Aufbruch ins Ungewisse – eine Nachlese zum Moers Festival 2016

„Das Moers Festival, das steht für Risiko, für neue Klänge, für ungewöhnliche Klänge, für phantastische Musiker und Musikerinnen und für ein phantastisches Publikum“, sagte vor ihrem Auftritt Carolin Pook, die gegenwärtig als Improviser in Residence in Moers zu Gast ist. „Das moers festival bleibt der musikalische Gegenentwurf zu einer Welt, in der Menschen dabei sind, wieder Grenzzäune hochzuziehen, und es kann vielleicht einen kleinen Beitrag leisten und zeigen, dass Zukunft nur ohne Grenzen lebenswert ist“ – so der künstlerische Leiter Reiner Michalke im Vorwort seines Programms. Zwei Statements vorweg, die die Besonderheit auch des diesjährigen Pfingstereignisses in Moers auf den Punkt bringen.

In diesem Jahr schien das Festival weniger auf die großen Namen der jüngeren Jazzgeschichte abzuheben als – noch stärker als in der Vergangenheit – den Wandel der Szene verdeutlichen zu wollen.

Jóhann Jóhannsson,  Hildur Guðnadóttir,  Robert Aiki Aubrey Lowe © Nick Schonfeld / Rune Kongsro / Liz Deleo

Von links: Jóhann Jóhannsson, Hildur Guðnadóttir, Robert Aiki Aubrey Lowe
© Nick Schonfeld / Rune Kongsro / Liz Deleo

Zu den – nicht zuletzt durch seine Filmmusiken – bekannteren Musikern im Programm zählte der isländische Komponist Jóhann Jóhannsson, der allerdings seinen Auftritt wegen einer Erkrankung absagte. Hildur Guðnadóttir (Cello) und Robert Aiki Aubrey Lowe (Gitarre, Gesang, Perkussion) übernahmen den vom Komponisten bereitgestellten Elektronikpart und spielten live zu dem von Jóhannsson produzierten Super-8-Schwarzweißfilm mit Naturaufnahmen aus der Antarktis „End of Summer“ – ein ruhiges, meditatives Konzert mit wundervollen Klängen und der Wehmut des sich ankündigenden antarktischen Winters.

Am nächsten Tag hatte das Publikum bei freiem Eintritt in der renovierten Stadtkirche Gelegenheit, die Cellistin Hildur Guðnadóttir in einem Solokonzert zu erleben – konzentriert, meditativ, ruhig.

Moers meditiert

Maja Osojniks & Patrick Wurzwallners Programm „Let Them Grow“ beginnt mit einem Mantra, dem „Om“, und auch hier liegt in der Stille die Kraft; manche der Stücke entwickeln eine umwerfende Wucht. Großartig. Jeremy Flowers, der anschließend mit seiner Band und dem auf Musik des 20. und 21. Jahrhunderts spezialisierten EOS Kammerorchester Köln auftrat, bezeichnet sich als einen „stillen Musiker aus Boston“, und tatsächlich sind seine von Carla Kihlstedt gesungenen Stücke aus „The Real Me“ durchweg gefällig und ausgezeichnet orchestriert, an der Grenze zur – besseren – Popmusik.

David Virelles, der mit seinem Projekt Mbókò Spuren ritueller afro-kubanischer Musik neu bearbeitet, versteht sich ohnehin in einer Tradition von sacred music. Aber auch die ganz auf Improvisation basierende Formation Warped Dreamer, von denen man angesichts der Mitwirkenden – Arve Henriksen (Trompete), Stian Westerhus (E-Gitarre), Jozef Dumoulin (Piano) und dem jungen Belgier Teun Verbruggen virtuos am Schlagzeug – größte Radikalität erwartet (die sich auch zeigte), schaffen zwischendrin wunderbar meditative, zum Teil an eine Litanei erinnernde Momente. Das Spirituelle ist ein durchgehendes Element während des gesamten Festivals, als gelte es den Kriegen der Gegenwart eine massive Stille entgegenzusetzen.

Harriet Tubman & Cassandra Wilson

Vor kurzem ging die Nachricht durch die Presse, auf den neuen 20-US-Dollar-Scheinen sei das Porträt von Harriet Tubman (ca. 1820-1913) abgebildet. Die ehemalige Sklavin entwickelte sich zur bekanntesten Fluchthelferin der Hilfsorganisation Underground Railroad. Nach ihr benannte sich das 1998 gegründete Trio, bestehend aus Brandon Ross (Gitarre und Banjo), Melvin Gibbs (Bass) und J. T. Lewis (Drums). Als Special Guest war Cassandra Wilson mit angereist und hatte – eine Besonderheit – ihre rote Fender-Gitarre dabei, auf der sie ein kurzes, ziemlich schräg klingendes Solo spielte. Sie sang unter anderem die Stücke „I‘ll Overcome Some Day“, „Run The Voodoo Down“, den titelgebenden Song des Konzerts „Black Sun“ und mit interessanter Flanger-Bass-Begleitung den Beatles-Klassiker „Tomorrow Never Knows“.

Weder Binnen- noch Außengrenzen der Musik

Die beschworene Grenzenlosigkeit des Festivals meint sowohl die Binnengrenzen der Musik (zwischen den musikalischen Genres) als auch ihre Außengrenzen, die Öffnung zu anderen Kunst- und Ausdrucksformen. Mit musiktheatralischen Mitteln arbeitet das Trio The Liz, zwei experimentelle Klangkünstlerinnen aus den USA, Liz Kosack und Liz Albee, die in Berlin den türkischstämmigen Korhan „Liz“ Erel trafen und gemeinsam neue Möglichkeiten ausprobieren. Eine Ödipus/Sphinx-Geschichte, die sich in ihrer Ästhetik teils an Jean Cocteau, teils an Texten von Kathy Acker orientiert.

Dem blind suchenden Ödipus und der Erzählerin fügt sich als dritte Figur die mit einer Anubis-Maske auftretende Keyboarderin hinzu. Die Klänge erinnern teilweise an Stockhausens Kompositionen aus den 50er-Jahren, an „Kontakte“ oder an den „Gesang der Jünglinge“. Dazu werden im Auge einer Pyramide auf der Bühne künstlerische Videos projiziert. Wie bei dem bereits erwähnten Film „End of Summer“ von Jóhann Jóhannsson bilden auch hier Optik und Akustik ein komplexes Kunstwerk.

Politischen Anspruch eingelöst

Der politische Anspruch des Festivals wird in vielfältiger Weise eingelöst. Bei Tim Isfort sind es beispielsweise die Ankündigungen der jeweiligen Titel, die – eindeutiger noch, als die textfreie Musik es sein kann – die Botschaft transportieren, wie „Cherbourg Blues“, ein auf die Flüchtlingscontainer entlang des Ärmelkanals anspielender Titel, oder das Bedrohliche der Neufassung von „New Dark Age“, einem Stück der Post-Punk-Band „The Sound“ von 1981.

Dass die in Moers auftretenden Musiker aus aller Welt kommen, ist eine Tradition seit der Gründung des Festivals im Jahr 1972. Aus der Vielzahl der Nationen, die 2016 am Start sind, sollte als Besonderheit das Trio Dawn Of Midi erwähnt werden, ein marokkanischer Pianist, ein indischer Bassist und ein aus Pakistan stammender Schlagzeuger. Was sie spielen, klingt streckenweise sehr nach Techno, nur eben mit akustischen Instrumenten gespielt, und die Einflüsse entstammen ebenso sehr westafrikanischen Rhythmen wie elektronischer Musik.

Dawn Of Midi ©  Falkwyn de Goyeneche

Dawn Of Midi
© Falkwyn de Goyeneche

Junge Talente

Den Schlusspunkt setzten zwei junge Talente: die in New York lebende Jazz-Sängerin Becca Stevens, die sich als ihren Begleiter für dieses Konzert den 21-jährigen Londoner Shooting Star Jacob Collier gewünscht hatte. Jacob Collier hat sich vor allem durch die von ihm im Alleingang produzierten YouTube-Videos einen Namen gemacht, mit hochkomplexen, originellen Arrangements, bei denen er sämtliche Instrumente selbst spielte und ganze Chöre aus seiner Stimme mixte. Musiker wie Chick Corea, Pat Metheny und Herbie Hancock sehen in ihm einen der großen Hoffnungsträger des Jazz; mit dem Management von Quincy Jones schloss Jacob Collier einen Vertrag; Anfang Juli soll sein erstes Album erscheinen.

Auf der Bühne kann Collier freilich nicht alle Instrumente gleichzeitig spielen und begnügte sich in Moers mit Keyboards, Bass, Ukulele und Gesang. Im Duo mit Becca Stevens, die neben ihrem Gesang ebenfalls Ukulele und Gitarre spielte, bekam das Publikum neben Eigenkompositionen von Becca Stevens und Jacob Collier bekannte Stücke von Bob Dylan oder Stevie Wonder in ungewöhnlicher Bearbeitung zu hören – Klänge, die uns aufhorchen lassen.

Das Abschlusskonzert war jedoch – zumindest für die noch anwesenden Journalisten und Medienvertreter – bereits getrübt durch die vorangegangene Pressekonferenz. Dort gab der Künstlerische Leiter des Festivals, Reiner Michalke, bekannt, er habe der Aufsichtsratvorsitzenden der Moers Kultur GmbH angesichts des fehlenden Rückhalts durch die Stadt Moers und der sich daraus für die Zukunft ergebenden Unsicherheit die Auflösung seines Vertrages mit sofortiger Wirkung angeboten. Ob das Festival in der bisherigen Qualität auch im nächsten Jahr noch stattfinden wird, entscheidet sich nicht zuletzt in der Moerser Kommunalpolitik.

Das Moers Festival steht für keine Grenzen, bis auf solche, die dem Festival von den Oberbuchhaltern der Stadtverwaltung aufgezeigt werden. Bleibt zu hoffen, dass das Moers Festival auch diese großen Hemmnisse überwindet und in Zukunft weiterhin mit einem einzigartigen Musikprogramm aufwarten kann.

Auf der Website des TV-Senders arte in der Rubrik concert jazz werden die Konzerte des Hauptprogramms noch eine Weile nachklingen.

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Über Wolfgang Cziesla

lebt als Schriftsteller in Essen.
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