Eine Zeit in der Hölle

Zwei Halbwüchsige, Bruder und Schwester, haben ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Seither bleiben auch ihre Nächte seltsam taghell. Es ist ein bedrohliches Gleißen in der Welt. Immerzu. Und alle Nähe ist zunichte. Die Geschwister fühlen sich „wie Vögel in einem Sandsturm“. Es gibt keine Zuflucht.

Roberto Bolaños illusionslos lakonischer, nur 110 Seiten starker „Lumpenroman“ bewegt sich sehr nah am erlittenen Augenblick und wirkt zugleich verhangen, traumverloren, surreal; ganz so, als könne dies alles nicht wirklich sein, als sei die Realität rundum ausgetröpfelt. Zitat: „…wobei wirklich nur eine andere Unwirklichkeit bezeichnet, eine weniger zufällige, besser gerüstete Unwirklichkeit…“ Unversehens, in den schlaflos hellen Nächten, blitzen manchmal Gesichte und Visionen auf.

Bruder und Schwester verharren im wunschlosen Unglück, sie können nicht einmal richtig weinen oder den Verstand verlieren. „Wider Erwarten ging das Leben unverändert weiter.“

Ohne je in einen Klageton zu verfallen oder aufzubegehren, beschreibt die Schwester als Ich-Erzählerin namens Bianca desolate Zustände. Die Waisen verdingen sich mit niederen Jobs. Sie hilft in einem Frisiersalon aus, er in einem Bodybuilding-Studio. Ganz unten. Dort, wo man völlig ratlos oder besonders klarsichtig sein kann.

Ihre „Freizeit“ besteht aus schier endlosen Fernseh-Sitzungen. Ohne Lust, um die Zeit zu töten und um vollends fühllos zu werden, leihen sie sich in Videotheken Dutzende Pornos aus. Sie rauschen halt vorüber.

In einem Frauenmagazin füllt die Schwester einen Fragebogen aus. Auszug:

„Wenn Du ein Fisch wärst, welche Art Fisch würdest Du sein?
Einer von denen, die man als Köder verwendet…“

So wird es kommen. Eines Tages tauchen zwei Kumpane des Bruders auf und setzen sich in der Wohnung fest. Einfach so. Fraglos. Rätselhafte Typen. Sie bleiben anonym, werden lediglich als Bologneser und Libyer bezeichnet. Sie sind von einer kriminellen Aura latenter Gewaltsamkeit umwölkt, doch sie bleiben stets höflich und räumen regelmäßig die Wohnung auf. Auch scheinen sie selbst kläglich einsam zu sein. Von Zeit zu Zeit schläft die Schwester mit je einem der beiden. Sie will dann gar nicht wissen, mit wem.

Irgendwann planen die drei Männer einen verworrenen Coup. Die Schwester wird als erotischer Köder auf den erblindeten Ex-Schauspieler (Spezialität: Gladiatorenschinken) und einstigen „Mister Universum“ Maciste angesetzt. Nacht für Nacht gibt sie sich dem monströsen Muskelmann hin – und sucht in der weitläufigen Villa vergebens nach dem Tresor. Nicht lustlos, ja sogar mit Anflügen von Liebesähnlichkeit vollzieht sich der allnächtliche Akt. Vielleicht ist es ja nur die Sehnsucht nach wohltuender Stille vor Ausbruch des Wahnsinns. Doch Bianca wachsen tatsächlich neue Kräfte zu, als wäre sie endlich im Leiden gestählt. Sie schickt den Bologneser und den Libyer fort. Und das war es. Kein Wort und keine Geste zu viel in diesem Roman.

Der allererste Satz des Buches hatte so gelautet: „Jetzt bin ich Mutter und auch eine verheiratete Frau, aber vor gar nicht langer Zeit war ich eine Kriminelle.“ Damit begann der unentrinnbare Sog, eine Zeit in der Hölle.

Der vor einigen Jahren verstorbene Chilene Roberto Bolaño (1953-2003) ist mit Büchern wie vor allem dem Riesenroman „2666“ zur unverhofft (und spät) entdeckten Größe der Weltliteratur geworden. Auch der kurz vor dem Tod verfasste „Lumpenroman“ (Originaltitel „Una novelita lumpen“) kann nur Teil eines großen Werkes sein. Man spürt es – noch in der Übersetzung – in jeder Satzmelodie.

Roberto Bolaño: „Lumpenroman“. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Carl Hanser Verlag, 110 Seiten. 14,90 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt. Und künftig erst recht.
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