Übersetzen und überleben (1): Was mache ich da eigentlich?

Unsere Nachbarn denken vermutlich, mein Mann und ich seien arbeitslos. Schließlich sind wir den ganzen Tag zu Hause, außer wenn wir einkaufen oder mit dem Hund rausgehen. Direkt darauf angesprochen hat uns noch keiner – und das ist vielleicht auch besser so.

Das Hochlegen der Füße kann besonders bei schwierigen Stellen die Arbeit voranbringen (c) Ann Catrin Bolton

Das Hochlegen der Füße kann gerade an schwierigen Stellen die Arbeit entscheidend voranbringen (Foto Ann Catrin Bolton)

Die Aussage „Ich bin freiberuflicher Übersetzer“ ruft nämlich gelegentlich Reaktionen hervor, die selbst bei einem versierten Linguisten für akute Wortinsuffizienz sorgen können und die man wohl nicht zu hören bekäme, hätte man etwas Ordentliches wie Mathelehrer oder Verwaltungsfachangestellte gelernt. Die beliebtesten sind:

„Nein, ich meine, was du beruflich machst? Womit verdienst du dein Geld?“

„Das ist doch kein Beruf. Da muss man sich doch einfach nur ein Wörterbuch nehmen und nachschauen.“

„Ich war in der Schule ganz gut in Englisch, vielleicht sollte ich das auch mal versuchen.“

„Was heißt [beliebiges Wort ohne Kontext] auf Urdu?“

„Was, und dann kannst du nur drei Fremdsprachen?“

„Das machen heutzutage doch Computer.“

„Du arbeitest zu Hause? Das ist ja prima, dann kannst du ja den ganzen Tag machen, was du willst.“

Zugegeben, nicht alle diese Aussagen sind völlig falsch. Ich kann tatsächlich den ganzen Tag machen, was ich will, nur verdiene ich eben kein Geld, wenn ich nicht arbeite. Man kann mit Übersetzen durchaus Geld verdienen und es zählt offiziell als Beruf. Manche ernähren ganze Familien damit.

Man sollte dafür aber außer einer Fremdsprache auch noch etwas anderes gelernt haben. Schließlich trägt fundiertes Wissen im jeweiligen Fachgebiet unter anderem dazu bei, dass Patienten überleben, Maschinen auch tatsächlich funktionieren, juristische Dokumente die Betroffenen nicht in unbeabsichtigte Kalamitäten bringen und übersetzte Literatur möglichst das gleiche Leseerlebnis bietet wie das Original.

Natürlich übersetzen heutzutage auch Computer. Was dabei herauskommt, kann man sich einfach mal bei Google Translate oder Bing ansehen – oder in manchen Gebrauchsanweisungen.

Die meisten Übersetzer beherrschen in der Tat nur zwei oder drei Fremdsprachen, die dafür aber besonders gut. Wandelnde Wörterbücher sind wir leider dennoch nicht. Auch wir müssen sehr oft nachschlagen – und dabei beurteilen können, welche der angegebenen Möglichkeiten im vorliegenden Kontext die passendste ist.

In seltenen Fällen können Übersetzer übrigens auch heftigen Aggressionen ausgesetzt sein, wenn das Gespräch auf ihren Beruf kommt. So berichtete eine Kollegin, auf einer Party übelst beschimpft worden zu sein. Sie habe nichts Vernünftiges gelernt, nutze nun einfach Menschen aus, die nicht wie sie das Glück hätten, eine Fremdsprache zu beherrschen, und ziehe ihnen damit unmoralischerweise das Geld aus der Tasche. (Ich mag mich irren, aber ich glaube, eine vergleichbare Vorgehensweise ist auch in anderen Berufsgruppen weit verbreitet …)

Und noch ein Klischee muss hier leider bestätigt werden: Ich sitze wirklich den ganzen Tag in Jogginghosen am Computer.

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Über Ann Catrin Bolton

Freiberufliche Übersetzerin und Lektorin.
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4 Kommentare zu Übersetzen und überleben (1): Was mache ich da eigentlich?

  1. Bernd Berke sagt:

    Wie bitte? Verstehe ich das richtig: Man soll die Probleme der Mitmenschen nicht kennen wollen?

  2. Doris Müller sagt:

    Kennt denn niemand die deutsche Redewendung: Vor der eigenen Tür kehren? Haben die Deutschen so wenig Probleme, dass sie die der Mitmenschen auch kennen, wissen, hören, kommentieren wollen, müssen ? ohne helfen zu können, wollen?.
    Jeder hat mit sich selbst genug zu tun. Lassen wir das doch so! In Notfällen kann man nach vorsichtigem Herantasten vorsichtig eingreifen
    Deshalb versuche ich meinen Schülern Eigen- und Mitverantwortung zu vermitteln.
    Ach, Ann Catrin, es bleibt viel zu tun!
    D. Müller

  3. Irgendwie schön und erleichternd, zu lesen, daß es anderen Berufsgruppen auch nicht besser geht. Sage ich als Autor. Ich nehme an, meine Nachbarn halten auch mich für einen Hartzer der schlimmsten Sorte, der noch dazu die Keßheit besitzt, sich ein Auto zu leisten und den Rasen nicht zu mähen.

    Und bei Parties ist es echt auch nicht lustig, die Reaktionen auf die Frage: „Und was machst du beruflich?“ zu beobachten. Günstigste „Antwort“ ist ja noch: „Ach was?!“, Loriotscher Seitenblick, Sich-Abwenden, und den ganzen Abend über ward die Person nicht mehr gesehen. Zumindest nicht mehr in meiner Nähe.

  4. Doris Müller sagt:

    Es ist meist einfacher, ein neues Haus zu bauen, als ein altes zu renovieren. Das kann ein Bauherr bestätigen.
    Auch bei Übersetzungen sind sehr viele Vorgaben da und es geht nicht von alleine, diese in gutes, nachvollziehbares Deutsch zu bringen, das auch noch jeder versteht. Wie immer im Leben: Die richtige Mischung macht’s Viel Glück beim Finden
    DoMaSo

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