Prechts TV-Premiere (II): Kragen offen

Mit solch knackigen Schlagzeilen müssen heute auch philosophisch getönte TV-Sendungen im sonntäglichen Nachtprogramm aufwarten: „Skandal Schule – Macht Lernen dumm?“ Klingt im Ansatz leider schwer nach Christiansen und dergleichen Plauderstündchen.

Es war die ZDF-Premiere für den vielfach kaum vermeidlichen Vordenker Richard David Precht, der seit seinem Bestseller „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ in Deutschland für fast alle Sinnfragen zuständig sein soll. Der fernsehübliche Starkult gebietet es wohl, seine neue Sendung „Precht“ zu nennen – und zwar mit neckisch schräg gestelltem „E“, also ungefähr so: „PrEcht“. Das ist witzkitzelndes Sprachdesign, aber echt!

Zum Auftakt hatte Precht Prof. Gerald Hüther zu Gast, der in Einblendungen wahlweise als Hirnforscher oder Bildungskritiker bezeichnet wurde. Natürlich kritisiert er nicht die Bildung, sondern das, was in unseren Schulen daraus geworden sei: bloßes Eintrichtern vorgegebener Stoffe, weit entfernt von jeder Körperlichkeit, Kreativität und Leidenschaft. Die Lehrer, so hieß es, bräuchten schleunigst die Rahmenbedingungen, um „Potenzial-Entfaltungs-Coaches“ zu werden. Welch’ eine grässliche Formel aus gewiss begründbarem Reformeifer, der in dem Satz gipfelte: „Jedes Kind ist auf seine Weise hochbegabt“.

Leuchtender Tisch: Horribles Studiodesign bei "PrEcht", abfotografiert vom ZDF-Fernsehbild.

Leuchtender Tisch: Horribles Studiodesign bei "PrEcht", abfotografiert vom ZDF-Fernsehbild.

Das Zwiegespräch mit Precht verlief zu 99 Prozent im schönsten Einvernehmen, die beiden spielten einander die vorab vereinbarten Stichworte zu wie beim Pingpong. Sie hatten alles sofort parat, da „saß“ jeder Satz druckreif, alle Daten waren gleich unumstößlich zur Hand. All das ließ auf ein Übermaß an Vorbereitung schließen, für spontane Denkschritte oder Eingebungen blieb da keinerlei Raum. Veritable Denkpausen gar, in denen einmal kurz geschwiegen worden wäre, gab es erst recht nicht.

Grausam die Studio-Dekoration mit etlichen Spotlights und einem leuchtenden Tisch zwischen den Gesprächspartnern. Da das Licht derart die Gesichter von unten modellierte, wirkte das Zusammentreffen auf jahrmarktsbillige Weise dämonisch, wenn nicht gar wie eine unfreiwillig komische spiritistische Séance. Zwischenzeitlich wurde ja auch der Geist Humboldts beschworen, als hätte er gleich ein Statement beisteuern sollen.

Wozu denn Knöpfe schließen? Richard David Precht, abfotografiert vom ZDF-Fernsehbild.

Wozu denn Knöpfe schließen? Richard David Precht, abfotografiert vom ZDF-Fernsehbild.

Weil auch im Nischen-Fernsehen kaum noch Stillstand erlaubt ist, umkreiste die ruhelose Kamera immerzu die beiden Protagonisten. Wenn sie auf dem hinreichend telegenen Precht verharrte, konnte man gelegentlich denken, hier habe ein Winnetou-Darsteller umgesattelt.

Precht und Hüther verzichteten auf Krawatten, sie trugen ihre Hemden ganz leger. Da liegt ein ritueller Schlussatz fürs neue Format nahe, ganz ähnlich wie damals beim „Literarischen Quartett“. Vorschlag: „Und also sehen wir betroffen / den Vorhang zu und alle Kragen offen.“

teilen, mailen, druckenShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterPin on PinterestShare on LinkedInShare on TumblrShare on StumbleUponEmail this to someonePrint this page

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Medien abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Prechts TV-Premiere (II): Kragen offen

  1. Günter Landsberger sagt:

    Und wann stehen sie ganz in den “Hemdsärmeln der Freiheit” (Nestroy) da?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.