Das Geheimnis des Liedes heißt Konzentration: Pianist Graham Johnson tritt jetzt zum 50. Mal beim Klavier-Festival Ruhr auf

Gastautor Robert Unger, seines Zeichens Pressesprecher beim Kurt Weill Fest in Dessau,  über den Pianisten Graham Johnson, mit dem er ein längeres Gespräch geführt hat – vor allem über die Kultur des Kunstliedes:

Seit gut einem Monat ist das Klavier-Festival Ruhr im Gange und feiert sein 30-jähriges Bestehen und viel mehr noch die Kunst des Klavierspiels. 2018 jährt sich der 100. Todestag Claude Debussys; somit ist es nicht verwunderlich, wenn Intendant Franz Xaver Ohnesorg einen Schwerpunkt auf diesen Komponisten und auf französische Musik im Allgemeinen legt.

Der Pianist Graham Johnson (© Malcolm Crowthers)

Der Pianist Graham Johnson (Foto: © Malcolm Crowthers)

In der kommenden Woche, vom 14. bis 16. Mai (jeweils um 20 Uhr) präsentiert im Schloss Herten ein „Urgestein“ des Festivals, Graham Johnson, gemeinsam mit einer exquisiten Auswahl an Sängern französische Lieder und begeht damit seinen 50. Auftritt beim Klavier-Festival Ruhr.

Graham Johnson ist, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, einer der maßgeblichen Liedpianisten der Gegenwart. Geboren im damaligen Rhodesien, studierte er an der Royal Academy of Music, bei Gerald Moore und Geoffrey Parsons. 1972 besuchte der Pianist die Meisterklasse von Peter Pears und Benjamin Britten. Seither legt er seinen Schwerpunkt auf die Liedbegleitung.

1976 gründete Graham Johnson mit Felicity Lott, Ann Murray, Anthony Rolfe Johnson und Richard Jackson den Songmakers’ Almanac, um vernachlässigte Vokalmusik wieder aufzuführen. Aus dieser Arbeit erwuchsen allein über 250 verschiedene Liederabend-Programme. Zu seinen Verdiensten zählt u.a. die Gesamtaufnahme des Schubert‘schen Liedschaffens auf dem Label Hyperion Records. Ähnliche Projekte wurden mit Liedern Robert Schumanns und Gabriel Faurés umgesetzt. Darüber hinaus nahm er zahllose CDs mit englischen Kunstliedern auf. Seine ausgezeichnet recherchierten fachlichen Erläuterungen sind sehr geschätzt, sein 2014 veröffentlichtes Kompendium des Liedschaffens von Franz Schubert in drei Bänden gilt als Standardwerk.

Am Anfang stand ein ungeliebter Bösendorfer-Flügel

Seit 1996 ist der Pianist mit einer einzigen Ausnahme jedes Jahr beim Klavier-Festival Ruhr aufgetreten und hat immer wieder das Publikum fasziniert und bewegt. Für ihn ist das Festival eine Herzensangelegenheit, bei der Intendant Franz Xaver Ohnesorg eine entscheidende Rolle spielt. Ohnesorg, so Johnson, „legt großen Wert darauf, das Lied als einen Teil des Festivals und als einen wesentlichen Aspekt der Kunst des Klavierspiels zu pflegen“.

Sein erster Aufritt war alles andere als ein Routineauftritt, erinnert sich Johnson: „Der Bösendorfer-Flügel war nicht mein Fall, ich bevorzuge einen Steinway. Damals im August war es brütend heiß. So war das erste Konzert eine schwierige Geburt. Seit damals hat sich viel geändert – und zum Glück ist dieses Konzert keine Eintagsfliege geblieben. Heute können wir in ganz anderer Weise konzentriert arbeiten.“

Drei Konzerte auf Schloss Herten

Dieses Jahr spielt er sein Jubiläumskonzert und zwei Liederabende mit Kompositionen von Claude Debussy und Camille Saint-Saëns im Schloss Herten. An Herten gefällt ihm besonders die „intime Atmosphäre und ein bewusst zuhörendes Publikum, das sehr treu ist und in dem wir im Lauf der Jahre loyale Unterstützer gefunden haben“. Johnson schätzt Herten als „eine kleine, versteckte Insel mittelalterlicher Schönheit am Rande des Ruhrgebiets“.

Gemeinsam mit Soraya Mafi (Sopran) und François Le Roux (Bariton) präsentiert er am ersten Abend, 14. Mai, einen Liederreigen von Camille Saint-Saëns. Der Franzose verfasste zahlreiche Werke in den verschiedenen Gattungen der Musik, darunter Sinfonien, Klavier- und Violinkonzerte und vielfältige Kammermusik, in denen er sich immer wieder mit den unterschiedlichsten Musiktraditionen auseinandersetzte, um stilistische Elemente in Form von Bearbeitungen zu integrieren.

Große Bewunderung für Camille Saint-Saëns

Johnson bewundert das Schaffen dieses Komponisten besonders: „Ich bin ein großer Bewunderer von Saint-Saëns. Er ist kein Avantgardist, kein weltveränderndes Genie, aber er war ein unglaublich begabter Pianist und Komponist und auch eine musikpolitisch wichtige Persönlichkeit. Seine Melodien haben Eleganz und Charme, er steht in der Tradition wie Bizet, Gounod und Fauré, den er lebenslang unterstützt hat – ein schönes Beispiel dafür, wie ein Komponist einem anderen zur Seite steht.“

Claude Debussy, dem Zeitgenossen Saint-Saëns‘, ist der zweite Liederabend am 15. Mai gewidmet. Sarah Fox (Sopran) und François Le Roux an der Seite von Johnson zeigen die Meisterschaft Debussys, die gekennzeichnet ist durch eine unpathetische, freie, jedoch immer noch tonale Musiksprache. Debussy, der sich selbst nicht als „Impressionist“ verstand, begriff Musik als ein sinnliches Klang- und Farbenspiel, das nur im Einklang mit den Geheimnissen der Natur und der Fantasie existieren kann. „Debussy wälzte die musikalische Welt um“, stellt Johnson dazu fest.

Franz Schubert bleibt der wichtigste unter den Liedkomponisten

Das persönlichste Konzert der Trilogie am 16. Mai ist Komponisten gewidmet, die Johnson stets begleitet und beschäftigt haben: „Mein Leben lang habe ich die Werke von Franz Schubert studiert. Er war ein großer Meister von Anfang an und bleibt für mich vielleicht der wichtigste unter allen Komponisten. Benjamin Britten möchte ich mit diesem Programm einen Dank abstatten: Ich durfte mit ihm studieren und er schrieb mir, als ich 22 Jahre alt war, eine Empfehlung. Über die Lieder von Gabriel Fauré habe ich 2009 ein Buch veröffentlicht. Das Manuskript zu ,Francis Poulenc The Life in his songs‘ habe ich gerade fertiggestellt, es erscheint 2019. Und mein dreibändiges Werk über Franz Schubert und seine Lieder kam 2014 heraus. Ich bin an der französischen Musikwelt ebenso interessiert wie an der deutschen oder englischen.“

So erklingen an diesem ausverkauften Abend, Johnsons Jubiläumskonzert, zwei Zyklen, die ihm besonders am Herzen liegen: Schumanns „Dichterliebe“ und Brittens „Seven Sonnets of Michelangelo“, mit denen der Komponist die Belcanto-Tradition aufgriff und im 20. Jahrhundert neu interpretierte. Mit dabei sind zwei erfolgreiche junge Sängerpersönlichkeiten: Erstmals die österreichische Mezzosopranistin Sophie Rennert, die u.a. bei den Salzburger Festspielen aufhorchen ließ. Die „Welt“ schwärmte von der „wunderbar warm geschmeidigen Glut ihres edlen Mezzosoprans“. Dazu kommt der nicht weniger gefeierte Tenor Ben Johnson.

Stille Begeisterung für eine kleinteilige Kunstgattung

Drei Abende in der intimen Atmosphäre von Herten, die das Lied als eine konzentrierte Kunstform voll emotionaler Kraft präsentieren, aber auch gleichzeitig vor Augen führen, wie selten diese wunderbare Kunstform sich präsentieren kann. Fern der großen Lieder-Tourneen von Sängern wie Jonas Kaufmann, Diana Damrau oder Elīna Garanča sind die Säle bei Liederabenden selten gefüllt. Die Begeisterung für diese kleinformatige, doch sehr bewegende Kunstgattung ist eine stille, immer mehr gepflegt von Kennern und Liebhabern.

Für Johnson ist der Rückgang eines früher durchaus verbreiteteren Interesses direkt verbunden mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung: „Das ist eine Frage der Bildung. Der Schwund des Publikums hängt mit dem Rückgang des allgemeinen Bildungsniveaus zusammen. Früher wurden in der Schule Gedichte auswendig gelernt. Heute halten Schüler Goethe für einen langweiligen alten Mann. Wie soll jemand, der sich nie mit einem Goethe-Gedicht befasst hat, ein Lied Schuberts auf einen seiner Texte mit Interesse hören? Die kulturelle Form des Liedes kann nur genießen, wer die Bildung dafür mitbringt. Dafür braucht es eine gewisse Neugier. Das Geheimnis des Liedes heißt Konzentration!“ Graham Johnson wird nicht müde werden, die faszinierende Kunst des Liedes weiter zu pflegen.

Karten zum Preis von 30 Euro sind für den 14. und 15. Mai noch erhältlich, das Konzert am 16. Mai ist hingegen ausverkauft. Tickets: 01806/500 80 3. Buchung im Internet direkt und platzgenau unter www.klavierfestival.de

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