Die Bestseller der NS-Zeit

Das Nazi-Regime war – wie man weiß – totalitär, und doch ging es in vielen Bereichen „ungeordnet“ bis chaotisch zu. Auch die literarischen Präferenzen waren letztlich nicht ausgemacht.

Christian Adam (Abteilungsleiter Bildung und Forschung bei der Birthler-Behörde) hat in seinem sehr materialreichen, doch nicht allzu stringent strukturierten Buch „Lesen unter Hitler“ zusammengetragen, was nur irgend in der NS-Zeit Bestsellerauflagen erzielt hat. So kommt weniger der explizite Ungeist von NS-getreuen Autoren (Johst, Blunck, Behrens-Totenohl, Vesper) zur Sprache, sondern in erster Linie populäre Publikationen.

Das Spektrum reicht von anfangs noch erlaubten Groschenheften bis zur Kinderliteratur („Heidi“, „Biene Maja“). Gewichtiger noch: Sachbücher und Ratgeber („Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, FKK-Broschüren mit „arischer“ Schlagseite, Reemtsma-Bildsammelalben zu Olympia 1936 u.a.) nehmen breiten Raum ein, was dem Leseverhalten breiter Schichten eher entspricht, als würde man nur fiktionale Literatur einbeziehen. Dabei zeichnet sich so etwas wie eine Typologie damals gängiger Erfolgsbücher mitsamt einigen überraschenden Schattierungen ab.

Die ruchlose Bücherverbrennung und die damit einher gehenden Verbote hatten 1933 praktisch alle wesentlichen Werke der Gegenwartsliteratur verbannt und vernichtet, doch was an deren Stelle treten sollte, blieb nebulös und auch unter höheren NS-Chargen umstritten. Während Propagandaminister Goebbels und seine Gefolgsleute nicht nur völkische Blut- und Boden-Literatur, sondern – ähnlich wie im Kino – auch (ablenkende, „betäubende“) Unterhaltung gelten ließen, standen der Chefideologe Alfred Rosenberg und seine Kumpane für strikte Linientreue im rassistischen Sinne. Zynisch waren beide Haltungen. Jedenfalls fühlten sich ab 1933 nach und nach eine ganze Reihe von Ministerien, Behörden und Institutionen für Zensurmaßnahmen zuständig, die einander nicht selten in die Quere kamen.

Was immer das Regime auch kulturpolitisch anstellte: All die verfemten Autoren waren nicht annähernd zu „ersetzen“. Es blieb eine Handvoll Schriftsteller, die einigermaßen achtbares Handwerk lieferten (z. B. Ehm Welk, Hans Dominik im Bereich der Science Fiction, der mondäne Schweizer John Knittel oder auch – Hans Fallada!), doch das literarische Leben lag weitgehend brach. Es kamen unter den Bedingungen der Zensur keine nennenswerten Autoren hinzu. So suchte man, notfalls durch Umdeutung, die „unverwüstlichen“ Klassiker in Dienst zu nehmen – von Goethe und Schiller bis Wilhelm Busch, von Thoma und Ganghofer bis Hesse. Und in dem Norweger Knut Hamsun hätschelte man einen Vorzeigeautor, der sich mehrfach explizit fürs NS-Regime ausgesprochen hatte.

Auf Wirrnis deuten die knapp skizzierten Lese-Biographien einiger Nazi-Größen hin. Der simple Göring simulierte anspruchsvolle Lektüren, Himmler hingegen hatte einen großbürgerlichen Hintergrund und war relativ belesen (was eben noch längst kein Wert an sich ist). Während Hitler als Karl-May-Anhänger galt, hatte der studierte Germanist Goebbels auch modernistische Neigungen.

Aufschlussreicher sind Exkurse zur Lesersoziologie und zur Entwicklung des damaligen Buchmarktes. So hat die in Kriegszeiten verfügte Papier-Rationierung wahrscheinlich stärker gewirkt als einzelne Zensurbestimmungen. Zu den Profiteuren zählte nicht nur der Nazi-Verlagskonzern Eher, sondern beispielsweise auch der seinerzeit rapide gewachsene Bertelsmann-Verlag. Immer wieder geht es um finanzielle Pfründe des (seinerzeit boomenden) Gewerbes, die sich NS-Parteigenossen sicherten – bis hin zur schamlosen persönlichen Bereicherung. Die „Arisierung“ ehedem jüdischer Verlage war eine kriminelle Vermögens-Umverteilung. Und Hitlers „Mein Kampf“ brachte Millionen Reichsmark an Autorenhonorar ein…

Als Leitsterne und Gegengifte beim Gang durch jene finsteren Zeit dienen vor allem Victor Klemperers bewegende Tagebücher von 1933 bis 1945, die das tägliche Leben und die Lektüren von damals aus leidender, kritischer Sicht in den Blick fassten. Tatsächlich muss man hier ansonsten durch viel gedanklichen Unrat waten, Adam erspart dem Leser etliche Zitate aus braunen Publikationen nicht. Einerseits gilt es, durch derlei O-Töne die ideologische Mixtur genauer kenntlich zu machen, doch sollte man nicht überdosieren. Adam hält zuweilen nur mühsam die Balance zwischen Dokumentation, Analyse und (meist geraffter) Bewertung.

Das Buch fördert mitunter erstaunliche Fakten zutage. So hat Goebbels die Krimis des Briten Edgar Wallace („Der Hexer“) geschätzt, die bis 1939 in Deutschland noch zu kaufen waren – ebenso wie etwa Werke von Georges Simenon, Aldous Huxley oder Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“. Doch 1940 standen schlagartig 160 Wallace-Titel auf dem Index. Sämtliche Bücher aus dem Land des Kriegsgegners waren fortan verpönt. Daher konnte der schottische Romancier A. J. Cronin („Die Zitadelle“), der die englische Gesellschaft bissig kritisierte, mit reichsdeutschem Wohlwollen rechnen.

Bis etwa 1940 gab es außerdem das freilich schmal besetzte Genre des versöhnlichen, ja nachgerade pazifistisch sich gerierenden Kriegsromans, allen voran Polly Maria Höflers deutsch-französische Liebesgeschichte „André und Ursula“, die allerdings erst in den 1950er Jahren mit Ivan Desny verfilmt wurde. Und noch so eine französische Nuance: Die Bücher des vehementen Nazi-Gegners Antoine de Saint-Exupéry waren trotz allem weiter in Deutschland erhältlich. So manches wohltuend „Unzeitgemäße“ (Kästner usw.) erhielt man, so man denn hartnäckig suchte, überdies noch vereinzelt in Antiquariaten. Es waren jedoch nur noch Spurenelemente von Gedankenfreiheit.

An vielen Stellen des Buches wären Vertiefungen möglich, zuweilen wünschenswert. So würde man über einen schillernden Abenteuerbuch-Verfasser wie Anton Zischka (der seinerzeit auf Mallorca lebte) gern mehr erfahren. Auch zwei der ganz wenigen Glamour-Gestalten im Dunstkreis des Faschismus, das Jetset-Paar Elly Beinhorn (Fliegerin) und Bernd Rosemeyer (Rennfahrer), wären als Autorenduo eine genauere Untersuchung wert. Doch all das kann eine solche Überblicks-Darstellung wohl schwerlich leisten.

Umfangreichere Studien wären auch jene Literaten wert, die von den NS-Machthabern geduldet oder gar stillschweigend gefördert wurden – und die bruchlos in Lesebüchern der Nachkriegszeit an prominenter Stelle wieder auftauchten, bis in die mittleren 60er Jahre hinein. Der Humorist Heinrich Spoerl wäre hier ebenso zu nennen wie etwa Erwin Guido Kolbenheyer, Werner Bergengruen, Hans Carossa und Ina Seidel. Allesamt keine genuin faschistische Literatur, doch bar jeder Widerständigkeit und also kompatibel.

Christian Adam: „Lesen unter Hitler“. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Verlag Galiani Berlin. 384 Seiten mit Abbildungen. 19,95 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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