Monatsarchive: Dezember 2025

Wie die Zukunft der Welt vergeigt wurde – Ian McEwans raffinierter Roman „Was wir wissen können“

Er ist ein Gigant der Gegenwartsliteratur. Ob „Abbitte“ oder „Kindeswohl“: Seine Romane haben Bestseller-Garantie und werden erfolgreich verfilmt. Ian McEwan hat für seine politisch brisanten und ziemlich bizarren Bücher unzählige Preise bekommen. Nur einen noch nicht: den Literaturnobelpreis.

In seinem Roman „Was wir wissen können“ entwirft er mit stilistischer Eleganz und lakonischer Ironie ein Bild davon, wie die Welt in einhundert Jahren aussehen könnte, wenn wir – wie leider anzunehmen – sehenden Auges in den Abgrund der Klimakatastrophe und der atomaren Kriege steuern.

Weil er aber kein trauriger Bänkelsänger ist, surft McEwan auf einer fast heiteren literarischen Welle durch die Zeiten, springt munter zwischen Heute und Morgen, verwickelt einen literarischen Stellvertreter in ein Erzähl-Geflecht, das zu einer abenteuerlichen Schnitzeljagd wird. … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschichte, Gesellschaft, Krieg & Frieden, Literatur, Natur Klima Umwelt, Utopien & Dystopien | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Befreiung von unten: Ilaria Lanzino deutet an der Rheinoper Verdis „Nabucco“ als abgründiges politisches Drama

Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein spielen in „Nabucco“ eine prominente Rolle. (Foto: Sandra Then)

„Nabucco“ ist eine von Verdis politischen Opern. Völker liegen miteinander im Streit, machtbewusste Führerfiguren treffen aufeinander. Die Liebesgeschichte rückt an den Rand, wird vor allem wegen ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen bedeutsam. Religion wird politisch instrumentalisiert, Politik sakralisiert.

Kein Wunder, dass diese Oper 1842 eine ungeheure Wirkung hatte. Auch ohne ihre spätere Rückprojektion ins „Risorgimento“ ist deutlich, dass Verdi und sein Librettist Temistocle Solera den Nerv der Zeit trafen. Bei der Frage, wie die politische Brisanz des „Nabucco“ jenseits pompöser Arena-Umzüge vergegenwärtigt werden könnte, fallen vielen Regisseuren die Kriegsbilder von heute ein, nicht selten entstanden im Nahostkonflikt, der seit Jahrzehnten eine Quelle ständigen Leids im … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Oper & Ballett | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Die Zeiten ändern sich: Neue Chefin im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Dr. Tanja Pirsig-Marshall, die neue Direktorin des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK), vor dem Eingang des Hauses. (Foto: © Benito Barajas/Stadt Dortmund)

„Die Neue“ trumpft nicht gleich auf, sondern spricht bedachtsam und eher leise. Doch man täusche sich nicht. Dr. Tanja Pirsig-Marshall (52) hat jede Menge Erfahrung im Museumswesen, sie ist auch international gut vernetzt. Einstimmig hat der Rat der Stadt Dortmund beschlossen, dass sie die Leitung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK – mitsamt einer Reihe angegliederter Museen) übernehmen soll. Und nein: Als städtische Willkommensgabe wurde ihr kein BVB-Schal überreicht, wie bisher bei ähnlichen Anlässen oftmals üblich. Die Zeiten ändern sich. Oder weltläufiger, mit Bob Dylan zu singen: „The Times, They Are A-Changin'“.

Westfälisch bodenständig ist sie … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschichte, Kunst & Museen, Region Ruhr | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

Kurze Abschweifung zum Phänomen der „Ohrwürmer“

Ob Katzen auch ihre Ohrwürmer haben? Da müsste man mal unseren Kater fragen, der hier – mit gespitzten Lauschern (Luchspinseln) – auf einer Lautsprecherbox thront. (Foto: Bernd Berke)

„I’ve got a worm in my brain /And it brings me to my knees /It comes on like a thought /But it stays just like a disease…“

(The Weather Prophets: „Worm in my Brain“)

__________________________________

Das vorangestellte Motto führt zwanglos zum Thema hin. Die täglichen „Ohrwürmer“, die einem so unversehens beikommen, nehmen keinerlei Rücksicht auf deinen Musikgeschmack. Wie aus einem tönenden, blubbernden Urschlamm, tauchen sie einfach auf, nehmen schwankende Gestalt an und verschwinden ebenso plötzlich, wie sie gekommen sind. Ob sie folgenlos bleiben, steht dahin.

Manche halten sich über Tage hinweg und … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Kinderzeiten, Musik & Konzert, Rock & Pop | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Zwischen Ost und West: Hans Joachim Schädlich und die „Bruchstücke“ seines Lebens

Er wurde zum Doktor der Philosophie promoviert und hatte eine Stelle als Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR ergattert. Hans Joachim Schädlich hätte Karriere machen können. Doch mit der Diktatur der Einheitspartei hatte er nichts am Hut.

Dann fing er auch noch an, eigene Texte zu schreiben, in denen er ironisch und lakonisch den zermürbenden Alltag im realen Sozialismus sezierte und das ideologische Brimborium des Arbeiter- und Bauernstaates in seine verlogenen Einzelteile zerlegte. Die Verlage mieden seine Texte wie der Teufel das Weihwasser.

Bei privaten Zusammenkünften von ost- und westdeutschen Autoren in Ost-Berlin lernte er Günter Grass kennen. Der war sofort begeistert von den Prosastücken Schädlichs und meinte euphorisch: Seit Uwe Johnson habe niemand mehr „so eindringlich, aus … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschichte, Gesellschaft, Literatur, Politik und so | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

Theaterereignis und Gesamtkunstwerk: Giuseppe Spota inszeniert in Gelsenkirchen Glucks „Orpheus und Eurydike“

Constanze Jader als Orpheus und die MiR Dance Company in Glucks „Orpheus und Eurydike“. (Foto: Zoran Varna)

Es geht um Abschied, Verlust, Tod, um die Magie der Musik und die alles überwindende Kraft der Liebe: Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ galt nicht umsonst bereits zur Entstehungszeit 1762 als ideale Wiederbelebung des antiken Theaters. In Gelsenkirchen hat Choreograf Giuseppe Spota das Gesamtkunstwerk zu seinem Abschied als Direktor der Tanzcompagnie inszeniert.

Für Gluck bedeutete die intensive Zusammenarbeit mit dem Dichter Ranieri de‘ Calzabigi, dem Choreografen Gasparo Angiolini und dem Bühnenbildner Giovanni Maria Quaglio eine einzigartige Chance. Er konnte die Musik zu einem Werk schaffen, in dem alle Aspekte des Theaters gleichwertig, eng verbunden und aufeinander bezogen realisiert werden konnten. Ein Konzept, … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Oper & Ballett | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Ein paar Worte zum allerletzten Westfalenspiegel

Da liegt er nun auf dem heimischen Tisch, der leider, leider allerletzte in Münster erscheinende, nein: erschienene WESTFALENSPIEGEL. Sehr betrüblich: Beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) meinte man, das stets liebevoll und professionell gemachte Magazin für (regionale) Kultur und Gesellschaft einstellen zu müssen. Das war wirklich keine gute Entscheidung.

Wie sehr die 1951 gegründete Zeitschrift fehlen wird, bezeugen auch zahlreiche Leserstimmen in dieser finalen Ausgabe, nicht zuletzt von Kulturprominenz wie dem Dortmunder Schriftsteller Ralf Thenior. Überdies werden noch einmal einige Autorinnen und Autoren kurz vorgestellt, die seit etlichen Jahren mitgearbeitet haben. Ich selbst schätze mich glücklich, im Laufe der Zeit mit einigen Texten dabei gewesen zu sein (und bin nun umso trauriger). Zum Schluss habe ich noch einen Text über die (gar … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Bekenntnisse, Kultur an sich, Medien, Region Ruhr | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Von Dichtung, Faschismus, Alltag, Jungsein und Schule – fünf neue Bücher über fast alles

Hier mal wieder ein paar bemerkenswerte Bücher – im Fünferpack, zum Selberlesen oder Verschenken. Naturgemäß nicht nur zur Weihnachtszeit.

Er hat sie fast alle gekannt

Unter den lebenden deutschsprachigen Verlags- und Büchermenschen dürfte es schwerlich noch so einen geben, der wohl alle wesentlichen Schriftsteller der Nachkriegszeit persönlich gekannt hat. Michael Krüger kann denn auch aus einem wahren Füllhorn von Erzählbarem schöpfen, wenn es um solche bezeichnenden Begegnungen geht. Allein schon das Foto auf dem Cover, 1981 in Australien entstanden, lässt es ahnen. Es zeigt Michael Krüger mit den gewichtigen Literaten Arnfrid Astel, Jürg Federspiel, Peter Rühmkorf, Hans Magnus Enzensberger und Reinhard Lettau – ein reiner Männerbund freilich, der heute mit Einsprüchen rechnen müsste. Michael Krüger: „Unter Dichtern“ (Suhrkamp, 618 Seiten, … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Alltag, Buchmarkt & Lesen, Geschichte, Gesellschaft, Krieg & Frieden, Literatur, Politik und so, Schule, Uni, Bildung | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Ausgegrenzt in Wuppertal: Hanns-Josef Ortheils Kindheits-Roman „Schwebebahnen“

Eigentlich wollte der 1951 in Köln geborene Hanns-Josef Ortheil Pianist werden. Doch massive Sehnenscheidenentzündungen zerstörten den Traum. Also schrieb er Romane, gründete in Hildesheim den Studiengang für „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ und gehört seit vielen Jahren zu den meistgelesenen deutschen Gegenwarts-Autoren. Sein neuer Roman, „Schwebebahnen“, kreist um imaginäres und reales Schweben: Die Familie zieht Ende der 1950er Jahre von Köln nach Wuppertal.

Der sechsjährige Josef, ein leicht verfremdetes Abziehbild des Autors, ist sofort fasziniert von der Hochbahn, die über die Wupper dahin schwebt. Josef malt sich aus, wie die Bahn einfach in den Wolken entschwindet. Die Schwebebahn wird zur Metapher: für die von Kaltem Krieg und atomaren Wettrüsten gefährdete Welt; für den fragilen Zustand Josefs, der seit seinem dritten Lebensjahr … Weiterlesen

Veröffentlicht unter Kinderzeiten, Literatur | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar