Vom Baumarkt ins ferne Universum – „Nagel-Künstler“ Günther Uecker mit einer Werkschau in der Duisburger Küppersmühle

Von Bernd Berke

Duisburg. Manchmal werden Künstler auf ziemlich schlichte Weise wahrgenommen; besonders, wenn sie ein prägnantes „Markenzeichen“ haben. Dann ist Christo halt der Mann, der alles „verpackt“. Und Günther Uecker ist derjenige, der überall Nägel einschlägt.

Wer es gerne genauer wissen möchte, der fährt jetzt nach Duisburg. Mit 110 Arbeiten aus allen Schaffensphasen ist in der Küppersmühle die bisher umfangreichste NRW-Werkschau dieses in Düsseldorf lebenden Künstlers zu sehen. Die Dimensionen von Berlin, wo es gleich mehrere Ausstellungen zu seinem 75. Geburtstag gab, werden zwar nicht erreicht. Doch Duisburg präsentiert eine reichlich bestückte, konsequente Auswahl, die sich in den weiten Räumen bestens entfalten kann.

Metallstifte können sehr „beredt“ sein

Ueckers Nägel mögen zwar aus dem Baumarkt stammen, ästhetisch haben sie mit dieser Herkunft freilich absolut nichts mehr zu tun. Der Künstler bringt die vormals profanen Metallstifte gleichsam massenhaft zum „Sprechen“. Mal fügen sie sich zueinander wie ein friedlich wogendes Kornfeld, dann wieder signalisieren sie Gefährdung, indem sie etwa die Leinwand aggressiv durchbohren oder Gegenstände überwuchern. Oder sie wirken – als Lichtinstallation – wie göttlich geordnete Galaxienhaufen aus einem fernen Universum. Kurzum: Uecker findet eigentlich immer zu einer bewegenden oder bannenden Form.

Anhand des Kataloges lässt sich derlei sinnlich-materielle Gegenwärtigkeit kaum nachempfinden. Erst wenn man vor den Arbeiten steht, erweisen sich ihre wesentlichen Kräfte. Oftmals evozieren die Objekte archaische Welten und Riten, die sich vor der Erfindung (oder nach dem Verschwinden) der Schriftsprache zu ereignen scheinen. Eine BIlderserie beschwört das Verwittern der Buchstaben.

„Das Eigentliche ist noch nicht getan“

Durchweg dezent und vielfach erdhaft sind die Farben. Schrundig strukturierte weiße Bilder erringen den Triumph lichter Erscheinungen über die Finsternis. Ein fahles Aschefeld lässt hingegen Tod und Verwesung ahnen. Durchpflügter Sand versetzt den Betrachter in eine Wüstenei. Eine seltsam schöne Leere. Daneben blitzen in einer Installation scharfe Messer auf, die ein sirrendes Gefühl der Bedrohlichkeit wecken. Ein zerschmetterter Konzertflügel auf zerbrochenem Glas versinnbildlicht Niedergang und Zerstörung der Kultur. Der zugehörige Videofilm dokumentiert die Barbarei der „Kristallnacht“. Nägel sind eben beileibe nicht Ueckers einzige Ausdrucksmittel.

,Das Eigentliche…“ heißt die Schau im Untertitel, mit drei vielsagenden Auslassungs-Punkten. Ueckers derzeitiger, ihn selbst anspornender Wahlspruch lautet denn auch: „Das Eigentliche ist noch nicht getan.“ Was das denn sein könne? Der weltweit gereiste, auch (kosmo)politisch scharfsichtige Künstler: „Eine Ahnung, nein: eine Gewissheit. Aber noch ohne genaue Richtung, ohne bildhafte Gestalt.“ Er ist also offenbar abermals unterwegs zu neuen Ufern der Erfahrung. Bei einem wie ihm darf man gespannt sein.

Museum Küppersmühle, Duisburg (Innenhafen, Philosophenweg). Heute, 2. Dez. 2005, bis 26. Februar 2006. Katalog 20 Euro.

___________________________________________________________

ZUR PERSON

Die frühen Jahre des Künstlers

  • Günther Uecker wurde 1930 in Wendorf (Mecklenburg) geboren.
  • 1949-1953 Studium an der Fachhochschule für angewandte Kunst in Wismar (damals DDR).
  • 1953 Übersiedlung nach West-Berlin.
  • 1955-57 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf
  • 1958 erste Ausstellung mit Heinz Mack und Otto Piene. Daraus geht die Gruppe „ZERO“ hervor.
  • 1960 erste Einzelausstellung (in der Düsseldorfer Galerie Schmela).
  • 1964 documenta-Teilnahme; wegweisende Arbeit mit benageltem Klavier.

 

image_pdfPDFimage_printDrucken

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Kunst abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.