Ein dämonischer Gigant – zum Tod des großen Schauspielers Bernhard Minetti

Von Bernd Berke

Wenn Bernhard Minetti die Bühne betrat, war alles gleich wie verwandelt, wie in ein anderes Licht getaucht. Selbst mittelmäßige Aufführungen bekamen dann einen Abglanz von Theaterzauber. Es gab keinen anderen, der so eigen spielte: eigensinnig, eigenwillig, faszinierend eigenartig.

Diesem großen Dämon des Theaters mit den ungeheuer blitzenden Augen huldigten Publikum und Bühnenwelt: „Der König der Theaterkunst ist tot“, sagte gestern der Regisseur Claus Peymann.

Kaum hatte Minetti, der gestern mit 93 Jahren gestorben ist, die Schauspielschule absolviert, da gehörte der gebürtige Kieler ab 1930 zum Spitzenensemble am Berliner Staatstheater unter Leopold Jeßner, Gustaf Gründgens und Heinrich George. Der Kritiker Herbert Jhering drang gleich zum Wesenskern vor: „Ein neues Gesicht. Nicht der glatte Typ. Feurig und kalt zugleich. Ein knapper, aufbegehrender, glühender Schauspieler.“

Fast 70 Jahre Theatergeschichte hat Bernhard Minetti maßgeblich mitgestaltet. Wollte man alle seine weit über 300 Rollen aufzählen, so müßte man etliche Kapitel des Schauspielführers abdrucken. Unter den vielen großen Regisseuren, mit denen er arbeitete, war Jürgen Fehling wohl der entscheidende. Der trieb Minetti die letzten Anflüge von Deklamation aus, hielt ihn zum gezügelten und dadurch noch intensiveren Spiel an.

Während der NS-Zeit ist Minetti nicht aus Deutschland emigriert, sondern hat beim geschickt lavierenden Gründgens weiter gewirkt. Er hat später zugegeben, er sei damals feige gewesen. Politische Feigheit aus Leidenschaft fürs Theater. Das Spielen hat er gebraucht wie tägliches Brot. Ein Bedürfnis, das in finsteren Zeiten fatal sein kann.

Famoses Dreigestirn mit Claus Peymann und Thomas Bernhard

Minetti hat sich jedoch nicht nach dem Gusto der NS-Machthaber gerichtet, sondern – wie Gründgens – die Kunstausübung vor dem direkten Zugriff der Diktatur bewahrt. Freilich hat er (schlimme Ausnahme) 1944 ein Stück des braunen Dramatikers Hans Rehberg inszeniert.

Nach dem Krieg als „unbelastet“ eingestuft, begann er in Kiel von vorn. Erst in den 60er Jahren kam er wieder dauerhaft nach Berlin, und zwar ans Schillertheater, das 1993 geschlossen wurde – eine kulturpolitische Katastrophe, die Minetti nicht verwunden hat. Seit Ende 1994 gehörte er dem Berliner Ensemble (BE) an, seine letzte Rolle übernahm er in Brechts „Ozeanflug“ (Regie: Robert Wilson).

Legendär sein Bühnen-Zweikampf mit Martin Held in Neil Simons „Sonny Boys“. Der Kritiker Friedrich Luft genoß Minetti als „wunderbar streitbares altes Aas“. Minetti wurde zum Spezialisten für zynische, gebrochene Charaktere, zumal in Stücken von Beckett, Genet und Dürrenmatt. Als Greis Krapp hielt Minetti in Becketts Einpersonendrama „Das letzte Band“ bittere Lebens-Rückschau. Auch da war er unnachahmlich. Doch unter Intendanten wie Boy Gobert und Heribert Sasse sah sich Minetti an seiner Stammbühne vielfach unterfordert.

Da traf es sich, daß ihn die Heroen des Regietheaters als überragende Figur entdeckten und zu Gastspielen einluden. Hier war einer, der ihre Ideen souverän unterlief und junge Ensembles allemal mitriß. So erlebten es Claus Peymann, Dieter Dorn und Klaus Michael Grüber, der Minetti 1985 an der Schaubühne die Wunschrolle des wahnhaften „König Lear“ gab.

Famos jenes Dreigestirn, das Minetti mit dem Autor Thomas Bernhard und dem Regisseur Claus Peymann bildete. 1980 war Minetti in Bochum Bernhards unverbesserlicher „Weltverbesserer“ 1984 brillierte er am selben Ort in „Der Schein trügt“, und mit „Minetti“ widmete ihm Bernhard gar ein Stück, in dem sich der Mime selbst verkörpern konnte.

Unvergeßlich seine mal hintersinnig singende, mal maulend mahlende, alles im Nu zermalmende Weltverachtungs-Stimme, sein stechender Bussard-Blick, aus dem hin und wieder listige oder gar kindlich-heitere Funken sprühen konnten. Dann war – für Momente – diese tödliche Komik nicht mehr gar so knochig, fahl, bedrohlich.

Verstörung, letztlich aber immer Verehrung erzwang er auch mit grandioser Anmaßung: „Gegen das Publikum spielen“ wolle er, hat er einmal gesagt. Und das Lachen wolle er ebenso herstellen wie zerstören. Er war auch ein Monument der Un-Gemütlichkeit.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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