Blues unter grauem Himmel – „Wolken ziehen vorüber“ von Aki Kaurismäki

Von Bernd Berke

Im Restaurant „Dubrovnik“ dreht mal wieder der Koch durch. Erst stürzt er ein paar Schnäpse hinunter, dann fuchtelt er plötzlich gefährlich mit dem Messer herum. Das übrige Personal bringt ihn zur Besinnung. Ganz ruhig und lakonisch, ohne Geschrei. Ein Routinefall.

Tun, was zu tun übrig bleibt – und kaum ein Wort darüber verlieren. Diese stoische Haltung kennzeichnet seit jeher die Figuren des Finnen Aki Kaurismäki. Zwischendurch geraten sie immer wieder in rätselhafte Starre, hinter der sich wiederum eine unbeugsame Kraft des Erduldens verbirgt.

In Kaurismäkis neuem Film „Wolken ziehen vorüber“ geht es um jenes Restaurant, das von gewieften Geschäftsleuten in die Pleite getrieben wird. Folge: Oberkellnerin Ilona (Kati Outinen) wird arbeitslos. Kurz zuvor hat schon ihr Mann Lauri (Kari Väänänen) seine Stelle als Straßenbahnfahrer aufgeben müssen.

Zum Lachen traurige Szene: Vier Leute müssen bei der Tram entlassen werden, und Lauri läßt sich auf ein Kartenspiel unter Kollegen ein. Leider verloren. Und er ist auch noch zu stolz, um Arbeitslosengeld zu beantragen. Schon bald werden Fernsehgerät und Möbel gepfändet, wird das Auto verkauft, und der Hund sieht auch schon ganz mager aus. Ilona muß in einem schäbigen Imbiß schuften, während sich Lauri dem Suff überläßt. Das ist der Blues des kalten Nordens.

Kaurismäki, vormals auf Schwarz-Weiß abonniert, zeigt uns die einfache Geschichte vom tristen Leben der Eheleute, dieses furchtbare und doch in manchen Einzelheiten so verzweifelt komische Elend, in einer ganz eigentümlichen Farbpalette. Knatschbunt, aber nicht grell, sondern wie abgeblättert und ausgebleicht.

Verschlissene Welt mit alten Straßenkreuzern

Eine verschlissene Welt, durch die höchstens mal ausgediente US-Straßenkreuzer kurven, seltsam hinter der Zeit „zurückgeblieben“. Welch wirksame Verfremdung einer Handlung, die zu Herzen geht, aber nie sentimental wird.

Unterm bleiern lastenden Himmel Finnlands floß bei Kaurismäki stets ungeheuer viel Alkohol durch die Kehlen. Auch der ehemalige Koch und der Ex-Portier des „Dubrovnik“ trinken sich durch ihre arbeitslosen Tage. Doch als der Portier durch Zufall Ilona wiedertrifft, schmieden sie einen Plan. Warum zum Teufel kein eigenes Restaurant eröffnen? Also sammeln sie das desolate Trüppchen von ehedem wieder ein und riskieren das Geld ihrer früheren Chefin.

Wenn am Ende Kati Outinen, die so unendlich tranigtraurig und dabei doch so tapfer dreinschauen kann, blinzelnd zum Himmel aufblickt, dann wissen wir, daß die Wolken des Schicksals sich wundersam verziehen. Ein Märchen, gewiß, doch kein verlogenes; sondern eines, das beglücken kann.

 

image_pdfPDFimage_printDrucken

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Kino abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.