„Niepo”, „Ente” und all die anderen: Spitzenfußballer, die nie das deutsche Nationaltrikot getragen haben

Die deutschen Nationaltrikots von 1954 bis zur WM 2018. (© Nils Römling / www.deutschlandtrikot.de) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/

Die deutschen Nationaltrikots von 1954 bis zur WM 2018. (© Nils Römling / www.deutschlandtrikot.de) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/

Gastautor Heinrich Peuckmann über großartige Fußballer, die den Sprung ins Nationalteam nicht geschafft haben:

Warum hat Bundestrainer „Jogi“ Löw auf Leroy Sané verzichtet? Hätte er nicht besser Julian Brandt nach Hause schicken sollen, der dieselbe Position im Team spielt? Oder hätte er beide mitnehmen und Rudy nach Hause schicken sollen? Rudy, was will er denn mit dem? Fragen über Fragen.

Dabei ist es auch interessant, nachzuforschen, welche Fußballstars es gab, die niemals Nationalspieler wurden und vor allem, aus welchen Gründen. Spieler zum Beispiel aus dem Ruhrgebiet, deren Klasse unbestritten war und die bei dem jeweiligen Bundestrainer trotzdem keine Chance bekamen.

Ob Dortmund, Schalke oder Essen – viele Könner wurden übergangen

Paul Matzkowski, überdurchschnittlich guter Spieler beim FC Schalke 04, wurde um 1940 herum zu einem Sichtungslehrgang des DFB eingeladen, den weiteren Sprung ins Nationalteam schaffte er aber nicht, weil er beim Fragebogen, der ihm vorgelegt wurde, weder die Mitgliedschaft in der NSDAP, der HJ oder Arbeitsfront ankreuzen konnte. Da schimmerte eine Einstellung auf, die den Nazis nicht passte. Erst nach dem Krieg, schon über 30 Jahre alt, kam er zu einem B-Länderspiel.

Wenn man Kenner von Borussia Dortmund fragt, welcher Spieler der beste war, der jemals das schwarzgelbe Trikot getragen hat, fällt sofort der Name Max Michallek. „Spinne“, wie er wegen seiner langen Beine genannt wurde, gehörte zu Borussias Meistermannschaft, die 1956 und 57 in gleicher Aufstellung zweimal hintereinander Deutscher Meister wurde. Er war ein Supertechniker, war Spielgestalter und Torjäger zugleich, aber für Sepp Herbergers Nationalmannschaft reichte es trotzdem nicht.

Sepp Herberger mochte eben Kaiserslautern noch lieber

Von Michalleks Klasse gab es in Deutschland nur noch einen Spieler, und das war Fritz Walter, Herbergers Lieblingsspieler, um den herum er die Nationalmannschaft aufbaute, die 1954 Weltmeister wurde. Werner Liebrich aus Fritz Walters Club Kaiserslautern wurde deshalb Mittelläufer in der WM-Elf, nicht Max Michallek aus Dortmund.

Bundestrainer Sepp Herberger im Mai 1956. (Foto: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst / Zentralbild-Beyer Bey-Ho / Bundesarchiv Bild Nr. 183-38701-0032) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de

Bundestrainer Sepp Herberger im Mai 1956. (Foto: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst / Zentralbild-Beyer Bey-Ho / Bundesarchiv Bild Nr. 183-38701-0032) Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de

Schon zu jener Zeit wurde das als äußerst ungerecht empfunden und über alle möglichen Gründe für die Nichtbeachtung spekuliert. Lag es daran, dass Michallek als Ruhrgebietskind eben SPD wählte, während Herberger bekanntermaßen konservativ war? Oder daran, dass Max, ebenfalls typisch fürs Ruhrgebiet, abends gern sein Bierchen trank? Alles Quatsch, sagen jene Nationalspieler, die beide kannten. Herberger mochte Michallek, er ließ auch immer Grüße an ihn ausrichten, nur den 1. FC Kaiserslautern mochte er eben mehr.

Auch noch so viele Tore halfen nicht

Mittelstürmer bei Borussia war damals Alfred Niepieklo, der in den beiden gewonnenen Endspielen drei Tore schoss. In der Saison 1956/57 erzielte er 44 Treffer, davon 10 in der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft. Für die Nationalmannschaft reichte es trotzdem nicht. Herberger hatte sich auf den Stuttgarter Erwin Waldner versteift, der immer wieder eine Chance bekam und doch nie den Durchbruch schaffte.

1954 wurde das Übergehen von Niepo, wie er in Dortmund gerufen wurde, mehr als augenfällig. Da besiegte eine westdeutsche Auswahl das damals noch unabhängige Saarland mit 7:0. Vierfacher Torschütze war Niepo. Wenig später spielte Herbergers Nationalmannschaft in der Qualifikation zur WM 1954 gegen eben dieses Saarland und gewann mühevoll mit 3:1. Die gesamte Truppe schoss also weniger Tore als Niepo.

Oberschenkel vom Umfang eines alten Eichenstamms

August Gottschalk war der unbestrittene Kopf der Meistermannschaft von Rot-Weiß Essen, mit ihr wurde er 1953 Pokalsieger und 1955 Meister. Als Mittelläufer schoss er in 172 Oberligaspielen knapp 100 Tore und wurde mehrfach in die westdeutsche Auswahl berufen. Aber fast alle Spieler um ihn herum, aus der Abwehr Willi Köchling, Clemens Wintjes und Heinz Wewers, aus dem Sturm Helmut Rahn und Berni Termath, schafften den Sprung ins Nationalteam, nur nicht August Gottschalk, dessen Oberschenkel übrigens den Vergleich mit dem Stamm einer hundertjährigen Eiche nicht zu scheuen brauchten. Wenn man alte Fans auf die Essener Meistermannschaft anspricht, kommen neben Anekdoten über den WM-Helden von 1954 Helmut Rahn sofort Geschichten über den stämmigen August Gottschalk und seine Oberschenkel.

Von dem Mittelfeldspieler und Spielgestalter Dieter Bast meinte selbst der gestrenge Trainer Max Merkel, dass er garantiert 50 Länderspiele bestritten hätte, wäre er nur Spieler bei den damaligen Spitzenmannschaften Bayern München oder Borussia Mönchengladbach gewesen. Bast konnte alles. Er war ein Supertechniker, konnte ein Spiel gestalten, es langsam oder schnell machen, je nachdem, was gerade erforderlich war und torgefährlich war er noch dazu. In 400 Bundesligaspielen schoss er über 50 Tore. Aber Bast ging nicht zu den Großvereinen seiner Zeit, er spielte lieber für  Rot-Weiß Essen, den VfL Bochum und Bayer Leverkusen, wodurch er nie  Europapokalspiele bestreiten konnte und folglich nicht im Brennpunkt stand. Mit vier B-Länderspielen und 14 Einsätzen in der Olympiaauswahl durfte er sich trösten.

Betrübliche Beispiele auch aus Hamburg und Stuttgart

Für Thomas von Heesen, um den Blick mal über das Ruhrgebiet hinaus zu lenken,  gilt Ähnliches. 1983 gewann er mit dem Hamburger SV sogar den Europapokal der Landesmeister, 1982 und 83 wurde er Deutscher Meister. Auch von Heesen konnte ein Spiel gestalten, freilich stand er dabei etwas im Schatten von Felix Magath, aber er hätte wirklich mal eine Chance verdient gehabt, zumal er ebenfalls torgefährlich war. Gut 100 Tore hat er in der Bundesliga geschossen. Einmal ist er auch zu einem Länderspiel eingeladen worden, wurde aber nicht eingewechselt.

Torgefährlich war der Namensvetter, der „kleine“ Fritz Walter, der bei Waldhof Mannheim und dem VfB Stuttgart gespielt hat, auf jeden Fall. 157 Tore schoss er in knapp 350 Bundesligaspielen, also fast in jedem zweiten Spiel eines. 1992 wurde er nicht nur Meister mit dem VfB, sondern auch Torschützenkönig in der Bundesliga. Aber  er hatte das Pech, Spieler von der Klasse eines Klinsmann oder Völler vor sich zu haben, an denen der kleinere und darum weniger kopfballstarke Fritz Walter nicht vorbeikam.

Wenn man bedenkt, welche Stürmer später eine Chance bekamen (der hüftsteife Jancker, der ungefährliche Paolo Rink usw.), ist es schade, dass der kleine Fritz Walter nur ein einziges Mal, und das für sechs Einsatzminuten, berufen wurde. Acht Länderspiele für die Olympiaauswahl hat er zudem bestritten und 1988 bei der Olympiade in Seoul die Bronzemedaille gewonnen, zusammen mit den späteren Weltmeistern Klinsmann und Hässler. Was sicherlich ein Trost ist.

Der Vater von Willi Lippens konnte Deutschland nicht vergeben

Manche, die nie berufen wurden, haben sich das allerdings auch selbst verdorben. Otto Luttrop aus Altenbögge bei Hamm, der lange bei Westfalia Herne spielte und den seine Fans „Atom-Otto“ nannten, weil er aus 40 Metern aufs Tor schießen und treffen konnte, wurde von Helmut Schön 1965 zum Länderspiel gegen Italien eingeladen, erst einmal nur für die Ersatzbank, wie Schön ihm mitteilte. „Auf die Ersatzbank können Sie sich selber setzen“, hat Otto Luttrop geantwortet. Ein Fehler, wie der sturköpfige Westfale, der vor wenigen Monaten verstarb, anschließend erfuhr, denn Schön sprach ihn nie wieder an.

Willi „Ente" Lippens am 27. Dezember 1970, als er (ein einziges Mal) für die Nationalmannschaft antrat – für die niederländische. (Foto: Joost Evers / Anefo / Nederlands Nationaal Archief - Creative Comons. Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en)

Willi „Ente” Lippens am 27. Dezember 1970, als er (ein einziges Mal) für die Nationalmannschaft antrat – für die niederländische. (Foto: Joost Evers / Anefo / Nederlands Nationaal Archief – Creative Comons. Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en)

Einer der besten Linksaußen, den die Bundesliga jemals hatte: Willi, genannt „Ente“ Lippens von Rot-Weiß Essen, später Borussia Dortmund, hat dummerweise auf seinen Vater gehört, als Schön ihn mehrfach bat, doch für die Nationalmannschaft zu spielen. Vater Lippens war Holländer und hat den Nazis nie verziehen, dass sie sein Heimatland überfallen hatten. Für die Bundesrepublik, das Nachfolgeland, sollte sein Sohn deshalb auf keinen Fall spielen, fand er. Auch dies war ein Fehler, wie „Ente“ heute weiß. 1974, als die Deutschen zum zweiten Mal Weltmeister wurden, wäre er dabei gewesen, auf vierzig, fünfzig Länderspiele hätte er es locker gebracht, aber da war ja der Wille seines Vaters, der im übrigens selber inkonsequent handelte. Während Sohnemann nicht für Deutschland spielen sollte, hatte er sich eine deutsche Ehefrau gesucht.

„Hau ab, du kannst ja nicht mal richtig laufen!”

So kam es zu der merkwürdigen Folge, dass der waschechte Ruhrgebietsjunge mit dem unverwechselbaren Slang („Woh, ey“) einmal für die holländische Nationalmannschaft spielte. Beim 5:1-Sieg gegen Luxemburg schoss er sogar ein Tor, aber mit den damaligen Stars Neeskens und Cruyff konnte er sich nicht verständigen. „Ente“ konnte kein Wort holländisch. So blieb es bei dem einen Einsatz.

Wer sich übrigens über seinen Spitznamen wundert, hat ihn nie spielen sehen. Willi Lippens hatte einen Gang, der einmalig war. Wie eine Ente watschelte er über den Rasen, weshalb ihn Trainer Witzler, als „Ente“ sich für einen Profivertrag bei Schwarzweiß Essen vorstellte, mit der Bemerkung wegschickte: „Hau ab, du kannst ja nicht mal richtig laufen!“ Ein Irrtum, wie die spätere Karriere zeigte.

„Ente“ hatte Humor, er trickste seine Gegenspieler nicht nur aus, er führte sie vor. Einen Trick und noch einen und einen dritten hinterher, obwohl der Weg zum Tor längst frei war. Klar, dass das Publikum ihn dafür liebte. Sein Lieblingsgegner war übrigens Berti Vogts, der schon in der Woche vorher Magenschmerzen hatte, wenn er wusste, dass er am Samstag gegen „Ente“ spielen musste. Als ihn mal ein Schiedsrichter mit den Worten ansprach: „Ich verwarne Ihnen!“, antwortete „Ente“: „Da danke ich Sie.“ Worauf er vom Platz flog. Ungerecht natürlich und überhaupt das alles nur, weil er als Ruhrgebietsjunge gutes Deutsch spricht.

So bleibt „Ente” den Fans viel lebhafter in Erinnerung als mancher Nationalspieler, der längst vergessen ist. Was bestimmt ein Trost ist.

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