Wie die Politik das Privatleben verdunkelt – Monika Marons bewegendes Erinnerungsbuch „Pawels Briefe“

Von Bernd Berke

Ein Lebenslauf besteht „aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, das nicht hätte geschehen müssen. Das beginnt mit der Geburt“. So zitiert die Schriftstellerin Monika Maron den großen Vordenker Niklas Luhmann. Das Zitat dient ihr als Leitlinie zur Erforschung der eigenen Familiengeschichte. „Pawels Briefe“ heißt ihr bewegender Erinnerungs-„Roman“.

Pawel Iglarz war ihr Großvater; ein polnischer Jude, der sich von hergebrachten Glaubensbindungen löste und Baptist wurde. Es bewahrte ihn in der NS-Zeit nicht vor Verfolgung. 1939 wurden er und seine Frau Josefa aus Berlin nach Kurow vertrieben, später wurden sie getrennt. Er kam ins Ghetto Belchatow, das 1942 „liquidiert“ wurde. Vielleicht wurde er dort ermordet, vielleicht in Kulmhof. Man wird es nie genau erfahren. Etwas ist geschehen, was nicht hätte geschehen müssen, nicht hätte geschehen dürfen.

Die eigene Herkunft fixieren

Ausgehend von den besorgten, erschütternd selbstlosen Briefen, die Pawel aus der schrecklichen Verbannung an seine Angehörigen schrieb, versucht Monika Maron („Flugasche“, „Stille Zeile 6″, „Animal triste“) die Familienhistorie zeitgeschichtlich zu verankern und auch ihre eigene Herkunft zu fixieren. Doch schon bald geraten vermeintliche Gewißheiten ins Wanken, und sie muß sich fragen, was man aus solcher Distanz überhaupt noch herausfinden kann. Eine Reise nach Polen zeigt vor allem, wie viele Spuren inzwischen verwischt sind. An jüdische Bewohner können sich selbst die Älteren nicht mehr erinnern. Furchtbare Löschung aus dem kollektiven Gedächtnis…

Mit-Diskretion und Scheu nähert sich die Autorin der Vergangenheit. Man spürt (und darf es nach der Walser-Bubis-Debatte doppelt bedenken): Erinnerung ist notwendig, doch sie läßt sich nicht in bestimmter Weise erzwingen. Mehr als fürs vielfach beschriebene „große Ganze“ interessiert sich Monika Maron für Einzelschicksale, die eben niemals in politischer Betrachtung aufgehen. Und sie stellt auch prekäre Fragen: Wie schuldig war ein junges Mädchen, das einen SA-Mann liebte und deswegen in seiner Horde mitlief?

Die DDR-Zeitschicht wird gleichfalls behutsam freigelegt, als könne da etwas zerbrechen. Stärker in den Blickpunkt rückt nun auch Monika Marons Mutter Hella, klug und lebenslustig, jedoch verführbar. Sie war einst mit dem damaligen Innenminister Karl Maron verheiratet und blieb über die DDR-Ära hinaus überzeugte Kommunistin.

Die Autorin will sich über eine solche Biographie kein Urteil anmaßen, der Mutter selbst stehe die „Deutungshoheit“ zu. Doch sie verübelt Hella die Nibelungentreue zur SED. Die Tochter selbst konnte ab 1981 nur noch im Westen publizieren und übersiedelte 1988 nach Hamburg.

Monika Maron schreibt einen klaren Stil, verlangt dem Leser aber etwas ab: Er muß sich auch auf Einzelheiten des Lebens ihrer Vorfahren einlassen. Eingefügte Fotografien aus dem Familienalbum halten Moment-Ansichten der „Wendepunkte“ fest. Oft verknüpfen sich, zuweilen exemplarisch, die privaten Geschehnisse mit Grundlinien deutscher Geschichte. An den oft schmerzhaften Schnittstellen wird es spannend.

Pawels Briefe erweisen sich als Hort fortwirkender Menschlichkeit. Hätte ihr gütiger Großvater nach dem Kriege noch gelebt, so findet Monika Maron, dann hätte allein sein Dasein im Familienkreis einen entschiedenen Einspruch nicht nur gegen den Faschismus, sondern auch gegen die SED-Herrschaft bedeutet. Und so sind die vergilbten Papiere ein Vermächtnis für alle, ein Mahnmal ganz eigener Art.

Monika Maron: „Pawels Briefe“. S. Fischer. 205 S., 38 DM.

Monika Maron liest am Mittwoch, 10. März, um 19.30 Uhr in der Reihe „Kultur im Tortenstück“ (Mitveranstalter: die WR und Bücher Krüger) im Dortmunder Harenberg City-Center aus ihrem Buch. Morgen (ZDF, 22.15 Uhr) wird das Buch auch im „Literarischen Quartett“ besprochen.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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