Blank gezogen: Tanz ohne Titel und ohne Kleidung bei der Ruhrtriennale

Künstler und Choreograph: Tino Sehgal. Foto: Ruhrtriennale

Künstler und Choreograph: Tino Sehgal. Foto: Ruhrtriennale

Der nackte Mann tanzt. Selbstvergessen, so als hätte er nie etwas anderes getan. Hinter ihm weitet sich die Industriehalle. Seine Körperkraft wurde damals zur Arbeit benötigt. Jetzt sehen wir seine Muskeln und Sehnen in freier Bewegung, jetzt schwitzt er für uns. Einen Titel hat das Tanzstück von Documenta-Künstler Tino Sehgal, das nun bei der Ruhrtriennale zu sehen ist, nicht. Braucht es aber auch nicht, denn seine Schlichtheit ist berückend.

Bei seiner Uraufführung in Berlin hieß die Choreografie noch „Das 20. Jahrhundert“. Und wirklich: Der Ausdruckstanz entstand zu Beginn dieses Jahrhunderts, die Freikörperkultur wurde Mode und all das findet sich bei Sehgal wieder. Anklänge ans klassische Ballett gibt’s auch, aber nur in ironischer Form. Überhaupt pflegt der Tänzer ein forschendes, beinahe kindliches Verhältnis zu seinem eigenen Körper, indem er beispielsweise testet, wie lang sich bestimmte Körperteile ziehen lassen…

Der Tänzer? Um bei der Wahrheit zu bleiben, es sind drei: Frank Willens, Andrew Hardwidge und Boris Charmatz. Doch sie tanzen die gleiche Choreografie, dargeboten an unterschiedlichen Orten im Landschaftsparks Duisburg Nord. Nach exakt 50 Minuten wandern die Zuschauer ins freie Gelände und gruppieren sich um ein Betonviereck auf dem Boden.

Der nackte Mann tanzt wieder, man beginnt die Bewegungen wiederzuerkennen, doch hat der zweite Tänzer den schwierigsten Part. Er rutscht über den harten Boden und wir hoffen alle, dass er sich nicht wehtut. Ihm wärs lieber gewesen, es hätte geregnet, ruft er uns zu. Wegen der größeren Herausforderung. Also ich bin froh, dass es trocken ist, mir ist sowieso schon kalt. Der Tänzer fragt Tino Sehgal, der im Publikum steht, ob ihm seine Choreografie gefällt. Ich glaube, er hat ja gesagt. Konnte es nicht ganz verstehen, der Wind trug seine Stimme davon.

Dritter Teil: Habe die Pause genutzt, um eine Jacke und eine Wolldecke aus dem Auto zu holen. Manche trinken heißen Tee oder wärmenden Rotwein. Die Halle ist zwar überdacht, aber an den Seiten offen. Ich weiß nicht, dieser August. Den dritten Part tanzt Boris Charmatz, ebenfalls Choreograph und mit den eigenen Darbietungungen „Levée“ und „manger“ bei der Triennale vertreten. Er entschuldigt sich für seinen französischen Akzent und hofft, uns nicht zu ermüden. „Schließlich sehen Sie die Choreografie nun zum dritten Mal.“ Nein, langweilig ist es nicht. Selten bin ich so tief in eine Choreografie eingedrungen, man kennt schon die nächste Bewegung. Ach, genau, gleich zeigt er den herabschauenden Hund. Und noch eine Erkenntnis: Alle nackten Männer gleichen einander.

Weitere Termine und Karten: www.ruhrtriennale.de

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