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Wirklicher als die Wirklichkeit – William Boyds Roman „Die Fotografin“

Als sie das erste Mal eine Fotokamera in den Händen hält und – mehr zufällig – auf den Auslöser drückt, ist Amory Clay ein siebenjähriges Mädchen. Doch von nun an ist es um sie geschehen.

Die Möglichkeit, fotografierend die Welt abzubilden, dabei eine neue Wirklichkeit zu erschaffen und sich selbst als beobachtende und verändernde Künstlerin immer wieder kreativ zu erfahren, lässt sie zeitlebens nicht mehr los.

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Sie wird die feine Gesellschaft in London ablichten und mit erotischen Foto-Exkursionen durch die Sex-Kaschemmen des auf dem Vulkan tanzenden Berlin der beginnenden 1930er Jahre für einen Skandal sorgen. Sie wird mit ihrer Kamera den Wahnsinn des Weltkrieges und das Schlachten in Vietnam festhalten und mit ihren preisgekrönten Fotos der Welt die fürchterliche Wahrheit von Tod und Terror vor Augen führen.

Amory Clay ist eine starke, selbstbewusste Frau und eine mutige und große Künstlerin.

Oder sind ihre Fotos, die uns William Boyd in seinem Buch zeigt, und sind die Erinnerungen, die der Autor mit seinen Worten spiegelt, doch nur pure literarische Fiktion?

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Lizenz zur Wiederbelebung: William Boyds James-Bond-Roman „Solo“

James Bond, und das kommt selten vor, ist ein wenig ratlos. Der Auftrag, den er von M, seinem Pfeife schmauchenden Vorgesetzten, erhalten hat, klingt dem Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten allzu vage. Wie er es bewerkstelligen könnte, den im afrikanischen (Fantasie)-Staat Zanzarim ausgebrochenen Bürgerkrieg zu beenden, ist dem britischen Agenten ein völliges Rätsel.

Keinen Schimmer hat er, wie er die gefährlichen Frontverläufe überwinden und in die abtrünnige Region des Landes gelangen soll, um dort den einflussreichen Stammesführer und militärischen Kopf des Aufstandes zu kontaktieren und, wenn nötig, auszuschalten.

Solo

Bond hat weder eine Waffe dabei noch Verbündete, die ihm zur Hilfe eilen könnten. Er besitzt keine Informationen über die Hintergründe des Blutvergießens und weiß nicht, welche Interessen Großbritannien in dem Konflikt vertritt. Aber gerade dann, wenn alles ziemlich verwirrend und aussichtslos erscheint, läuft 007, der Agent, der bekanntlich gern Wodka Martini (geschüttelt, nicht gerührt) trinkt, noch stets zur Hochform auf.

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Labyrinth aus Liebe und Lügen – William Boyds Roman „Eine große Zeit“

Wien ist nicht nur die Hauptstadt des galanten Selbstmordes und der morbiden Friedhofskultur. Die österreichische Metropole ist auch der Geburtsort der Psychoanalyse. Wenn Anfang des vorigen Jahrhunderts ein an traumatischen Kindheitserlebnissen und erotischen Unpässlichkeiten leidender junger Engländer dorthin flüchtet, wo Sigmund Freud gerade über Traumdeutung, Totem und Tabu nachdenkt und die auf seiner Couch liegenden Patienten auf ihrer Reise ins verdrängte Innerste ihrer Seele begleitet, so ist das eine einleuchtende Idee.

Für William Boyd, den 60jährigen britischen Autor, der seine Leser mit einem fein ausgetüftelten psychoanalytischen Spionagethriller begeistern will, liegt die Idee jedenfalls auf der Hand. Sein Held wider Willen, der englische Jungschauspieler Lysander Rief, hält sich im Jahr 1913, also am Vorabend des Ersten Weltkrieges und des katastrophalen Zivilisationsbruchs, in Wien auf. Eigentlich will er in der (gleich bei Freud um die Ecke liegenden) psychoanalytischen Praxis von Dr. Bensimon nur seinen Macken und Marotten auf den Grund gehen. Doch dann steigt er nicht nur in die Abgründe seiner Ängste hinab, er verfällt auch den unergründlichen Augen und den erotischen Reizen einer sexbesessenen Frau. Hettie Bull, so heißt die rätselhafte Schöne, blendet, betört und heilt den kopflos Verliebten, aber sie verwickelt ihn auch in eine brisante politische Affäre und stößt ihn in einen Strudel aus Lug und Betrug, Geheimnis- und Landesverrat.

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