Kultur muss jetzt Opfer bringen – Gespräch mit dem NRW-Minister Michael Vesper

Von Bernd Berke

Dortmund/Düsseldorf. In Krisenzeiten ist die Solidarität der Kulturschaffenden gefragt – quer über die Sparten hinweg, doch auch im jeweils eigenen Metier. Daran wird wohl NRW-Kulturminister Michael Vesper (Grüne) erinnern, wenn er sich am kommenden Samstag mit den Intendanten des Landes trifft.

Er will sie bewegen, ihr lieb gewordenes NRW-Theatertreffen aufzugeben, um durch diesen Verzicht den vier Landestheatern zu helfen. Das verriet der Minister der Westfälischen Rundschau (WR) am Telefon.

Verzicht auf Theatertreffen zugunsten der Landesbühnen?

Immerhin rund 120.000 Euro an Landeszuschüssen ließen sich einsparen, wenn jene alljährliche Leistungsschau der NRW-Bühnen entfiele, die viele Kritiker ohnehin für überflüssig halten. Mit dem so eingesparten Geld ließen sich die geplanten Kürzungen bei den vier Landestheatern (WLT in CastropRauxel, Detmold, Dinslaken und Neuss) ein wenig mildem.

Zur Zeit bekommen die vier Bühnen zusammen 13,8 Mio. Euro Landeszuschüsse, ab 2004 sollen es nur noch 12,0 Mio. Euro sein. Dabei müsste das WLT am meisten abspecken, denn es habe, so Vesper, bislang den höchsten Landesanteil (über 60 Prozent) am Gesamtetat – oder so herum betrachtet: Castrop-Rauxel steuert weniger bei als die anderen Gemeinden.

Sparzwänge in allen Bereichen

Vesper, von Amts wegen auch zuständig für Wohnen, Städtebau und Sport, sagte, ihm blute bisweilen das Herz, wenn er an all die nötigen Kürzungen denke. Doch bislang sei der Kulturbereich weitgehend verschont geblieben. Nun müssten Opfer gebracht werden. Auch der Zuschuss zur RuhrTriennale werde ja von 42 Mio. auf 38 Mio. Euro reduziert.

Kein Bereich werde von vornherein finanziell „auf Null gestellt“, aber die Beweislast, ob eine Ausgabe nötig ist, liege jetzt bei den kulturellen Institutionen. Jeder Anspruch müsse neu begründet werden. Vesper: „Das ist doch besser, als wenn wir mit dem Rasenmäher kürzen.“

Einschnitte auch bei Kultursekretariaten und Literaturbüros

Einschnitte drohen z. B. auch den Kultursekretariaten in Wuppertal und Gütersloh (nur noch 1,0 statt 1,5 Mio. Euro Zuschuss) sowie den fünf Literaturbüros, von denen eines in Unna angesiedelt ist. Alternative: Entweder bekommen alle fünf Büros nur noch je 80 Prozent ihres bisherigen Zuschusses, oder es wird ein Haus geschlossen (Vespers Formulierung: „…an ein anderes angegliedert“) – und die restlichen könnten vorerst mit ihrem gewohnten Etat wirtschaften. Vesper lobt in diesem Zusammenhang das Literaturbüro in Detmold: „Die haben landesweit die besten Projekte.“ Dieser Standort dürfte also ungefährdet sein.

Vom Schlimmsten verschont bleiben laut Vesper einstweilen die kommunalen Bühnen, die im Schnitt unter 5 Prozent ihrer Etats aus Landesmitteln bestreiten. Der Politiker sieht sie zudem durch das Gemeindefinanzierungsgesetz (GFG) abgesichert.

Kultur macht nicht einmal 1 Prozent des Landeshaushalts aus

Und was sagt Vesper zu bisherigen Reaktionen auf seinen Sparkurs? Nur die oft branchenübliche Alarmstimmung? Der Minister: „Da differenziere ich.“ Die Sorgen des WLT verstehe er sehr gut, manches werde noch in Gesprächen zu klären sein, wie er denn überhaupt mit allen Betroffenen reden wolle. Doch wenn der Deutsche Kulturrat vom „Todesurteil“ für manche Einrichtung spreche, so sei schon die Wortwahl geschmacklos.

Insgesamt, das weiß natürlich auch Michael Vesper, kann der NRW-Landeshaushalt nicht durch kulturelle Einsparungen genesen – und seien sie noch so rigide. Der Kulturbereich macht nicht einmal 1 Prozent des ganzen Landesetats aus.

Näheres wird man erfahren, wenn am 12. November der Doppelhaushalt 2004/05 in den Landtag eingebracht wird. Ende Januar 2004 soll das Paket verabschiedet werden. Dann werden die ganz harten Verhandlungen auf dem Kultursektor beginnen. Vesper: „Ich habe jetzt immer einen Taschenrechner dabei.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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