Irrwitz grinst aus jeder Zeile – Schelmische Kurztexte von Guido Rohm liegen “An und Pfirsich” als Buch vor

Dies vorausgeschickt: Den Autor Guido Rohm aus Fulda kenne ich durch Facebook, ich bin dort virtuell mit ihm befreundet. Aha, dann ist dies also eine abgekartete Gefälligkeits-Besprechung?! Nicht ganz.

Guido Rohm ist einer, auf dessen schelmisches Schaffen in gewisser Weise Brechts Satz zutrifft: “In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen”. Bei ihm kann man eigentlich keine einzige Zeile für bare Münze nehmen, so unablässig beliebt er alles in vielen Windungen zu verdrehen und quasi zuschanden zu scherzen. Aber hallo!

Sinnzerstäubende Dramolette

Mit dem Band “An und Pfirsich” (der Titel hätte ein originelleres Sprachspiel verdient) hat er jetzt “Texte für alle 117 Tage des Jahres” vorlegt. Jaja, so isser. Selbst Vita oder Klappentext (“Guido Rohm, der Erfinder des gleichnamigen Küchengeräts”) sind allemal lustig erstunken und erlogen.

Der satirisch gestählte “Eulenspiegel”-Mitarbeiter Rohm hat’s hier vor allem mit Dramoletten, also kurzen Dialogfolgen, bei denen kein Wort auf dem anderen bleibt und jeder landesübliche Sinn zerstäubt. In welcher Tradition er damit stehen könnte (vornehmlich Dada? Karl Valentin? Loriot? Gernhardt & Kumpanen? Monty Python?), wollen wir hier nicht weiter erörtern. Sucht euch was aus. Dies und das passt vielleicht. Doch manchmal ist Guido Rohm einfach nur albern. Auch gut.

Dialoge schrauben sich ins Leere

Da liest man abstruse Beziehungs- und Trennungs-“Gespräche”, falls man die stets ins Leere drehende Nicht-Kommunikation denn so nennen mag. Da gibt’s eine TV-Sendung, in der lediglich jemand begrüßt wird (nach dem “Guten Tag” ist auch schon Schluss). Ganoven treffen irrwitzig unlogische Absprachen oder räumen lieber die Einbruchswohnung nach ihrem erlesenen Geschmack um, statt dort etwas zu klauen.

Ein unverschämter Schnorrer luchst den Leuten teure Fahrkarten ab, ein Schriftsteller verfasst nur Postkarten und braucht Tage für einen Satz. Überhaupt geht es auf dem Buchmarkt drunter und drüber, ein fiktiver Verlag druckt beispielsweise nur Vorschauen (rund 1700 an der Zahl) – und keine Bücher. Derweil sind Beerdigungen oftmals für hämisches Gelächter gut, über die Toten nur Fieses… Und was Kommissar Tourette (nomen est omen) so von sich gibt, wollen wir hier lieber nicht zitieren.

Abwärts mit Demotivationstrainerin Birgit

Manches ergibt sich, weil Sachverhalte allzu wörtlich genommen werden, so etwa, wenn jemand lauter Hamster kauft, in der Annahme, er habe damit die Hamsterkäufe erledigt, von denen alle sprechen. Oder: Das Restaurant “Napoli” liefert den Tisch, den man “bestellt” hat, schnurstracks nach Hause. Missverständnisse, wohin man auch blickt. Die thematischen Vorgaben hören sich vielleicht simpel an, aber auf die “verrückten” Dialoge, die daraus erwachsen, muss man erst einmal kommen.

Tja, und dann wäre da noch die “Demotivationstrainerin Birgit”, eine herbe Antwort auf alle bodenlos optimistischen Coaches dieser Welt. Sie bringt einen gezielt ‘runter, predigt “pure Lebensunlust” und hat auch sonst feste Prinzipien: “Sag dir jeden Tag: Ich schaffe das nicht.” Oder: “Es wird alles noch viel schlimmer.” Wer danach keine nachhaltig schlechte Laune hat, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Die Lektüre klug dosieren

Kurz und gut: Alles, aber auch wirklich alles wird auf irrlichternde Weise ad absurdum geführt, jede Alltags-Situation verbal verzwirbelt. Bei Facebook, wo Guido Rohm seine sprühenden Einfälle tagtäglich ausprobiert, ist das in munteren Perspektivenwechseln immer wieder erheiternd und zuweilen erhellend. Auf Buchlänge kann es zwischendurch stellenweise schon mal genug sein. Wer will, mag den Band also nach und nach in wohldosierten Portionen lesen, um das Vergnügen nicht zu schmälern.

Ach so, ja: Gar hübsch wäre es übrigens gewesen, den einen oder anderen Text noch etwas sorgfältiger zu redigieren. (Rezensent geht mosernd, aber freundlich winkend ab).

Guido Rohm: “An und Pfirsich. Texte für alle 117 Tage des Jahres”. Taschenbuch im Schrägverlag, 86949 Windach. 200 Seiten, 11,77 Euro. (Vertrieb ohne ISBN über den Verlagsshop).

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt. Und künftig erst recht.
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