Was die Kunst zum Klingen bringt

Bergkamen. Die meisten Objekte ragen schlank auf, sie wirken federleicht: Es sind filigrane Türmchen, allseits licht- und luftdurchlässig. Doch diese Skulpturen haben es in sich, denn sie stecken voller Technik.

Alles ist da fein miteinander vernetzt: Relais, Photozellen, Motoren, Schaltkreise, Widerstände, Transistoren, Magnete, Kondensatoren – und Lautsprecher, Wozu dieser ganze Aufwand? Damit Ausstellungs-Besucher am zweckfreien Spiel der Kunst ihre Freude haben – so auch jetzt in der Städtischen Galerie „sohle 1″ in Bergkamen.

Steht man nämlich vor diesen Arbeiten und wirft seinen Schatten darauf, so entwickeln sie für eine gewisse Zeit ihr Eigenleben. Das Mindeste ist, dass sie leuchten, blinken oder rotieren. Oft aber erzeugen sie auch Klänge. Jede dieser Maschinen „verhält sich” anders, erscheint somit als Individuum. Schon seltsam, wenn der eigene Schatten solche Wirkungen hervorruft.

Der in Freiburg lebende Peter Vogel (Jahrgang 1937) befasst sich seit den 1970er Jahren mit solchen tönenden Apparaturen. Damals war Wechselwirkung zwischen Kunst und Betrachter besonders gefragt – wohl auch im Namen des Freiheitsdranges nach 1968. Auf schier alles selbst Einfluss nehmen zu können, das war eine Sehnsucht des fortschrittlichen Zeitgeistes. Allerdings: Wenn man’s bedenkt, so sind diese Kunst-Klänge vorherbestimmt. Man löst sie lediglich aus.

Bemerkenswert der Werdegang Vogels: Er ist Physiker und hat in der Hirnforschung gearbeitet, versteht also fachlich einiges von Wahrnehmungs-Mustern. Auch an frühesten Versuchen zur Computer-Graphik hatte er mit ausgeprägtem Pioniergeist Anteil. Irgendwann konnte er dann seine Leidenschaft für Kybernetik (Bewegungslehre) mit musischen Einflüssen des Elternhauses (Vater Maler, Mutter Bildhauerin) glücklich vereinen.

Im Bergkamener Oberge-schoss erstreckt sich eine mehrteilige Klangwand, die man „spielen” kann wie ein Instrument: Steht man hier, ertönt eine Trommel; geht man dorthin, setzen elektronische Bläser ein. Noch ein paar Schritte weiter gesellen sich Streicher und Keyboard hinzu. Bewegt man sich hin und her, so schwellen diese Laute wechselweise an und ab. Vogel macht sich solche Effekte zunutze, indem er gelegentlich Tänzer einsetzt, die mit ihrem rhythmischen Schattenwurf die Töne besonders virtuos hervorrufen.

Damit hätten wir also schon drei Kunstformen beieinander: Skulptur, Musik und Tanz. In solchen Grenzgebieten fühlt sich der Freiburger wohl, der schon verschiedentlich Musik-Festivals wie etwa die renommierten Donaueschinger Musiktage bereichert hat.

So ästhetisch das alli wirkt, so ausgeklügelt ist es. Der Eigenbau der Apparate verlangt hohe Präsizion. Und die Beschallung richtet sie nach peniblen „Partituren”, deren Umsetzung mal an Minimal Music, mal fast an Techno-Sounds erinnert.

Schön ist’s, wenn technischer Verstand sich auf diese Art verwirklicht, indem den Spieltrieb anspricht. Fast schon eine Utopie: So harmlos, so menschenfreundlich kann Technik sein.

INFOS

+ Peter Vogel wurde 1937 in Freiburg geboren, wo er auch heute lebt.
+ Nach dem Physikstudium entwickelte er medizinische Geräte.
• Für einen Schweizer Pharma-Konzern arbeitete er von 1965 bis 1975 in der Gehirnforschung.
• 1969 erste Experimente mit beweglichen Plastiken.
• Seit 1975 ist Vogel freischaffender Künstler.
• Schon länger her: Eine Werkschau zeigte 1997 das Skulpturenmuseum „Glaskasten” in Mari.
bereichert hat.

Peter Vogel – Licht, Klang, Bewegung. Interaktive Klangobjekte. Bergkamen, Städtische Galerie „sohle 1″ (Jahnstr. 31). Bis 25. Mai. Geöffnet Di-Fr 10-12 und 14-17, Sa 14-17, So 11-18 Uhr.

(Der Beitrag stand am 27. März 2008 in der “Westfälischen Rundschau”, Dortmund)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt. Und künftig erst recht.
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