Versäumtes nachholen: Es ist niemals zu spät, die Songs von Nick Drake zu hören

So ist es üblich, so ist es Brauch: In den jugendfrischen Lebensphasen, da man sich stark und manchmal gar unverwundbar (zwischendurch freilich umso verwundbarer) fühlt, hört man auch am intensivsten Rock- und Popmusik. Das, was die eigene Generation anbetrifft, entgeht einem dabei erst recht nicht. Im Großen und Ganzen.

Carlos Bottelho: Porträt-Bildnis von Nick Drake (Mischtechnik auf Leinwand - Foto: Bottelho. Wikimedia Commons, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/)

Carlos Bottelho: Bildnis von Nick Drake (Mischtechnik auf Leinwand – Foto: Bottelho. Wikimedia Commons, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/)

Doch hie und da versäumt man wohl doch etwas und erfährt vielleicht erst Jahrzehnte später staunend davon. So erging es mir jetzt, als im Rahmen einer „Langen Nacht“ des Deutschlandfunks (Dank an die findigen Hörfunkleute!) ein paar Songs gesendet wurden, bei denen ich sofort aufhorchte. Das war ja wundersam zartsinnige, feinstens versponnene, ausgesprochen originelle Musik. Von wem stammte sie nur?

Hatte man die Ansage verpasst, musste man früher umständlich an die Stationen schreiben, um zu erfahren, wer da zu einer bestimmten Uhrzeit zu hören gewesen war. Längst vorbei. Heute ruft man die Playlist auf und erfährt’s mit allen wissenswerten Grunddaten. So auch jetzt.

Es war also ein gewisser Nick Drake. Kenner schnauben jetzt vielleicht verständnislos oder sogar verächtlich: „Waaaas? Den kanntest du nicht? Ich habe den schon immer…“ Na, und so weiter. Die ehrliche Antwort lautet: „Nein. Bisher habe ich ihn nicht gekannt.“

Dieser Nick Drake hatte – grob gerechnet – in meiner und für meine Generation Songs geschaffen, gespielt und gesungen; vielleicht auch nur für sich selbst. Jedenfalls fühlt sich dieses Verpassthaben sehr seltsam an. Habe ich ihn damals, zwischen all den anderen, nur nicht sonderlich wahrgenommen oder ist er mir wirklich völlig unbekannt geblieben?

Gewiss, er galt Zeit seines kurzen Lebens (1948-1974) als Geheimtipp und als „Musiker für Musiker“, doch gerade auf solche war man damals doch versessen und ist es noch heute.

Man mag nicht daran denken, was aus den vielen früh Verstorbenen geworden wäre – aus Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, Keith Moon, Brian Jones, eben Nick Drake und einigen weiteren. Vielleicht sähen die gesamten Musiklandschaften (oder wenigstens deren aufregendste Gefilde) mit ihnen deutlich anders aus.

Nachruhm war dem melancholischen Gitarrenkünstler Nick Drake, der zusehends in heillose Depressionen gestürzt sein soll, immerhin beschieden. Auf einer 2003 von der führenden Musikzeitschrift „Rolling Stone“ erstellten Liste der 500 besten Alben aller Zeiten standen alle drei (!) Studio-LPs, die er jemals herausgebracht hat: „Five Leaves Left“, „Bryter Layter“ und „Pink Moon“. Diese drei Platten schafften es auch samt und sonders auf die Bestenliste des Buchs „1001 Albums You Must Hear Before You Die“.

„Before You Die…“ Es ist also noch nicht zu spät, diesen großartigen Singer-Songwriter nachträglich kennen zu lernen. Und jetzt bitte Ruhe. Ich habe zu lauschen.

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Bekenntnisse, Rock & Pop, Tonträger abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Versäumtes nachholen: Es ist niemals zu spät, die Songs von Nick Drake zu hören

  1. Bernd Berke sagt:

    Ja, wohl wahr, auch Damien Rice gehört zum unverzichtbaren Fundus.

  2. Bernd Berke sagt:

    Es scheint ganz so, als hätte Nick Drake bei manchen Leuten seine spezielle Nachwirkung.

  3. Olram sagt:

    Hi,
    ich hab ihn auch im Sommer entdeckt. 2006.
    Viel Spaß!

    Hier noch eine schöne Nick Drake-Geschichte auf hoeflichepaparazzi.de

    http://www.hoeflichepaparazzi.de/forum/showthread.php?11223-Drake-Nick-(Hi-I-m-Nick!)

  4. Oliver Wittershagen sagt:

    Jaa! – Und danach Damien Rice

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.