Blutiges Erbe der Tempelritter im sonst so idyllischen Périgord – Martin Walkers zehnter Bruno-Krimi „Revanche”

Geweckt wird Bruno Courrèges morgens von Blanco, seinem Hahn, der die Ankunft der Sonne lauthals begrüßt. Dann joggt der Polizeichef der französischen Kleinstadt Saint-Denis mit seinem Hund, der auf den Namen Balzac hört, eine Runde durch Wald und Wiesen.

Nach einer heißen Dusche und einem ausgedehnten Frühstück mit Kaffee und Croissant schaut Bruno gern in der Reitschule einer Freundin vorbei. Denn dort ist Hector untergebracht, sein Pferd, das jeden Tag bewegt werden will. Erst wenn das alles erledigt ist, bequemt sich der Polizist in seine Dienststelle.

Meistens ist ja ohnehin nicht viel los im beschaulichen Kaff, das so herrlich gelegen ist zwischen sanften Hügeln und glasklaren Flüssen, auf denen man paddeln und die Seele baumeln lassen kann. Das Leben könnte so schön sein, würde nicht gelegentlich die böse Realität an der idyllischen Fassade kratzen und Bruno daran erinnern, dass Mord und Totschlag, Neid und Gier, Rachsucht und die Furien der Vergangenheit überall lauern.

Der Schotte Martin Walker lebt und arbeitet als Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist in der US-Hauptstadt Washington und im französischen Périgord. In dieser geschichtsträchtigen Landschaft mit ihren köstlichen Trüffeln und trutzigen Burgen spielen auch Walkers Romane, die regelmäßig zu Weltbestsellern werden. Das dürfte auch auf „Revanche“ zutreffen, den „zehnten Fall für Bruno, Chef de police“. Denn wieder schafft es Walker, literarischen Honig zu saugen aus der ambivalenten Atmosphäre, die sich zwischen luftig-leichtem Leben und bitterböser Realität auftut.

Diesmal geht es um die Vergangenheit, die eben nicht vorbei, sondern stets gegenwärtig ist. Historische Funde können gefährliche Folgen im Heute haben. Im Périgord, wo Jahrtausende alte Höhlen von der Frühzeit des Menschen erzählen und in mittelalterlichen Templerburgen manch geraubter Schatz aus der Zeit der Kreuzzüge versteckt ist, können religiöse Artefakte schnell zum politischen Zankapfel werden und ungeahnte Sprengkraft entfalten.

Was zunächst aussieht wie ein Kletterunfall an einer steilen Felswand, erweist sich schnell als Mordanschlag auf eine Archäologin, die nach einem verschollenen Dokument fahndet, dessen Fund im Nahen Osten für Aufruhr sorgen könnte. Denn das alte Schriftstück wirft ein ganz neues Licht auf die zwischen Christen, Juden und Moslems umstrittene Geschichte Jerusalems. Klingt ziemlich aktuell, vor allem wenn man bedenkt, dass Walker beim Schreiben des Romans noch gar nicht wissen konnte, dass US-Präsident Trump mit seiner Entscheidung, die amerikanische Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen, den Konflikt erst jüngst wieder verschärft hat.

Bruno würde das alles gern ausblenden und liebend gern mit seiner neuen Kollegin flirten, sich abends ein ausführliches Menü und einen schönen Wein gönnen. Stattdessen muss er sich mit Geheimdiensten und Terroristen herumschlagen, aus einem Lügengeflecht die Wahrheit heraus operieren und immer wieder seine Waffe zücken. Seit er vor Jahren als ehemaliger Elite-Soldat verwundet wurde, macht er das eigentlich nicht mehr so gern. Aber um sein geliebtes Paradies vor der Katastrophe zu retten, wird Gourmet Bruno wieder zum Kämpfer. Doch trotz allem verliert er nicht seinen Humor und seine Lebenslust.

Martin Walker: „Revanche”. Roman. Aus dem Englischen von Michael Windgassen. Diogenes, Zürich. 404 Seiten, 24 Euro.

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