Monatsarchive: September 2003

Vater war dagegen – und dabei: Ulla Hahns „Unscharfe Bilder“

Von Bernd Berke

Eine Frau um die 50 will endlich die Wahrheit wissen: Was hat ihr Vater damals während des Weltkrieges in Russland getan? Hat er mörderische Schuld auf sich geladen?

Zwei Begebenheiten wecken in Ulla Hahns Roman „Unscharfe Bilder“ die etwas verspätet anmutende Wissbegier: Zum einen hat diese gereifte Studienrätin namens Katja Wild im doppelten Boden des Werkzeugkastens versteckte Liebesbriefe ihres Gatten entdeckt und sich getrennt. Damit ist ihr Sinn für verborgene, plötzlich ans Licht gerissene Geschehnisse geschärft. Vor allem aber hat sie eine Ausstellung mit dem Titel „Verbrechen im Osten“ gesehen und kommt vom Gedanken nicht mehr los, ihr Vater könne verstrickt gewesen sein. Hat sie ihn nicht gar auf einem der dokumentarischen Fotos entdeckt?

Der Roman greift also genau jenes Thema auf, das in den kommenden Wochen die Region nachdrücklich beschäftigen wird: Die schon im Vorfeld kontrovers diskutierte Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ ist ab 19. September im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen.

Konfrontation mit der Vergangenheit

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Die Gewalt und der Kunstanspruch – Gaspar Noés hirnzermarternder Film „Irreversibel“

Von Bernd Berke

Bei der Festspiel-Vorführung in Cannes gab es mehrere Ohnmachts-Anfälle, rund 200 Menschen verließen vorzeitig das Kino. Die Briten wollen den knallhartenStreifen allenfalls gekürzt für den Videomarkt freigeben.

Soll man ins Kino gehen, wenn ein Film lange Passagen enthält, bei denen man am liebsten davonlaufen würde? Eigentlich nicht. Doch Gaspar Noés Opus „Irreversibel“ (also: unumkehrbar) trägt den Kunstvorbehalt wie einen Schild vor sich her.

Raserei rückwärts in Zeittunnel

Knapp gesagt, geht es um Rache für eine Vergewaltigung. Doch Noé dreht den Stoff wüst durch den Wolf. Erzählt wird rückwärts, so dass man die wahnsinnigen Folgehandlungen schon vor den Anlässen kennt und stets verunsichert bleibt. Zudem trudelt die Kamera häufig im bösen Rausch. Schwindlig wird einem in diesem Tunnel der umgekehrt rasenden Zeit. Doch es kommt noch viel schlimmer.

Erste Szene: Ein fies verkommener Greis (sitzt er im Knast?) berichtet, dass er einst mit seiner Tochter geschlafen habe. Irgendwann erwähnt er das Lokal „Rectum“. Sofort segelt die Kamera los und irrt durch eine chaotische Verhaftungsszene mit viel Blaulicht. Was geht da vor?

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Adorno: Strenger Geist und lockere Momente

So will es das Klischee: Jeder „große Mann“ muss der Nachwelt mindestens einen Satz hinterlassen, den viele zu kennen meinen; besser noch, wenn der Ausspruch Rätsel aufgibt und die gesamte Existenz umgreift. Bei Theodor W. Adorno, der vor 100 Jahren (am 11. September 1903) geboren wurde, waren es diese Worte fürs kollektive Gedächtnis: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Man könnte sich den Sinn simpel zurechtlegen, etwa so: Wie man’s auch macht, man macht es verkehrt – in dieser unserer Gesellschaft. Adorno zufolge ist sie derart von Markt- undTausch-Verhältnissen durchwirkt, dass nichts und niemand sich dem Sog der „Verdinglichung“ entziehen kann. Also schlägt jedes Dasein letztlich fehl, alsogibt es nie und nimmer restlose Erfüllung. Wer sich für glücklich hält, irrt sich umso gründlicher, erliegt – um mit Adorno zu reden – der „Verblendung“. Ein bedrückender Befund, fürwahr. Und schweres, gewichtiges geistiges Gepäck!

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