„Das Gurkerl“ – eine ätzende Petitesse

Och nee! Für ein derart großzügig gedrucktes Buch von gerade mal 60 Seiten (inklusive Illustrationen) soll man 20 Euro berappen? Da ist der Inhalt ja fast schon zweitrangig.

Na gut: Johanna Sebauer hat ein paar nette Einfälle gehabt und setzt sie einigermaßen launig um. Beim Ingeborg-Bachmann-Preis hat’s für die Auszeichnungen des Publikums und von 3Sat gereicht. Ich habe den Wettbewerb (2024) seinerzeit nicht näher verfolgt, die Konkurrenz kann allerdings nicht allzu arg gewesen sein, oder?

Worum geht’s? Ein allzeit dynamischer Journalist beim österreichischen Lokalblättchen öffnet zum Redaktions-Frühstück ein Gurkenglas. Die Flüssigkeit, in die die Gurken eingelegt sind, ist „ätzend“ und spritzt ihm ins Auge. Sofortige Erblindung droht. Welch‘ ein Wehgeschrei!

Kann man aus einer Gurke einen Elefanten machen? Der Mann namens Pertak kann es jedenfalls. Er schreibt eine Kolumne, die alsbald „viral geht“, wie es so unschön heißt. Gurken-Einlegen in Essigwasser sei längst nicht mehr nötig, weil immerzu frische Ware verfügbar sei. Es sei für die Gesundheit gefährlich und daher verwerflich. Schon bald finden sich glühende Parteigänger dieser Ansicht. Aufgeregte Debatten und wütende Demos sind die Folge.

Die Angelegenheit zieht derart weite Kreise, dass Pertak in TV-Talkshows eingeladen wird. Niemand kann sich neutral zum Thema verhalten. Jede(r) muss irgend eine Meinung dazu haben. Auch die Erzählperson aus der Redaktion, bei weitem nicht so „meinungsstark“ wie jener Pertak, bezieht wohl oder übel lustlos eine Gegenposition und beschwört die gute alte Tradition des Gurken-Einlegens herauf.

Eigentlich müsste man das alles im Diminutiv beschreiben. Dies ist ein wahrhaft geringes Thema, das in einem dürren Büchlein oder Büchelchen abgehandelt wird, welches eben „Das Gurkerl“ heißt und prächtig in jederlei Saure-Gurken-Zeit passt. Eine Medien- und Social-Media-Satire zur grassierenden Empörungs-„Kultur“? Mag sein. Es beschleicht einen freilich der Gedanke, dass das schmale Resultat im Zweifelsfalle auch für einen regionalen Schreibaufruf gelangt hätte. Ergo: Ein Rezensiönchen genügt wohl.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, was die wundervolle Ingeborg Bachmann, die Namensgeberin des Wettbewerbs, zu einer solch aufgeplusterten Hervorbringung gesagt hätte. Zugleich hätte ich noch einen kalauernden Vorschlag, welcher Autor für diese Petitesse verantwortlich zeichnen sollte: niemand anderes als Maxim Gurki!

Johanna Sebauer: „Das Gurkerl“. Mit farbigen Illustrationen von Nikolaus Heidelbach. Dumont Verlag, 60 Seiten, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, Relieflack und Lesebändchen. 20 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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