben. Er spielt auch in Freys zweiter Regiearbeit mit: „Die Toten“ nach der gleichnamigen Erzählung von James Joyce mit Texten aus Ulysses und Finnegans Wake.

Die Komponistin Olga Neuwirth (Foto: Harald Hoffmann/Ruhrtriennale)

Jelinek kommt nicht

Zwei Stücke laufen unter der Überschrift „Musiktheater“, nämlich zum einen „Bählamms Fest“ das Olga Neuwirth komponierte und dessen Texte Elfriede Jelinek nach Leonora Carrington verfaßte. Neuwirth wird zur Premiere wohl kommen, Jelinek selbstverständlich nicht, das ist mal sicher.

Zum anderen ist ab dem 2. September „D-I-E“ zu hören und zu sehen, das mit Nennung der Schöpfer – Komposition Michael Wertmüller, Bild Albert Oehlen, Text Rainald Goetz – wohl nur sehr unvollkommen beschrieben ist. Das Programmbuch spricht von einer „rauschhaften Überforderungstrance“.

Tung-Chieh Chuang dirigiert die Bochumer Symphoniker. Am 28. August spielen sie Edgar Varèse, Iannis Xenakis und Anton Bruckner. „Visionary Architects“ ist das Konzert betitelt. (Foto: Harald Hoffmann/Ruhrtriennale)

Hygienekonzepte

Viel Tanz, viele Konzerte, Kinder- und Jugendprogramm, 600 Künstlerinnen und Künstler, 117 Veranstaltungen, 8 Uraufführungen, und so weiter, und so weiter. Hoffentlich macht die Pandemie keinen Ärger. Masken sind Pflicht, die aufgelockerte Sitzordnung nach Plan ebenso. Und wenn man es nicht so gründlich leid wäre, könnte man beim Vergleich der Festivals leidenschaftlich darüber diskutieren, ob hundertprozentige Platzausnutzung und obligatorische FFP3-Maske (wie in Salzburg) oder maximal 50-prozentige Platzausnutzung bei Verwendung von FFP3- oder OP-Maske (wie bei der Ruhrtriennale) das hygienischere Konzept ist. Eine 50-prozentige Nutzung der Plätze wäre gut, drei Viertel der Karten sind schon jetzt vergeben. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt die Dramaturgie, welche immer wieder neuen Corona-Regelungen aus Politik und Verwaltung drohen. Sehr unzufrieden zeigten sich übrigens freie Bildjournalisten, denen es aus Hygienegründen anders als sonst verwehrt ist, bei Generalproben zu fotografieren.

Pappelwaldkantine

Und dann ist das noch Jürgen Flimm. Der hatte zu Beginn seiner Intendanz gegenüber von der Jahrhunderthalle 311 Pappeln pflanzen lassen. Eine Zeit lang schien ihr Überleben gefährdet zu sein, stand das Wurzelwerk doch im Verdacht, den Untergrund zu schädigen. Doch die Bäumchen überlebten und wurden von Barbara Frey nun zur Pappelwaldkantine geadelt. Hier soll es etwas zu essen geben, vegetarisch und vegan, mit Liebe zubereitet. Für Liebhaber der traditionellen Festspiel-Boulette ist das natürlich nur mäßig attraktiv, und natürlich ist es, kleiner Exkurs, kein Zufall, daß man die Impfmüden im Lande mit einer Bratwurst, keineswegs aber mit einem vegetarischen Grünkernbratling an die Nadel bringen möchte.

Schluß mit lustig! Samstag geht es mit dem Frühkonzert los, ab Sonntag brummt das Hauptprogramm. Möge das Werk gelingen.

Viele weitere Informationen unter www.ruhrtriennale.de

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