Bevor Hanns-Josef Ortheil 1951 das Licht der Welt erblickte, hatten seine Eltern vier Söhne verloren. Vom Trauma des Verlustes gepeinigt, lag über der Familie der eine düstere Wolke aus Trauer und Schweigen.
Weil seine Mutter eine Zeitlang völlig verstummte, hörte auch der kleine Hanns-Josef mit drei Jahren auf zu sprechen und verließ erst mit sieben sein wortloses Schneckenhaus. Vielleicht ist ihm deshalb das Schreiben und Sprechen und die Erfindung der Wirklichkeit mit Worten zur Pflicht und Routine geworden. Seit seinem achten Lebensjahr notiert Ortheil täglich, meistens in den frühen Morgenstunden, was ihm gerade durch den Kopf geht, was er erlebt und gedacht hat und festhalten will. „Bis heute“, sagt er in einem Werkstatt-Gespräch mit seinem Lektor Klaus Siblewski, „habe ich durch all die vergangenen Jahrzehnte an der Gewohnheit festgehalten, täglich solche Chroniken, kleinen Erzählungen, Ideensammlungen oder Entwürfe größerer Schreibprojekte zu notieren.“
Diese in kleinen Kladden festgehaltenen Skizzen, oft erweitert durch Fotos und Zeitungsausschnitte, füllen inzwischen ein riesiges Archiv. Zusammen mit den zahlreichen Romanen und Reisebüchern, Essays und Erzählungen, die Ortheil veröffentlicht hat, ergibt das ein kaum noch überschaubares Konvolut aus Texten. Jetzt, zum 75. Geburtstag, öffnet der am 5. November 1951 in Köln geborene Autor die Tür zu seiner labyrinthischen Schreibwerkstatt und gibt Einblick in sein geheimnisvolles Scriptorium.
Vom Kiosk bis zur Schwebebahn
In „Das Panorama des Schreibens“ schlägt Ortheil Schneisen durch sein Werk, legt versteckte Schätze seines kreativen Denkens offen, präsentiert Fundstücke aus seinem Archiv und führt Gespräche über seine Schreibbiografie. Ortheil nimmt die Unterhaltung, die er zu seinem 70. Geburtstag unter dem Titel „Ein Kosmos der Schrift“ (2021) mit Klaus Siblewski geführt hat, wieder auf und führt sie in die Gegenwart.
Unterbrochen und erweitert sind die Gespräche durch unzählige „Archivinseln“, auf denen Ortheil Manuskripte und Fotos zeigt. Ein ebenso buntes wie überraschendes Sammelsurium: das erste Schreibheft von 1959 („Im Banne der Natur“ hat der kleine Josef in penibler Schreibschrift darauf notiert); der Kölner Kiosk, an dem er Süßigkeiten für sich und Spirituosen für seinen Vater kaufte; das Klavier, an dem er als Kind übte und bis heute nicht aufgehört hat zu spielen; Vorder- und Rückseite seines Debüt-Romans „Fermer“ (1979), Fotos der Reha-Klinik, die er nach einer Herzinsuffizienz aufsuchte und in „Ombra – Roman einer Wiedergeburt“ (2021) beschrieb, und Bilder der „Schwebebahnen“ (2025) in Wuppertal, die Ortheil als Kind zu Fantasiereisen anregten und seinem vorerst letzten Romans den Titel gaben. Ein Buch der Wunder, das unbedingt zum Nach- und Weiterlesen animiert.
Hanns-Josef Ortheil: „Das Panorama des Schreibens“. Luchterhand, München 2026, 400 Seiten, 70 Abbildungen, 30 Euro.
