Archiv des Autors: Frank Dietschreit

Eine Sprache für den Alptraum finden: Thomas Ostermeier dramatisiert Édouard Louis´ Roman „Im Herzen der Gewalt“

Gerade war Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier mit seiner Bühnenfassung von Didier Eribons Erfolgs-Roman „Rückkehr nach Reims“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen, da stürzt er sich schon wieder auf einen französischen Autor. Diesmal hat er sich „Im Herzen der Gewalt“, den autobiografischen Roman von Édouard Louis vorgenommen, mit dem der erst 25-jährige Schriftsteller für literarische Furore sorgte.

Szene mit (v. li.) Laurenz Laufenberg, Renato Schuch und Alina Stiegler. (Foto: Arno Declair)

Szene mit (v. li.) Laurenz Laufenberg, Renato Schuch und Alina Stiegler. (Foto: Arno Declair)

Beide, Louis und Eribon, beschäftigen sich mit Gewalt, Homophobie, Rassismus, schreiben über die „soziale Scham“ schwuler Intellektueller, die aus ärmlichen Verhältnissen aus der französischen Provinz nach Paris geflohen sind, um sich neu zu erfinden. Doch sie schämen sich permanent ihrer Herkunft und Vergangenheit.

Es ist Heiligabend, Louis hat sich gerade mit Eribon und anderen Freunden getroffen und Geschenke ausgetauscht. Jetzt ist er auf dem Heimweg, da spricht ihn ein Mann an, Reda, ein in Frankreich geborener Kabyle. Die beiden kommen ins Gespräch, schließlich nimmt der Autor den Fremden mit in seine Wohnung. Sie schlafen miteinander, doch dann wird die Romanze schlagartig zum Alptraum, als Édouard bemerkt, dass sein Handy futsch ist und sein iPad in Redas Manteltasche steckt. Der als Dieb verdächtigte Reda rastet aus, er würgt Édouard mit einem Schal, bedroht ihn mit einem Revolver und vergewaltigt ihn.

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„Das Gesetz verurteilt, die Liebe verschont”: Donna Leons 27. Brunetti-Krimi „Heimliche Versuchung”

Immer mehr Einheimische nehmen Reißaus, halten die tagtäglich durch Venedig strömenden Touristen-Fluten, die billigen Ramschläden und riesigen Kreuzfahrtschiffe nicht mehr aus oder können sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten. Und die Wenigen, die geblieben sind, verheddern sich in einem Knäuel offenbar unlösbarer Probleme.

Ein begabter Schüler nimmt Drogen, ein gesetzestreuer Mann wird eines Nachts schwer verletzt am Fuße einer Brücke gefunden. Eine alte Dame hortet wertlose Coupons. Ein vermeintlich gewissenloser Dealer erweist sich als ein von Krebs zermürbtes menschliches Wrack. Eine von Schuld und Geldsorgen zermarterte Ärztin unterstützt einen gierigen Apotheker, um die Schlupflöcher des Gesundheitssystems besser auszunutzen zu können.

Zwischen „Antigone” und Händels „Esther”

Und Commissario Brunetti? Der streift melancholisch durch seine hassgeliebte Lagunenstadt und neigt neuerdings, von feucht-ungemütlichen November-Nebeln umwölkt, zu voreiligen Schlüssen und liest das antike Drama über die von Macht und Moral heillos zermürbte Antigone, um die Nöte seiner Mitmenschen im Hier und Heute besser zu verstehen. Und was hat das Ganze ausweglose Verwirrspiel mit Georg Friedrich Händel zu tun, bei dem es in seinem „Esther“-Oratorium heißt: „Das Gesetz verurteilt, / die Liebe verschont“?

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Die wundersame Macht des Zufalls: “Das rote Notizbuch” von Paul Auster liegt endlich vollständig auf Deutsch vor

Das Leben hängt am seidenen Faden, der Zufall regiert die Welt, und wer du bist und was du wirst, hängt oft allein davon ab, welche Entscheidung du an einer unscheinbaren Wegmarke triffst oder ob du die Telefonnummer wählst, die auf einem Zettel notiert ist, den du im Hotel unter einem Stuhl findest.

Es gibt wohl kaum ein Buch des jüdisch-amerikanischen Autors Paul Auster, in dem der Zufall nicht eine entscheidende Rolle spielt und darüber wacht, ob die Protagonisten weiter in einer Welt leben dürfen, die ohnehin nicht aus Wirklichkeit, sondern aus Sprache gebaut ist.

Zuletzt hatte Auster in seinem 1200-seitigen Opus Magnum „4, 3, 2, 1“ sein Lebensmotto und den Schreibimpuls („Was wäre geschehen, wenn…“) am Beispiel von Archibald Ferguson gleich viermal durchgespielt und furios vorgeführt, welche Variationen möglicher Identitäten eine Lebensgeschichte haben kann, wenn man an einer bestimmten Stelle aus dem Tritt gerät, dem Schicksal in die Quere kommt oder dem Tod noch einmal von der Schippe springt.

Als der Jugendfreund vom Blitz erschlagen wurde

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“Es kommen härtere Tage” – Hans Magnus Enzensberger hat 99 literarische Überlebenskünstler porträtiert

Zum Berufsbild von Dichtern und Denkern (jedenfalls von denen, die etwas auf sich und ihr Werk halten) gehört es, den Macken und Marotten des Zeitgeistes zu widerstehen, den Aufregungen der politischen Zeitläufte zu widersprechen, vermeintliche Gewissheiten anzuzweifeln und nicht Öl ins Getriebe der Welt zu gießen, sondern Sand Sand dorthin zu streuen.

Dass sie den Mächtigen stets schwer auf die Nerven gingen, die Geheimdienste schon immer ein Auge auf sie hatten und manche für immer in den Kerkern der Polizei und den Arbeitslagern der Parteidiktaturen verschwanden, liegt auf der Hand. Doch erstaunlich viele dieser Querdenker und literarischen Quälgeister haben die Krisen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt, sind ins Exil geflohen oder in die innere Emigration gegangen, haben sich zum Schein angepasst, um im Stillen einfach weiter zu schreiben an ihrem intellektuellen Aufklärungs- und literarischen Zerstörungs-Werk.

Strategien gegen Verführung und Vermarktung

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Das Leben – ein Spiel der Vergeblichkeit: Max Beckmanns Welttheater im Potsdamer Museum Barberini

Leicht bekleidete Tänzerinnen verrenken sich lasziv. Grobschlächtige Zuhälter schleppen betrunkene Animierdamen aus dem Saal. Melancholische Nachtschwärmer blicken in den Abgrund der Nacht.

Max Beckmann: "Schauspieler". Triptychon 1941/42. Harvard Art Museums/Fogg Museum, Cambridge, MA, Schenkung Louis Orswell. (© VG Bild-Kunst, Bonn 2018 - Foto: Imaging Department © President and Fellows of Harvard College)

Max Beckmann: “Schauspieler”. Triptychon, 1941/42. Harvard Art Museums/Fogg Museum, Cambridge, MA, Schenkung Louis Orswell. (© VG Bild-Kunst, Bonn 2018 – Foto: Imaging Department © President and Fellows of Harvard College)

Und weiter, immer weiter: Feist grinsende Schausteller, Karnevalskostüme, pittoreske Masken. Königliche Mimen rammen sich ein Messer in die mit Theaterblut verschmierte Brust. Seiltänzer balancieren durch die Zirkuskuppel. Schauspielerinnen schminken sich die grell gepuderten Gesichter, werfen sich in Szene.

Ob Varieté oder Tingeltangel, Bühne oder Zirkus: Die ganze Welt ist ein großes Theater, das Leben ein Spiel, laut und bunt und doch zugleich von tiefer Traurigkeit. Der Künstler, der das alles beobachtet, mit grobem Pinsel auf der Leinwand und mit schnellem Strich im Skizzenbuch festhält und sich immer wieder selbst in die Szenerie hinein malt, schaut mürrisch auf die hektische Vergeblichkeit der Menschen, sich im Rollenspiel neu zu erfinden und das von Krieg und Katastrophen bedrohte Leben zu genießen: Vorhang auf zum „Welttheater“ des Max Beckmann.

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Verwirrspiel zwischen Phantasie und Wirklichkeit: Peter Stamms Roman “Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt”

In einem Roman hat Christoph vom Scheitern seiner großen Liebe zur Schauspielerin Magdalena erzählt. Das ist viele Jahre her. Seitdem ist er literarisch verstummt. Als er die junge Schauspielerin Lena trifft, erzählt er ihr seine Geschichte, die auch ihre Geschichte ist. Denn alles, was Lena gerade erlebt, hat auch Christoph bereits erlebt.

Er weiß auch, was ihr Freund Chris, der an einem Roman über seine Beziehung zu Lena arbeitet, schreiben wird, denn er hat das Buch ja längst vor Jahren selbst verfasst. Wie kann es sein, dass Christoph meint, Lenas Leben zu kennen und zu wissen, was ihr noch widerfahren wird? Spioniert Christoph ihr nach oder vermischen sich auf magische Weise Literatur und Wirklichkeit?

Bevor der 1963 in der Schweiz geborene Peter Stamm Schriftsteller wurde, hat er sich mit Psychologie und Psychopathologie beschäftigt und in Paris und New York gelebt. Doch dann ist er zurück in seine Heimat gegangen. Seit er 1998 mit “Agnes” als Erzähler debütierte, gehört er zu den wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Literatur.

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Wie wilde Klänge den Kopf befreien können – F. C. Delius’ Erzählung “Die Zukunft der Schönheit”

New York, 1966. Am Rande einer Tagung der “Gruppe 47” besucht der Autor abends mit Freunden ein Free-Jazz-Konzert: in “Slug´s Saloon” tritt der Saxophonist Albert Ayler mit seinem Quintett auf. Es ist laut und wild, der Autor kann die improvisierten Klänge und das musikalische Chaos kaum aushalten. Doch dann entstehen plötzlich Bilder in seinem Kopf: In dem schmerzliche Getöse meint er die tödlichen Schüsse auf US-Präsident Kennedy zu hören und den Bombenhagel in Vietnam.

Die Musik erscheint ihm als politischer Aufschrei, als Marsch der Wahrheit und als Aufruf zur Rebellion. Er beginnt zu begreifen, dass ohne Zerstörung des Alten das Neue nicht entstehen kann und sich die Gesellschaft, die Kunst und auch er selbst und sein eigenes Schreiben sich nur verändern können, wenn man bereit ist, gewohnte Pfade zu verlassen.

In seiner neuen, autobiographisch grundierten Erzählung “Die Zukunft der Schönheit” umkreist F.C. Delius ein kurzes Erlebnis, eine existenzielle Erfahrung, die dem damals 23jährigen Autor schlagartig den Kopf frei gepustet und ihm seinen Weg zum politisch engagierten Schriftsteller möglich gemacht hat.

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Rausch und Ruhm eines Selbstzerstörers: “Panikherz” nach Stuckrad-Barres Roman am Berliner Ensemble

Alkohol und Ecstasy, Kokain und Heroin: Er lässt nichts aus. Keine Droge ist ihm genug. Immer lebt er auf der Überholspur, hat unstillbare Sehnsucht nach dem großen Kick, dem Außergewöhnlichen, der Entgrenzung, dem totalen Erlebnis. Doch immer wieder findet er nur Absturz und Enttäuschung.

"Panikherz"-Szene mit Carina Zichner (li.), Nico Holonics (vorn) und Laurence Rupp (hinten). (Foto: © Julian Röder)

“Panikherz”-Szene mit Carina Zichner (li.), Nico Holonics (vorn) und Laurence Rupp (hinten). (Foto: © Julian Röder)

Irgendwann ist der Schriftsteller und Szene-Reporter, Gag-Schreiber und Selbstdarsteller vollkommen am Ende. Er kann die Hotelrechnung nicht mehr bezahlen und ist ein hoffnungsloser Fall für die Psychiatrie. Da taucht aus dem Nebel der Fantasie Udo Lindenberg auf: “Keine Panik auf der Titanic”, raunt Udo ihm ins Ohr, hinter dem Horizont geht´s weiter, ein neuer Tag”!

“Panikherz” heißt der autobiographische Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre, in dem er Rausch und Ruhm eines notorischen Selbstzerstörers ebenso dringlich wie selbstironisch beschreibt. Oliver Reese hat die von Narzissmus, Drogenexzess und Sinn-Suche handelnde Pop-Literatur für die Bühne bearbeitet und aus dem 500-seitigen Roman-Ungetüm eine Theater-Collage von gerade einmal 40 Seiten herausdestilliert.

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Zumutung und Faszination – Frank Castorf inszeniert “Die Elenden” nach Victor Hugo am Berliner Ensemble

Berlin ohne Castorf? Unvorstellbar. Wohl auch deshalb hat Oliver Reese, der Nachfolger von Claus Peymann am Berliner Ensemble, den Bühnen-Berserker eingeladen, seine Version von Victor Hugos monumentalem Roman „Les Misérables/Die Elenden“ auf die Bretter zu donnern.

Szene mit (v. li.) Valery Tscheplanowa, Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger. (Foto: Matthias Horn)

Szene mit (v. li.) Valery Tscheplanowa, Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger. (Foto: Matthias Horn)

Wenn Castorf sich die großen Romane der Weltliteratur vornimmt, sind das immer abgründige Theater-Odysseen. Die von politischen Debatten und philosophischen Exkursen geprägte, von banalen Blödeleien und hanebüchenen Slapstick-Nummern aufgelockerte Inszenierung dauert schockierende, den Körper folternde und den Geist in Geiselhaft nehmende sieben Stunden. Eine lange Reise in die Nacht, die ermüdet und langweilt, aber auch zutiefst aufwühlt und fasziniert.

Sich um Kopf und Kragen quasseln

Castorf animiert seine Schauspieler, alles zu riskieren, sich furios um Kopf und Kragen zu quasseln und sich die Seele aus dem Leibe zu spielen. Doch immer wieder gibt es seltsam lustlosen Dellen, in denen Castorf die Luft ausgeht und die Inszenierung in gähnende Leere abtaucht, durchhängt und man sich ein Ende dieser schauderhaft-schönen, grandios-irrlichternden Theater-Zumutung sehnlichst herbei wünscht.

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So fremd im eigenen Leben – Yasmina Rezas Roman “Babylon”

Manchmal genügt eine kleine Unachtsamkeit, ein Zufall oder ein unbedachtes Wort – und schon lösen sich all unsere Gewissheiten auf, zerbröselt die schöne Fassade des Alltags zu bizarrem Maskenspiel, werden wir heimatlos in unserem eigenen Leben.

Kaum jemand weiß das besser und kann es mit heiterer Melancholie hintergründiger beschreiben als die französische Autorin Yasmina Reza, die international erfolgreiche Theaterstücke („Kunst“, „Drei Mal Leben“, „Der Gott des Gemetzels“) und Prosa („Hammerklavier“, „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“, „Glücklich die Glücklichen“) verfasste.

Auch in ihrem neuen Roman „Babylon” zeigt die Schriftstellerin mit den multikulturellen (jüdischen und iranischen) Wurzeln, dass der Schrecken hinter der nächsten Ecke lauert und die Bedrohung unserer bürgerlichen Idylle allgegenwärtig ist, dass aus geistreichem Geplauder schnell eine böser Beziehungskrieg werden kann, die Wirklichkeit aus löchrigen Erinnerungen besteht und dass vielleicht die Sprache der einzige Ort ist, der uns Heimat, Schutz und Identität gibt.

Sado-Maso und die misslungene Frühlingsparty

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Schreckliche Ödnis, rasender Stillstand – Berliner Gropius-Bau zeigt Regina Schmekens Fotografien von Tatorten des NSU

Eine graue Häuserwand, ein verlassener, grob asphaltierter Platz, eine beschmierte Straßenecke, eine Parkbucht an einer Landstraße im Wald. Menschenleere Orte, überall Tristesse, dunkle Wolken, düstere Leere.

Einmal rattert, verschwommen und unscharf, ein Motorroller mit zwei Personen vorbei. Ein anderes Mal hetzt ein Mensch mit Einkaufstüten durch die regennasse Ödnis. Aber ist das, was da so bedrohlich auf dem Boden sich ausbreitet und gefährlich schimmert, nicht eine Blutlache? Nein, es ist eine Regenpfütze.

Unsere Fantasie, unsere Befürchtungen und Erwartungen täuschen uns, sie wollen Dinge sehen, die nicht mehr da sind, von denen nur noch die bösen Erinnerungen unsere Wut und Angst speist: All die Opfer, mit kaltem Hass hingerichtet und von feigen, fürchterlichen Mordhänden hingestreckt, sind längst begraben.

Quälend langes Gerichtsverfahren

Zwei der Täter sind tot, die Mitwisser vor Gericht. Verhandelt wird seit quälend langen Jahren, in denen vieles gesagt und noch mehr verschwiegen wird. Dass wir je die Wahrheit erfahren werden, wie der so genannte „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) organisiert war und warum er jahrelang ungestört mordend durch die Lande marodieren konnte, ist kaum zu hoffen. Dafür sind die Mauer des Schweigens und die beklemmende Stille nach den tödlichen Schüssen einfach zu groß.

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Vorsicht, trügerische Idylle! – Donna Leons “Stille Wasser”

Auch erfolgreiche Ermittler können irgendwann nicht mehr, sie sind dann müde und ausgelaugt. Immer nur Verbrechen, Diebstahl und Mord. Überall nackte Gier und purer Hass…

Jetzt, im Hochsommer, hängt auch noch die bleierne Hitzeglocke über Venedig, dazu die permanent durch die engen Gassen flutenden Touristenmassen, die die fragile Lagunenstadt in eine laute und dreckige Event-Bude verwandeln: alles kaum auszuhalten.

Und auch wenn der Schwächeanfall, den der Commissario während eines Verhörs mit einem ekelhaften Kerl hat, nur vorgetäuscht ist, um einen aufgebrachten Kollegen vor Handgreiflichkeiten gegenüber dem sich keiner Schuld bewussten reichen Fiesling zu bewahren: Brunetti braucht wirklich Ruhe und Erholung, Abstand vom Alltag.

Wie wäre es mit einer Auszeit auf einer der vielen kleinen Inseln in der Lagune? Viel schlafen und lesen, schwimmen und rudern, die Seele baumeln lassen und die schlaffen Muskeln ertüchtigen. Doch Vorsicht, Idylle! Denn stille Wasser sind bekanntlich tief, und auch alte Männer wie Casati, mit dem sich Brunetti während seiner Reha anfreundet, und der sich scheinbar nur noch um seine Ruderboote und Bienenstöcke kümmert, können ein dunkles Geheimnis haben. Eines Tages jedenfalls sind Casati und sein Boot plötzlich verschwunden. Brunetti befürchtet das Schlimmste und meldet sich zum Dienst zurück.

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Viel Getöse, wenig Substanz: Zur Potsdamer Schau “Von Hopper bis Rothko – Amerikas Weg in die Moderne”

Edward Hopper gilt als Meister von Melancholie und Tristesse: Auf seinen Bildern lässt er uns in den Abgrund der Einsamkeit schauen. Existentielle Verlorenheit, eine Welt ohne Gott und ohne Sinn.

Edward Hopper: "Anfahrt in eine Stadt", 1946 (© The Phillips Collection, Washington, D. C.)

Edward Hopper: “Anfahrt in eine Stadt”, 1946 (© The Phillips Collection, Washington, D. C.)

Auch der kahlköpfige Mann, der da mit leerem Blick und ordentlichen Ärmelschonern vor seinem Laden sitzt, wartet wohl nicht mehr auf einen Kunden, sondern nur noch auf den erlösenden Tod. Hoppers Gemälde „Sonntag“ (1926) ist ähnlich trostlos wie seine „Einfahrt in eine Stadt“ (1946): keine Menschenseele, nirgends. Überall nur abweisender Beton und dunkle Tunnel in den Schlund der Großstadt.

Insgesamt nur mittelmäßig

Zwei großartige Bilder einer insgesamt dann doch nur mittelmäßigen Ausstellung, die jetzt unter dem Titel „Von Hopper bis Rothko“ im Potsdamer Museum Barberini „Amerikas Weg in die Moderne“ bebildert. Neben den beiden Hopper-Exponaten gibt es nur einen einzigen Rothko, eine verschwommene Farb-Symphonie in Orange und Gelb („Untitled“, 1968). Fast schon eine künstlerische Mogelpackung, gemessen an den großspurigen Ankündigungen.

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Jagd nach dem begehrtesten Auto der Welt – doch Martin Walkers Krimi “Grand Prix” kommt dabei nur mühsam voran

Im Périgord lebt man heute wie Gott in Frankreich. Herrliche Trüffel, köstliche Weine, leckere Speisen. Außerdem kann man dort ausgedehnte Wanderungen unternehmen oder mit dem Boot auf klaren Flüssen paddeln. Wo einst bittere Armut und verheerende Landflucht herrschte, haben längst gut betuchte Aussteiger die verfallenen Landhäuser renoviert und die Touristen ihr Freizeitparadies gefunden.

Um die Gegend überregional noch attraktiver zu machen und den internationalen Geldadel herbei zu locken, hat Bruno, Polizei-Chef von Saint-Denis, eine Idee. Für Leute mit dem nötigen Kleingeld organisiert er eine Oldtimer-Rallye.

Doch der Lockruf nostalgischen Abenteuers wird nicht nur von kauzigen Kapitalisten erhört, die gern mit offenem Verdeck durch eine sommerliche Landschaft brausen. Auch dubiose Sammler strömen herbei, die auf der Jagd sind nach dem wertvollsten und begehrtesten Auto aller Zeiten: einen in den Wirren des 2. Weltkriegs verschollenen sportlich-schnittigen Bugatti aus einer Serie von nur vier je gebauten Exemplaren. Ausgerechnet im Périgord, so geht die Legende, verliert sich die Spur des Autos im Dunkeln der Geschichte. Spätestens jetzt ist klar: Wo das Jagdfieber ausbricht und Millionengewinne die Hirne vernebeln, sind Neid und Mord nicht weit.

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Den Lack der Lügen abkratzen – Toni Morrisons schonungsloser Roman “Gott, hilf dem Kind”

Lula Ann wird mit tiefschwarzer Haut geboren. Die Ehe ihrer Eltern, die nur kaum wahrnehmbar dunkelhäutig sind und oft als Weiße gelten, geht darüber zu Bruch. Das von allen gedemütigte Mädchen wird später einen neuen Namen annehmen und als Bride in der Modebranche Karriere machen.

Doch die Vergangenheit holt sie ein. Denn sie kann nicht vergessen, dass sie als Kind vor Gericht erscheinen musste, um eine Lehrerin hinter Gitter zu bringen, die sich – angeblich – an Schülern vergangen hat und die, als sie nach 15 Jahren wieder aus dem Gefängnis entlassen wird, Bride fürchterlich verprügelt.

Außerdem verliebt sich Bride in einen zwielichtigen und gefährlichen Mann. Als sie sich ins Auto setzt, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen, verletzt sie sich – irgendwo im Nirgendwo – bei einem Unfall. Gefunden und gerettet wird sie von zwei Alt-Hippies, Aussteigern, die sie beherbergen und umsorgen, als wäre ihre uneigennützige Menschenfreundlichkeit das Natürlichste der Welt.

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Die restliche Zeit tropft dahin: Marthalers Wehmut in der Berliner Volksbühne

Vorsichtig werden die Darsteller auf die gähnend leere Bühne geschoben und getragen. In Holzkisten verstaut und in Plastikplanen verpackt sind all die Schauspieler, Musiker und Tänzer, bevor sie in dieses verstaubte Museum der Moderne transportiert und dort ausgestellt und begafft werden.

Ensemble-Szene aus "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" (Foto: Walter Mair - www.waltermair.ch)

Ensemble-Szene aus “Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter” in der Volksbühne. (Foto: Walter Mair – www.waltermair.ch)

Die menschlichen Artefakte lassen die Prozedur still über sich ergehen, summen allenfalls eine kleine Melodie, proben ein paar Tanzschritte, erinnern sich leise an fast vergessene Theatertexte. Nur Irm Hermann, die große Diva des deutschen Films und Theaters, findet es gar nicht lustig, in einem Transportkasten eingezwängt und mit Plastikbandagen wie eine Kunst-Mumie drapiert zu sein: „Ich hasse diese Wanderausstellungen!“

“Es ist ja bald vorbei”

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Leben wird Literatur, Literatur wird Leben: Navid Kermanis Roman “Sozusagen Paris”

Welch eine Überraschung: Gerade hat der Autor in einer Kleinstadt aus seinem neuen Roman gelesen, da steht die Figur, um die sich im Buch alles dreht, vor ihm. Als Schüler war er unsterblich in ein schönes und kluges Mädchen verliebt: das ist jetzt 30 Jahre her. Beide haben sich aus den Augen verloren. Doch bei ihm ist die Sehnsucht nach der Frau, die er im Roman Jutta nennt, geblieben.

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Nun erfährt er, dass sie verheiratet ist und drei Kinder hat. Sie ist Ärztin geworden und Bürgermeisterin in einem Provinz-Kaff. Als sie ihn spätabends in ihr Haus auf ein letztes Glas Wein, einen Joint und ein Gespräch einlädt, sagt der ebenso faszinierte wie irritierte Autor nicht nein. Doch während Jutta bis zum Morgengrauen von ihrem Leben und ihren Ehekrisen erzählt, denkt der Erzähler bereits darüber nach, wie er aus dem unverhofften Wiedersehen einen Roman machen könnte.

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“Beschädigtes” Mädchen: “Ewige Jugend” – Donna Leons 25. Brunetti-Krimi

„Weh´ mir! Grausamer Gott, / Warum ließest du mich nicht sterben / Im Wasser, warum wurde ich errettet?“ In seiner Oper „Radamisto“ hat Georg Friedrich Händel die verzweifelte Todessehnsucht eines aus den Fluten geretteten Menschen in allerschönste Noten verwandelt. Ein Fingerzeig für die US-amerikanische Autorin Donna Leon, die ihre kriminalistischen Streifzüge durch ihre Wahlheimat Venedig gern mit einem aus der Opern-Literatur geborgten Motto beginnt und damit die Richtung vorgibt, in die sich ihr Commissario Brunetti bei der Lösung seines jeweiligen Falles bewegen wird.

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Aus dem Wasser gerettet, und doch mehr tot als lebendig, so steht es um Manuela, einst ein kluges und bildschönes 15jähriges Mädchen, heute ein 30jähriges Kleinkind. Denn bei dem Sturz in einen venezianischen Kanal war sie so lange im Wasser und hat sich so schwere Verletzungen zugezogen, dass in ihrem längst erwachsenen Körper die geistigen und emotionalen Fähigkeiten eines kleinen Kindes wohnen.

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Der Zufall bestimmt das Drama der Existenz – Judith Hermanns Erzählband “Lettipark”

Ein trister Herbstmorgen auf dem Land. Bei den Großstadtflüchtlingen werden die Kohlen für den Winter angeliefert und auf die Wiese des ehemaligen Bauernhofes gekippt. Da kommt der vierjährige Vincent auf seinem Fahrrad vorbei. Vincents Vater hat sich davon gemacht, seine Mutter ist an gebrochenem Herzen gestorben.

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Doch der kleine Junge lässt sich nicht unterkriegen, er strahlt vor Lebensfreude und will jetzt unbedingt helfen, die Briketts in den Schuppen zu verfrachten, „und wir nahmen die Kohlen aus seinen kleinen schmutzigen Händen entgegen wie Hostien.“ Mit diesen Worten, die zum Weinen schön sind und ganz knapp am Kitsch vorbei segeln, endet „Kohlen“, die erste von 17 Erzählungen, die Judith Hermann unter dem Titel „Lettipark“ versammelt hat: literarische Miniaturen, traumwandlerische Spaziergänge durch schnappschussartig erfasste Lebensumstände von Menschen, die nur schemenhaft am Horizont erscheinen und gleich wieder aus dem Sichtfeld verschwinden.

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Eine schier endlose Strecke der Selbstzitate – John Irvings Roman “Straße der Wunder”

Juan Diego, dessen Mutter eine Prostituierte und dessen Vater unbekannt ist, lebt zusammen mit seiner Schwester Lupe auf einer Müllkippe in Mexiko. Der Junge rettet dort Bücher vor dem Verbrennen, bringt sich das Lesen und Schreiben selbst bei und zieht dann das große Los: Er wird von der großherzigen transsexuellen Hure Flor und ihrem schwulen Liebhaber, dem ehemaligen katholischen Priester Edward, adoptiert und mitgenommen in die USA.

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Aus dem ehemaligen Müllkippenkind wird in Iowa City, dem Dorado für „Creative Writing“ und angehende Autoren, ein weltberühmter Schriftsteller und angesehener Literaturprofessor. Allerdings ist Juan Diego frühzeitig gealtert, ist Mitte 50 und sieht aus wie Mitte 60, leidet unter Herz- und Erektionsproblemen, nimmt Betablocker und Viagra wild durcheinander. Das verschafft ihm zwar einige aufregende erotische Erfahrungen, aber auch einige körperliche Ausfälle, vor allem auf der Flugreise auf die Philippinen, die er unternimmt, um ein altes Versprechen einzulösen und den Soldatenfriedhof amerikanischer Gefallener aus dem Zweiten Weltkrieg zu besuchen.

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Amputierter Roman: „Unterwerfung“ – sehr frei nach Houellebecq am Deutschen Theater Berlin

Mit seinem Roman „Unterwerfung“, der ausgerechnet am Tag des Anschlags auf die Satire-Zeitschrift “Charlie Hebdo” herauskam, ist Michel Houellebecq zum Visionär des Untergangs geworden. Im Deutschen Theater Berlin inszeniert Regisseur Stephan Kimmig eine Bühnenversion des provokativen Romans.

Szene aus "Unterwerfung" nach Michael Houellebecq - mit dem Schauspieler Steven Scharf. (© Foto: Arno Declair)

Szene aus “Unterwerfung” nach Michael Houellebecq – mit dem Schauspieler Steven Scharf. (© Foto: Arno Declair)

Um die Machtübernahme des rechten „Front National“ zu verhindern, küren Sozialisten und Konservative den Führer der „Muslimischen Bruderschaft“ zum Staatspräsidenten, der sofort die Scharia, das Patriarchat und die Polygamie einführt. Die Medien werden kaltgestellt, die Universitäten geschlossen, der Literaturwissenschaftler François wird mit einer üppigen Rente zwangspensioniert. Doch als ihm die inzwischen islamisierte Sorbonne anbietet, bei dreifachem Gehalt an die Uni zurückzukommen, unterwirft er sich, konvertiert zum Islam und freut sich darauf, jetzt – wie im Koran geduldet – gleich mehrere Frauen haben zu dürfen.

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Aus Komik wird Entsetzen: David Grossmans Roman “Kommt ein Pferd in die Bar”

Einmal, da war der Stand-up-Comedian Dovele Grinstein noch ein Kind und verbrachte seine Ferien in einem Jugendcamp, wurde er von bösartigen Kerlen in einen Seesack gesteckt und so lange durch die Luft geworfen, bis er winselnd auf den Boden krachte.

Hilfe bekam Dovele nicht, auch nicht von seinem Schulkameraden Avishai Lazar. Denn dem ist der kleine Knirps, der gern auf den Händen läuft, um seine traurige Mutter zum Lachen zu bringen und die garstige Welt mit anderen Augen zu sehen, irgendwie peinlich.

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Avishai, der später ein berühmter Richter werden wird, hat seinen Schulfreund damals nicht nur verraten, sondern später auch ganz und gar vergessen – bis er, nach fast einem halben Jahrhundert, einen Anruf von Dovele bekommt, der Avishai bittet, in eine seiner Vorstellungen zu kommen, mit ihm zu lachen und seinen 57. Geburtstag zu feiern. Das kann ja heiter werden.

Wird es auch. Jedenfalls am Anfang, als der spindeldürre und grell geschminkte Dovele schnell ein paar knackige Witze heraushaut und das Publikum in der Hafenstadt Netanja mit erotischen Anzüglichkeiten zum Brüllen bringt.

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Verrückte Sachen treiben: Isa Genzken zeigt in Berlin ihre Werkschau “Mach Dich hübsch!”

Isa Genzken: "Nofretete" (2014), 7 Gipsbüsten mit Brillen, Holz, auf Holzsockeln mit Rollen. (Courtesy Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York, David Zwirner, New York/London und Hauser & Wirth - © Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Isa Genzken: “Nofretete” (2014), 7 Gipsbüsten mit Brillen, Holz, auf Holzsockeln mit Rollen.
(Courtesy Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York, David Zwirner, New York/London und Hauser & Wirth – © Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Eigentlich wohnt die „Nofretete“ ja ein paar Steinwürfe entfernt auf der Museumsinsel, ist dort mit all ihrer zeitlosen Eleganz eingesperrt in ein einbruchsicheres gläsernes Gefängnis. Doch hier, im Martin-Gropius-Bau, ist die ägyptische Schönheit gleich siebenfach geklont vorhanden; in Gips gegossen, bunt geschminkt, mit rotem Lippenstift und Sonnenbrille aufgetakelt, zugleich ein bisschen derangiert.

Der Betrachter muss lächeln, auch über sich selbst, denn in einer hinter der geklonten Nofretete aufgestellten Spiegelwand sieht er sein eigenes Antlitz, ist Teil des ironischen Spiels, das Isa Genzken mit der Kunstgeschichte und der Beziehung zwischen Werk und Publikum treibt.

“Fuck the Bauhaus”

Gewissheiten in Frage und Traditionen auf den Prüfstand stellen, die Welt und die Kunst radikal neu denken und den Altvorderen die Zunge zeigen: „Fuck the Bauhaus“, heißen denn auch ihre mit Austernschalen und Kunstblumen versehenen Architekturmodelle, die mit Sozialkritik wenig, mit Kunstsatire dafür umso mehr zu tun haben.

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Barfuß durch die Scherben: Armin Petras zerlegt in der Schaubühne Frank Witzels Roman zur “Erfindung der Roten Armee Fraktion…”

Für seinen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ wurde Frank Witzel 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Der Autor vermischt die Geschichte eines Heranwachsenden in der hessischen Provinz mit der minutiösen Rekonstruktion der alten Bundesrepublik.

Das Buch bewegt sich zwischen reaktionärem Bewahren und jugendlichem Aufbruch, dumpfer Schlagerseligkeit und musikalischer Rebellion. Politik, Pubertät und Pop: genau das Richtige für einen Bühnen-Berserker wie Armin Petras, der jetzt (in Kooperation mit dem Schauspiel Stuttgart) an der Berliner Schaubühne eine Adaption des Romans inszeniert hat.

Ein veritables Text-Massaker

Petras rückt dem monströsen 800-Seiten-Roman mit der Kettensäge zu Leibe und richtet eine Art Text-Massaker an, dampft das irrlichternde Sprach-Gewitter und Theorie-Ungetüm auf ein paar spielbare Dialoge und Szenen ein. Alle Exkurse zu Psychoanalyse, Literatur und Poststrukturalismus, zu Freud und Nietzsche, Camus und Derrida werden ausgeblendet.

Wolkige Szene mit (v. li.) Peter René Lüdicke, Paul Grill und Tilman Strauß. (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

Wolkige Szene mit (v. li.) Peter René Lüdicke, Paul Grill und Tilman Strauß. (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

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Wirklicher als die Wirklichkeit – William Boyds Roman “Die Fotografin”

Als sie das erste Mal eine Fotokamera in den Händen hält und – mehr zufällig – auf den Auslöser drückt, ist Amory Clay ein siebenjähriges Mädchen. Doch von nun an ist es um sie geschehen.

Die Möglichkeit, fotografierend die Welt abzubilden, dabei eine neue Wirklichkeit zu erschaffen und sich selbst als beobachtende und verändernde Künstlerin immer wieder kreativ zu erfahren, lässt sie zeitlebens nicht mehr los.

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Sie wird die feine Gesellschaft in London ablichten und mit erotischen Foto-Exkursionen durch die Sex-Kaschemmen des auf dem Vulkan tanzenden Berlin der beginnenden 1930er Jahre für einen Skandal sorgen. Sie wird mit ihrer Kamera den Wahnsinn des Weltkrieges und das Schlachten in Vietnam festhalten und mit ihren preisgekrönten Fotos der Welt die fürchterliche Wahrheit von Tod und Terror vor Augen führen.

Amory Clay ist eine starke, selbstbewusste Frau und eine mutige und große Künstlerin.

Oder sind ihre Fotos, die uns William Boyd in seinem Buch zeigt, und sind die Erinnerungen, die der Autor mit seinen Worten spiegelt, doch nur pure literarische Fiktion?

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Das große “Irgendwie” – zum wolkigen Stand der Dinge beim Berliner Humboldtforum

Plötzlich schrillen sie wieder, die Alarmglocken in Berlin. Eine zeitlang hatte man geglaubt, in der Stadt der gigantischen Fehlplanungen sei man doch noch in der Lage, die ganz großen Aufgaben ohne krisenhafte Begleiterscheinungen zu stemmen.

Nachdem sich beim neuen Flughafen und bei der Sanierung der Staatsoper milliardenschwere Finanz-Löcher und unbegrenzte Bau-Verzögerungen aufgetan haben, schien es, als sei bei dem in Berlins Mitte emporwachsenden Humboldtforum alles im Lot. Die vom italienischen Architekten Franco Stella entworfene Replik des ehemaligen Hohenzollern-Schlosses wächst und gedeiht, die Kosten liegen im Plan. Der für Herbst 2019 anvisierten feierlichen Eröffnung des Forums steht wohl nichts mehr im Wege.

Berliner Schloss - künftige Ansicht von der Nordwestseite her (© Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG)

Berliner Schloss – künftige Ansicht von der Nordwestseite her (© Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum / Architekt Franco Stella mit FS HUF PG)

Eigentlich. Denn seit Mitte Januar plötzlich der oberste Manager der Großbaustelle, Manfred Rettig, das Handtuch warf und sich in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete, ist klar, dass es hinter den Kulissen der pseudo-barocken Schloss-Fassade gehörig kracht. Der Zeit- und Kostenplan, das wird jetzt klar, kann nur eingehalten werden, wenn sich die Begehrlichkeiten der vom britischen Museums-Impresario Neil MacGregor geführten Gründungsintendanz und die Änderungsvorschläge der zukünftigen Ausstellungsmacher in Grenzen halten.

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Sinfonie des Aufstands – Cate Blanchett in Julian Rosefeldts Videoprojekt “Manifesto”

Die Anzahl ihrer Oscar-Nominierungen ist groß, und zweimal schon hat Cate Blanchett die begehrte Trophäe tatsächlich erhalten.

Einmal für ihre Darstellung der Katharine Hepburn in Martin Scorseses „Aviator“, ein anderes mal für ihre Mitwirkung in Woody Allens „Blue Jasmine“. Jetzt stand sie für die Titelrolle in der Patricia-Highsmith-Verfilmung von „Carol“ ganz oben auf der Kandidaten-Liste. Für eine erneute Trophäe hat es nicht ganz gereicht.

Szene mit Cate Blanchett aus Julian Rosefeldts "Manifesto", 2014/15. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Szene mit Cate Blanchett aus Julian Rosefeldts “Manifesto”, 2014/15. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die 1969 in Melbourne geborene Cate Blanchett gehört jedenfalls zu den ganz großen Schauspielerinnen der Gegenwart. Wie wandelbar und experimentierfreudig die australische Diva ist, die allein durch ihre Präsenz jedes Kunstprojekt adelt, zeigt sich jetzt in einer Aufsehen erregenden Video-Installation im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart in Berlin. „Manifesto“ heißt die filmische Choreographie des 1965 in München geborenen und heute in Berlin lebenden Julian Rosefeldt, bei der Cate Blanchett in zwölf völlig verschiedenen Rollen auftritt.

Auf unzähligen Leinwänden flimmern 10-minütige Projektionen, vermengen und vermischen, überlagern und widersprechen sich Thesen und Themen politischer und künstlerischer Manifeste.

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Bedrohlicher Rosenkavalier – Donna Leons Opernkrimi “Endlich mein”

Die Rückkehr von Gesangs-Diva Flavia Petrelli nach Venedig gleicht einem Triumph. Das Opernhaus La Fenice ist jeden Abend ausverkauft. Tatsächlich scheint Flavia die Titelrolle der „Tosca“ auf den Leib geschneidert, und wenn sie beim dramatischen Finale sich über ihre Widersacher erhebt und selbstbewusst in den Tod flieht, sind ihr stehende Ovationen gewiss.

Doch in die Freude über die Liebe der Opernfans mischen sich neuerdings Nervosität und Angst. Eigentlich hat sie gelernt, mit Ruhm und Rummel umzugehen, auch noch zu lächeln und Autogramme schreiben, wenn sie todmüde ist und nur noch ins Bett möchte. Aber seit es jeden Abend beim Schlussapplaus gelbe Rosen regnet und ein unbekannter Verehrer ihre Garderobe in ein Blumenmeer verwandelt, ist ihr doch etwas mulmig zumute.

DonnaleonWer ist dieser namenlose “Rosenkavalier”, warum gibt er sich nicht zu erkennen und was bezweckt er mit seinen Nachstellungen, die – wenn sie sich recht entsinnt – bei ihren Auftritten in Sankt Petersburg und London begonnen haben und jetzt in Venedig geradezu ausufern?

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Wirren nach dem Wirbelsturm – Richard Ford lässt seinen Frank Bascombe wieder aufleben

Herbst 2012. Wirbelsturm Sandy zieht über die Ostküste der USA und hinterlässt eine Schneise der Zerstörung. Vor allem im sonst so idyllischen New Jersey werden schicke Sommerhäuser und teure Prachtvillen von den Naturgewalten hinweg gefegt und ganze Kleinstädte unbewohnbar. Doch ausgerechnet Frank Bascombe, der in seinem ereignisreichen Leben nicht gerade vom großen Glück verwöhnt wurde und sich als Schriftsteller, Sportreporter und Immobilienmakler mehr schlecht als recht durch gewurstelt hat, bleibt diesmal verschont.

Rechtzeitig, auf dem Höhepunkt der Immobilienblase und kurz bevor das ganze marode Bankensystem kollabierte, hat Frank für gutes Geld seine Strandvilla im (fiktiven) Örtchen Sea-Clift verkauft und sich ein anderes Haus gekauft, im Hinterland und weit genug von der Küste entfernt, um jetzt mit der ihm eigenen Mischung aus larmoyanter Melancholie und zynischem Nihilismus auf ein Amerika zu blicken, hinter dessen kaputter Fassade tiefe Verunsicherung lauert, aber auch trotziger, einfach nicht tot zu kriegender Pioniergeist haust.

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Der Schmerz nach dem Terror hört niemals auf – Zeruya Shalevs erschütternder neuer Roman

Iris steht als Schulleiterin mit beiden Beinen im Leben. Sie ist eine selbstbewusste Frau, hat zwei Kinder großgezogen, und in einer eher freudlosen Ehe erträgt sie die Macken und Marotten ihres Ehemanns mit stoischem Gleichmut.

Doch hinter der Fassade lauern lange verdrängte Verletzungen und kaum erträgliche Schmerzen, deren Ursachen weit in der Vergangenheit liegen: Vor 30 Jahren, da war Iris fast noch ein Kind, hat Eitan, ihre erste große Liebe, sie von einem auf den anderen Tag verlassen. Und vor 10 Jahren wurde Iris Opfer einer Terror-Attacke, als ein Selbstmord-Attentäter sich mitten in Jerusalem in die Luft sprengte.

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Nur knapp hat Iris dieses fürchterliche Inferno aus abgetrennten Gliedmaßen und Blutlachen überlebt. Bis heute wird sie, wenn sie sich die grausamen Bilder in Erinnerung ruft, von ebenso realen wie eingebildeten Schmerzen heimgesucht. Als, auf der Suche nach Linderung ihrer Pein, in einer Klinik ausgerechnet Eitan ihr behandelnder Arzt wird, gerät Iris in einen Strudel aus Leidenschaft und Lüge, erotischer Spannung und Liebes-Verrat. Doch kann das Wunder der wieder gefundenen Liebe sie wirklich heilen?

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