Jürgen Habermas. Alexander Kluge. Mario Adorf. Welche immensen Verluste waren in letzter Zeit fürs Kultur- und Geistesleben in diesem Land zu beklagen! Immerhin hatten alle drei ein langes und erfülltes Leben. Doch waren an dieser Stelle keine Nachrufe zu lesen. Warum nicht?
Nun, ehedem, als man noch bei der Zeitung gearbeitet hat, versetzten einen solche Nachrichten in gelinde Panik. Würde man vor Redaktionsschluss noch eine halbwegs passable Würdigung zustande bringen? Und wenn man’s nicht selbst anpacken konnte oder wollte: Welche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter standen bereit und waren kurzfristig erreichbar? Von Fragen der Illustration ganz abgesehen.
Die Kulturseite war fast fertig, als Karajans Tod bekannt wurde
Mein hektischstes Erlebnis war in dieser Hinsicht ein solo absolvierter Sonntagsdienst in der Kulturredaktion. Als die Seite am späten Nachmittag fast fertig war, kam die Nachricht vom Tode Herbert von Karajans. Es muss also am 16. Juli 1989 gewesen sein. Da hieß es jedenfalls: hurtig alles „umwerfen“.
Es war ja nicht so wie bei den großen überregionalen Blättern, die die gewichtigen Nachrufe nur aus der Schublade holen und in Druck geben mussten. Übrigens: Es ist noch gar nicht so lange her, dass man sich beim (Gähn-Hinweis: nicht immer zuverlässigen) Wikipedia munitionieren kann. Von etwaiger KI-Hilfe vollends zu schweigen.
Worauf die Welt nicht unbedingt gewartet hat
In letzter Zeit bin ich zu dem Entschluss gelangt, nur noch in Ausnahmefällen Nachrufe zu verfassen. Einerseits schreibt man ja immer deutlicher dem eigenen Tod entgegen, indem man vom Ableben der Berühmtheiten kündet und ihnen mehr oder weniger hilflose Worte nachsendet. Außerdem hat, um ehrlich zu sein, die Welt nicht unbedingt darauf gewartet, dass auch hier posthume Girlanden geflochten werden.
Damit es gedeiht, kann man doch nicht von sich verlangen, den Dahingeschiedenen einmal oder mehrmals persönlich begegnet zu sein. Allerdings sollte ein näherer – innerer oder äußerer – Bezug oder Anklang vorhanden sein, sonst wird es zwangsläufig leeres Gerede. Nun gut, ich durfte mal bei einem Abendessen direkt neben Alexander Kluge sitzen und mühte mich nach (begrenzten) Kräften, zu meinem berühmten Tischnachbarn halbwegs intelligente Dinge zu sagen. Puh! Frei nach Goethe: Das Unzulängliche, hier wurd’s Ereignis…


