Dieser Tage, also Ende März, sind gleich zwei gewichtige Kulturmenschen der Region in den Ruhestand gegangen: Dortmunds Kämmerer und Kulturdezernent Jörg Stüdemann (Jahrgang 1956) sowie der Direktor des Essener Ruhr Museums, Heinrich Theodor Grütter (Jahrgang 1957).
Mit beiden endet eine Ära des Kulturlebens im Revier. Ihre Verdienste sind so umfangreich, dass eine Aufzählung in diesem Rahmen unvollständig sein müsste. Also lassen wir’s lieber bleiben. Auch wollen wir nicht das neckische Wort vom „Unruhestand“ bemühen, obgleich es inhaltlich zutreffen dürfte.
Erstaunt war ich, als ich jetzt in einer kurzen Würdigung las, welcher Professor Grütter während dessen Studienzeit in Bochum nachhaltig geprägt hatte. Es war Prof. Jörn Rüsen, Historiker von Rang und Namen. Just bei Rüsen habe auch ich mein Geschichts-Examen abgelegt – wohl ein paar Jahre früher als Grütter. Stüdemann wiederum hat – gleichfalls an der Bochumer Ruhr-Uni – u. a. Germanistik studiert und war hernach dort wissenschaftlicher Mitarbeiter. Germanistik war dort auch mein hauptsächliches Fach.
Kurz und gut: Mit den beiden herausragenden Protagonisten grüße ich zum Abschied zwei Mit-Boomer, die auch noch im selben RUB-Gebäudeensemble (Ich sage nur: G-Gebäude) studierend ihr Rüstzeug erworben haben. Sie haben später freilich qua Amt sehr viel mehr in die Öffentlichkeit hinein gewirkt, als mir dies vergönnt war. Obwohl, ehrlich gesagt: Das hätte mir auch nicht sonderlich gut angestanden. Jeder nach seiner Façon.
In der Vita von Jörg Stüdemann, der lange Jahre in Dortmund als umtriebiger Stadtdirektor gewirkt hat, fand ich stets bemerkenswert, dass er aus der Freien Szene kam, jedenfalls war dies eine wesentliche Durchgangsstation. Von 1987 bis 1992 war er fürs Kulturzentrum Zeche Carl in Essen tätig. Über den Umweg Dresden kam er im Jahr 2000 als Stadtrat für Kultur nach Dortmund, wo er 2010 zusätzlich Kämmerer und sodann Stadtdirektor wurde – im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhrgebiet.

Heinrich Theodor Grütter, Porträtaufnahme von 2018. (Wikimedia / Ruhr Museum, Foto © Ralf Schultheiß) – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
Stüdemann und Grütter agierten auf ihren Feldern staunenswert souverän und eloquent. Sie waren alles andere als kulturferne Bürokraten oder bloße Kulturverwalter, sondern spürbar von kulturellen Belangen angefacht. Es ging ihnen wirklich und wahrhaftig um die Sache. Nun gut, ein bisschen Ego war wohl auch im Spiele. Es gehört auf diesen Ebenen sicherlich dazu.
Ausstellungs-Pressekonferenzen mit Grütter waren ein Ereignis, weil der Mann mit einer ungeheuren, geradezu ausufernden Begeisterung von den präsentierten Schätzen zu sprechen, ja zu schwärmen und zu jubilieren verstand. Man hat dazu gelegentlich geschmunzelt, aber eigentlich hat man sich zwangsläufig anstecken lassen.
Stüdemann wiederum hatte stets eine glückliche Hand und den nötigen Charme, zwischen verschiedenen Interessen in der Stadtgesellschaft derart zu vermitteln, dass die Kultur und ihre Akteure auch in finanziell weniger gut gepolsterten Zeiten zu ihrem Recht kamen. Man wird sehen, wie es sich ausnimmt, wenn künftig der neue Oberbürgermeister Alexander Kalouti (CDU), vormals Pressechef des Dortmunder Theaters, die Kultur als Chefsache in seinen Arbeitsbereich eingliedert. Ihm ist Fortune zu wünschen.


