Eine junge Frau im Labyrinth der Erwartungen – Willem Frederik Hermans‘ Roman „Au pair“

Von Bernd Berke

So hat sich die 19-jährige Holländerin Paulina ihre Au pair-Tätigkeit in Paris nicht vorgestellt: Die Anwaltsfamilie, bei der sie arbeiten soll, pfercht das Mädchen in eine winzige, verdreckte. fast fensterlose und nicht einmal abschließbare Dachkammer. Ringsum dröhnt bis tief in die Nacht orientalische Musik.

Weitaus schlimmer: Der 13jährige Sohn, ein dickes Monster sondergleichen, bekennt sich als Hitler-Fan und will sogleich Sex mit der neuen Haushaltshilfe haben. Seine Eltern öffnen ohnehin stets ungeniert nackt die Tür. Allmählich gerät Paulinas ganze, bislang von kühlen Nordsee-Brisen aufgefrischte, rationale Weltsicht ins Wanken. Blanke Vernunft hilft in diesem gespenstischen Paris nicht mehr weiter.

Der niederländische Autor Willem Frederik Hermans (1921-1995), der auch bei uns posthumen Ruhm genießt, lässt abgründige Phantasien auf das Mädchen los, das so gern französische Literatur und Kunst studieren möchte. Doch ohne Zuverdienst kann sie sich das nicht leisten.

Seltsame Leute in der Generals-Villa

In seinem Roman „Au pair“, der 1989 in den Niederlanden erschien und erst jetzt bei uns herauskommt, schickt Hermans diese riesenhafte, 1,92 Meter große Blondine und Noch-Jungfrau Paulina in eine rundum rätselhafte, labyrinthische Welt. Immer wieder betrachtet sie sich nackt vor dem Spiegel, als müsse sie sich ihrer Erscheinung vergewissern. Zuweilen wirkt sie souverän, darin wieder kläglich naiv. Eine Figur mit den Umrissen einer mächtigen Göttin, doch zuinnerst verletzlich.

Sie bekommt via Au pair-Zentralbüro einen anderen Job – bei einer steinreichen Generalsfamilie. Dort wird sie plötzlich mit Luxus überhäuft und muss nichts dafür tun. Doch nur vorübergehend mildert sich ihre Situation.

Seltsamen Leuten begegnet sie in der Villa: Der knorrige General sammelt Bilder des Künstlers Constantin Guys, welcher aus dem selben holländischen Ort Vlissingen stammte wie Paulina. Hat man sie etwa deshalb ins Haus geholt? Was steckt dahinter?

Der Mittelteil des Romans, mit Exkursionen über Guys, den Komponisten und Chopin-Konkurrenten Alkan sowie Kants Moral-Philosophie, deutet höchstens auf diffuse Erwartungen an Paulina hin. Es sind, aller (weitschweifigen) Ausführlichkeit zum Trotz, wohl falsche Fährten.

Zweifelhafte Kurierdienste

Die gescheiterten Söhne des Generals (einflussloser Literaturkritiker und Möchtegern-Dichter der eine, wahnhafter Pianist und Quasi-Autist der andere) zählen ebenfalls zum schattenhaft flackernden Kabinett. Nur der Enkel, ein gewiefter Börsenmakler, schlägt aus der Art. So sehr preist man ihn an, dass Paulina schon wähnt, sie sei als Ehefrau für ihn ausersehen. Noch so ein Irrtum?

Schließlich scheint sich der Dschungel der Bedeutungen zu lichten. Die Familie will erreichen; dass Paulina als Geld-Kurierin in einer böchst windigen Affäre dient, die bis tief in die NS-Zeit zurückreicht. Doch dies ist kein Krimi mit eindeutiger „Lösung“. Hermans umkreist vielmehr das Thema der allzeit tauschbaren Wahrnehmung. Erzskeptisches Kern-Zitat: „Die Wirklichkeit schweigt. Sie zeigt nur das, was wir sehen, und sie spricht überhaupt nicht. Auf unsere Fragen gibt sie nur Antworten, die wir selbst formulieren und auch diese entsprechen größtenteils nicht der Wahrheit.“ Ob das nun wahr ist?

Willem Frederik Hermans: „Au pair“. Roman. Gustav Kiepenheuer Verlag. 495 Seiten, 19,90 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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