Kathedrale, historische Fabriken, Jules Verne – zu Besuch in Dortmunds französischer Partnerstadt Amiens

Unser Gastautor, der Schriftsteller Heinrich Peuckmann, über einen Besuch in Dortmunds nordfranzösischer Partnerstadt Amiens:

Es ist ein kleines Schildchen unter Ortsschildern der Stadt Dortmund. Zusammen mit anderen kleinen Schildern zeigt es an, mit welchen Städten in der Welt Dortmund eine Partnerschaft betreibt. Wann immer ich in Dortmund einfahre, lese ich, was auf dem Schildchen steht: Amiens. Das ist ein kleines Schildchen, aber noch immer kein Bild in meinem Kopf.

Gewaltiges Bauwerk: Nordansicht der Kathedrale von Amiens, September 2011. (Foto: BjörnT - Public Domain / Wikimedia Commons)

Gewaltiges Bauwerk: Nordansicht der Kathedrale von Amiens, September 2011. (Foto: BjörnT – Public Domain / Wikimedia Commons)

„Du musst es mal gesehen haben“, sagt mein Freund Kurt Eichler, bis vor Kurzem Leiter des Dortmunder „U“. „Und wenn du da bist, geh unbedingt in das Jules-Verne-Haus! Das ist ein tolles Literaturhaus, das jedem Schriftsteller gefallen muss.“

Ja, ich muss mal dorthin. So eine Stadt kann doch kein Schild in meinem Kopf bleiben, sie muss endlich zu Bildern werden. Außerdem habe ich seit dem Jahr, als Dortmund und das ganze Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas waren, einen Freund in Amiens. Habe also einen besonderen Grund, einmal dorthin zu fahren. Jean Paul Dekiss ist es, der Schriftsteller, der Filmemacher, der Leiter des Jules-Verne-Hauses, mit dem zusammen ich mich auf Erkundungstour durchs Ruhrgebiet aufgemacht habe. Andere Schriftsteller waren dabei, Autorenfreunde aus Dortmund und Umgebung und dazu Schriftsteller aus Rostov und Leeds. Das sind andere Partnerstädte von Dortmund, die bis jetzt auch noch nicht zu Bildern in meinem Kopf geworden sind. Die es aber werden sollen.

Ein schönes Buch ist aus den Reportagen, die wir über unsere Erkundungstouren geschrieben haben, entstanden. „Blickwechsel“ heißt es. Blicke von außen, Blicke von innen über meine Heimat Ruhrgebiet.

Gigantische Kathedrale

Ich sollte also zuerst über das Jules-Verne-Haus schreiben, wenn ich über meinen Besuch in Amiens berichte, aber ich kann nichts anders, ich muss mit der Kathedrale anfangen. Vom Tisch im Restaurant „Le Quai“ aus kann ich sie sehen, in der Abenddämmerung. Die kleinen Häuser davor lassen sie noch größer, noch mächtiger erscheinen. Im Mittelalter, denke ich, waren alle Häuser von Amiens klein, kleiner noch als jene, die jetzt vor der Kathedrale stehen. Wie groß, wie mächtig muss sie damals auf den Besucher gewirkt haben?

Natürlich möchte ich hineingehen, die Höhe des Kirchenschiffs bewundern, 144 Fuß hoch, nach den 144 Ellen, die das neue Jerusalem nach Angaben in der Johannes-Apokalypse lang sein soll. Und das Gesicht von Johannes dem Täufer will ich sehen.

Biblische Geschichte voller Leidenschaft

Amiens ist einer von drei Orten, die beanspruchen, den Kopf von Johannes dem Täufer zu haben. Ich stehe vor ihm, mache ein Foto und denke an seinen Tod. Herodes Agrippa soll er kritisiert haben, den König, weil er seine Schwägerin Herodias geheiratet hat. Eine Schwägerin galt damals als Quasi-Blutsverwandte, so jemand heiratete man nicht. Herodias war es dann, die ihn mit ihrem Hass verfolgte, und als sich ihre Tochter Salome nach einem verführerischen Tanz ein Geschenk von Herodes Agrippa wünschen durfte, sah sie ihre Chance. Den Kopf von Johannes sollte sich die Tochter, die sonst alles hatte, wünschen. So steht es in der Bibel, aber vermutlich war alles ganz anders.

Herodes Agrippa drohte ein Krieg, und da wollte er, der es sich mit Johannes und seinen zahlreichen Anhängern verscherzt hatte, keine zwei Fronten haben. Also ließ er Johannes töten, um sich ganz auf seinen äußeren Kriegsgegner konzentrieren zu können.

Trotzdem, die Bibelgeschichte mit dem Tanz ist spannender. Sie ist voller Leidenschaft, voller Hass vor allem, sie bleibt den Menschen, die sie lesen, im Gedächtnis.

Traum von einer besseren Welt

Über solche Geschichten, gefüllt mit prallem Leben, reden wir auch bei unseren Diskussionen, Jean Paul Dekiss, meine neuen französischen Autorenfreunde Gilbert Desmée, Jean-Louis Rambour, Lilian Robin, Roland Thibeau, Jean-Luc Vigneux, meine Ruhrgebietsfreunde und ich. Wie soll moderne Literatur aussehen, welche Themen soll sie aufgreifen?

Quartier Saint Leu in Amiens, Aufnahme von 2005. (Foto: Emmanuel Legrand - Free Art License 1.3: http://artlibre.org/licence/lal/en/)

Quartier Saint Leu in Amiens, Aufnahme von 2005. (Foto: Emmanuel Legrand – Free Art License 1.3: http://artlibre.org/licence/lal/en/)

Soll die Arbeitswelt darin auftauchen, soll sie es nicht? Auf jeden Fall, stellen wir fest, besteht Literatur aus mehr als nur schön formulierten Sätzen. Literatur gestaltet wichtige Inhalte, sie erzählt einen Ausschnitt aus dem Leben, einen mit Leid und Freud gefüllten Ausschnitt. Literatur, so stelle vor allem ich es mir vor, ist immer auch kritisch, sie greift an, sie träumt von einer anderen, besseren Welt. Zur Leidenschaft, wie sie in der großen Bibelgeschichte ausgedrückt wird, kommt also auch die Sehnsucht. Die Arbeitswelt mit ihrem Druck, ihrer Ausbeutung und auch mit ihrer Freude, wenn etwas Schönes gestaltet wird, gehört dazu.

Lange reden wir darüber, das Thema immer neu umkreisend. Um dann unsere Diskussion zwischendurch zu unterbrechen und uns Beispiele vom Leben in der Arbeitswelt rund um Amiens anzusehen.

Zweierlei Fabrik-Modelle

Wir besuchen das Gelände von Jean-Baptiste Godin, der ein ehemaliger Arbeiter war. Er entwickelte ein genossenschaftliches Modell ab 1850, gründete eine Fabrik, die gusseiserne Öfen herstellte. Sein Modell war keine Philanthropie, sondern ein utopischer Gegenentwurf zur kapitalistischen Produktions- und Lebensweise. Die Arbeiter bekamen Anteile von der Fabrik, es wurden große Wohnhäuser mit überdachten Innenhöfen für sie gebaut, dazu Schulen für die Kinder.

Es war ein Gegenentwurf gegen das paternalistische System, das wir am folgenden Tag bei den Brüdern Saint sahen, die sich „Saint Frères“ nannten und die große Stoffe, Seile, Segel herstellten. Hier war alles auf Kontrolle abgestellt, auf effektive Ausbeutung der Arbeiter. Selbst die Wohnhäuser waren so gebaut, dass die Vorarbeiter ihre Untergebenen in deren Freizeit beobachten konnten. Sie sollten nicht nach Belieben in eine Kneipe gehen können, die Zeit nach der Arbeit diente allein dazu, dass sie sich für die Arbeit am nächsten Tag erholten.

Godins Modell ging 1969 unter. Klar, könnte man denken, idealistische Modelle haben auf lange Sicht keine Chance. Sie sind Wünsche, von denen man träumen kann, die sich aber nicht verwirklichen lassen.

Stimmt das wirklich? Nicht ganz, denn auch das Modell „Saint Frères“ ging in genau diesem Jahre unter.

Stoff für einen Kriminalroman

Heute wird auf dem Gelände Altkleidung sortiert, die in Frankreich verkauft wird oder in Afrika. Die Emmaus-Brüder machen das mit Ideen wie jene von Godin. Leute, die lange arbeitslos waren, arbeiten bei ihnen, niemand verdient mehr als das Dreifache von dem, was der einfache Arbeiter verdient. Wie weit entfernt ist das von unseren Bankern, die in einem Jahr so viel verdienen, wie ich es nicht in drei Leben verdienen werde. Und dabei verdiene ich nicht einmal wenig.

Ein Stoff für einen Roman ist das, denke ich. Und ich habe auch schon damit angefangen, ihn zu schreiben, einen Kriminalroman über die Machenschaften der Banker. Im Herbst dieses Jahres wird er erscheinen.

Heute Bestandteil des Jules-Verne-Museums: das Arbeitszimmer des welberühmten Schriftstellers in seinem Stadthaus in Amiens. (Foto: Achim Ebenau / Wikimedia Creative Commons - Linkz zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

Heute Bestandteil des Jules-Verne-Museums: das Arbeitszimmer des weltberühmten Schriftstellers in seinem Stadthaus in Amiens. (Foto: Achim Ebenau / Wikimedia Creative Commons – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

Unverzichtbares Jules-Verne-Haus

Er folgt meiner Idee von Literatur. Pralle Geschichten will ich erzählen, Kritik an Fehlentwicklungen der Gesellschaft und der Arbeitswelt üben. Leidenschaften zeigen, Ärger, Wut. Den Traum von einer anderen, besseren Welt träumen. Jemandem wie Godin bin ich dabei nahe, der dies alles nicht nur geträumt, sondern realisiert hat für hundert Jahre. Für hundert Jahre immerhin!

Ja, und dann bin ich in Amiens auch noch ins Jules-Verne-Haus gegangen. Und weil es um Jules Verne geht, muss ich meine Erlebnisse in diesem Haus in besonderer Sprache schildern:

Bruder Jules

Stell dich ins Hoftor
dorthin, wo auch
Jules Verne stand
als die Schüsse fielen

Zwei Schüsse, einer
der das Holz des Tors
zersplitterte und einer
der sein Bein traf

So dass er nicht mehr
segeln konnte, nie mehr
er, der doch das Meer
so liebte

Ach Bruder, es war
mein Neffe
Bruder ach, es war
dein Sohn

Der Bruder schwieg
was konnte er auch anders
tun als schweigen, er,
den Jules so dringend brauchte

Er, den der Bruder
liebte, der Jules`
Texte las und
korrigierte

Ich brauch dich
Bruder und der Neffe
er geht in eine Anstalt
vierzig Jahre lang

Kein Wort nach
außen über ihn
kein Streit nach
innen zwischen uns

Ja, das ist Bruderliebe.
Drum stelle dich ins Tor
und denk an sie
an Jules und seinen Bruder

Und ihre Liebe füreinander, denk
aber auch an den Neffen, denke:
vierzig Jahre! Dann geh ins
Haus, in den Salon

Um dort zu lesen aus
dem Roman, deinem Roman
Jules wartet schon.
Mit strengem Blick hört er

dir zu, dort oben an der Wand
und streng dich an, denn
heute musst du ihm gefallen
ihm, Jules Verne.

Viele Bilder im Kopf

Nun kenne ich Amiens. Es ist nicht mehr ein kleines Schildchen unter dem Ortsschild von Dortmund. Es ist nicht mehr die nichtssagende Schrift, die ich lese, wenn ich in Dortmund einfahre. Ich habe viele Bilder von Amiens im Kopf, und ich weiß, ich werde dorthin zurückkehren. Werde zurückkehren zu seiner Kathedrale, zu Godin, zu Jean Paul Dekiss und meinen französischen Schriftstellerkollegen. Und zu Jules Verne, von dem ich hoffe, dass ihm der Ausschnitt aus meinem Roman gefallen hat.

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