Die großen Gesten hat er nie gebraucht – Zum Tod des Schauspielers Martin Benrath

Von Bernd Berke

Wann immer Martin Benraths einprägsames Gesicht auf der Bühne, im Film oder im Fernsehen erschien, schöpfte man sogleich Vertrauen ins große Ganze. Dann durfte man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die Produktion ihre besonderen Qualitäten hatte. Ein Benrath machte keine halben Sachen mit.

Mit 73 Jahren ist Martin Benrath in der Nacht zu gestern an Herzversagen gestorben. Trotz einer Lungenoperation, der er sich Ende letzten Jahres unterziehen musste, kam sein Tod für viele überraschend. Er bedeutet einen ungeheuren Verlust für das deutschsprachige Theater.

Gegen die innere Leere anspielen

Noch am Montag hatten ihn 7,3 Millionen Zuschauer in der Auftaktfolge des ZDF-Dreiteilers „Zwei Asse und ein König“ (zweiter Teil heute um 20.15 Uhr) als ehemaligen Werftbesitzer „Hajo“ Jansen gesehen. Das Bühnenschaffen des gebürtigen Berliners Benrath hatte einst beim Theater am Schiffbauerdamm (1947) und dann ab 1953 unter Gustaf Gründgens in Düsseldorf begonnen. 1962 ging er ans Bayerische Staatsschauspiel nach München, dem er treu blieb. Er selbst hat einmal gesagt, die Bühnenkunst habe ihm geholfen, aus der inneren Leere herauszufinden, die der Weltkrieg hinterlassen hatte.

Seine imponierende, etwas barsche Erscheinung, der oft verhangen wirkende, aber dann und wann aufblitzende Blick und der (von einem Unfall herrührende) „Schmiss“ auf seiner Wange, der ihn anfangs auf den Typus aristokratischer Offizier festzulegen drohte – dies alles täuschte. Benrath konnte nicht nur die strengen, geradezu einschüchternden Rollen spielen, sondern auch leichtere oder gar ein wenig bübisch gefärbte Parts mit Leben erfüllen.

Ein Mann von würdevoller Statur

Seinem eher zurückhaltenden Wesen und seinem Verständnis „preußischer Tugenden“ entsprach es, dass er nie die großen, pathetischen und erst recht keine flatterhaften Gesten benötigte. Er war ein Schauspieler von ganz eigener, stets würdevoller Statur, der sparsam und umso nachhaltiger „instrumentierte“.

Martin Benrath hat zahllose schwergewichtige Rollen des Welttheaters gespielt: Lessings „Nathan“, Schillers Franz Moor in den „Räubern“ und den Philipp im „Don Carlos^ Shakespeares „König Lear“ und Julius Cäsar (1992 unter Regie von Peter Stein), Schnitzlers „Professor Bernhardi“ – um wenige zu nennen. Auch in neueren Stücken wie Botho Strauß‘ „Das Gleichgewicht“ feierte er Triumphe.

Auch das Kino verdankt ihm viel

Natürlich konnte, auch der Film an einem solchen Charakter nicht vorübergehen. Neben Curd Jürgens kämpfte Benrath 1953 in „Meines Vaters Pferde“ um die Liebe einer Frau, in „Kennwort: Morituri“ agierte er an der Seite von Marlon Brando. Auch Helmut Dietls Kinoerfolg „Schtonk“ verdankte Benrath viel von seiner Wirkung.

In Bernhard Sinkels „Berlinger“ übernahm er die Titelrolle des anarchistischen Erfinders und waghalsigen Fliegers, beim selben Regisseur verkörperte er den Bankier Bernheim im TV-Mehrteiler „Väter und Söhne“ (1989). Erst jüngst spielte er den lebensweisen Großvater in der preisgekrönten Strittmatter-Verfilmung |„Der Laden“, eine seiner schönsten Altersrollen.

Dem WR-Mitarbeiter Klaus Braeuer hat Benrath in einem Gespräch zur TV-Serie „Zwei Asse und ein König“ ein literarisches Lieblingszitat verraten. Es stammt von Rainer Maria Rilke und lautet: „Wir leben vor uns hin und nehmen jeden Tag Abschied“.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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