Der Diener aller Herren – Ruhrfestspiel-Doppelpremiere: Heyme verknüpft Shakespeare mit Goldoni

Von Bernd Berke

Recklinghausen. So mies können Menschen sein: Immer wieder spucken sie hier verächtlich voreinander aus. Hansgünther Heyme untersucht mit seiner Ruhrfestspiel-Doppelpremiere (Stücke von Shakespeare und Goldoni) Herr- und Knechtschafts-Verhältnisse. Die Figuren, denen man befremdet zuschaut, sind meist abgebrühte Interessenvertreter ihrer selbst, daher oft auch Überläufer und Verräter. Taktik rangiert allemal vor unverstelltem Gefühl.

Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig (um 1596) wird vom Teatro de La Abadia in spanischer Sprache (mit Übertiteln) gegeben, Carlo Goldonis Komödie „Der Diener zweier Herren“ (1746) firmiert als Koproduktion mit dem Luxemburger Nationaltheater. Bei beiden Stücken, die am Sonntag im über fünfstündigen Doppelpack verabreicht wurden, führt Heyme Regie.

Der Festspielchef hat in den 150 Jahre auseinander liegenden Texten, die beide (teilweise) in Venedig spielen, etliche Ähnlichkeiten erblickt. Geld regiert hier wie dort die Welt. In beiden Fällen verkleidet sich eine Frau als Mann, um ihre Heirats-Interessen durchzusetzen. Juristische Finten prägen jeweils die Beziehungen. Dem finalen Hochzeitsreigen beider Stücke traut Heyme auch nicht, er sieht bereits das laue Unglück auf die Paare zukommen.

Doch ganz besonders richtet er sein Augenmerk auf jene deklassierten Diener-Gestalten, die in den zwei Stücken zentrale Rollen spielen. Shakespeare auf Spanisch: Welch eine Hitze, welch‘ ein rollendes Rasen! Zwischen all den kühlen Kacheln des Spielorts (Schwarzkaue der Recklinghäuser Zeche Blumenthal/Haard) beginnen die Worte zu glühen. Wir sehen (zum Text durchaus passend) gespreizte Posen voller Pathos und offenem Machismo, wie sie auf hiesigen Brettern sonst kaum denkbar sind.

Auch Shylock ist keine Lichtgestalt

Heyme und die höchst präsenten Darsteller (fulminant: Carmen Machi, sozusagen als „Diener aller Herren“) stilisieren das Spiel kunstvoll. Tänzerisch und opernhaft scheint das Tun und Treiben jener eitlen Gecken, die dem Juden Shylock mit ihrer Verachtung so arg zusetzen, dass er sich mit dem Schuldschein rächen will: Bei Nichtzurückzahlung des geliehenen Geldes darf er dem Kaufmann Antonio ein Pfund Fleisch aus dem Leibe schneiden…

Spanier gehen mit dem prekären Stoff im Prinzip unbefangener um, als Deutsche dies je könnten. Doch Heyme hat große, einfühlende Sorgfalt auf die Figur des Shylock verwendet. Gabriel Garbisu spielt den jüdischen Geldverleiher im schneeweißen Anzug keineswegs als unschuldige Lichtgestalt. Man versteht aber, was ihn zu seinen Rachegelüsten treibt. Lieber bliebe dieser Shylock geschäftlich-rational. doch die Verhältnisse sind nicht so.

Wenn dieser Shylock am Ende zur christlichen Taufe genötigt wird, kläglich dem Becken entsteigt und unter eine Brause taumelt, so ist dies wohl gar ein furchtbarer früher Vorschein der Vernichtungslager. Und die gelbe Nase, die er bis dahin trug, hat schon auf den Judenstern verwiesen.

Eine solch pralle Aufführung, die derlei Abgründe bedenkt, ist eine Menge wert. Große Pause mit Paella, Pasta & Co.

Rotation im immergleichen Chaos-Tempo

Dann der Goldoni in deutscher Sprache. Was in der Shakespeare-Inszenierung als latente Gewalt spürbar war, hat sich nun verfestigt, die Aggression ist jederzeit sprungbereit. In einer Tonne stecken Degen, mit denen man gar häufig kämpft. Die Gesellschaft, deren Hierarchien Heyme mit brechtischem Blick diagnostiziert, ist noch fratzenhafter geworden.

Doch was im „Kaufmann“ noch elegant gezirkelt wirkte, kommt nun eher trampelig daher. Die Aufführung rotiert im fast immer gleichen Chaos-Tempo um eine ziemlich leere Mitte. Manche Zuschauer flüchteten vorzeitig. Gegen Schluss kann man’s kaum noch ertragen, wie die Protagonisten immer wieder heillos auf die Bühne stürmen und brachial frontal spielen.

Stellenweise ist’s bewegend, wie der alte Diener Truffaldino die hochnotpeinlichen Balanceakte zwischen seinen Herrschaften vollführt. Doch Ekkehard Schall, gleichsam der prototypische Diener aller Zeiten und Klassen, packt diese Rolle so sehr beim Schöpfe, dass er sie zu zerreißen droht. Er hat starke, ganz lichte, chaplineske und eben brechtische Passagen, doch überdreht er die Tourenzahl. Um ihn herum gibt’s manch‘ gewittriges Chargieren. So wild und bunt kann Langeweile aussehen.

Termine: Nur das Goldoni-Stück: 15, 16., 17. Mai (20 Uhr) / Goldoni plus Shakespeare:19., 20., 26., 27.Mai (17 Uhr). Karten 02361/9218-0.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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