Die Römer sind los: Der Archäologische Park Xanten feiert fünf Jahre als UNESCO-Welterbe

Römerdarsteller beim Limesfest in Xanten: Die Akteure sind sorgfältig ausgewählt – historisch präzise und publikumsnah. (Foto: Demirsoy)

Der Tritt der Legionen hat seinen eigenen Klang. Er nähert sich als dumpfes, rhythmisches Stampfen, durchzogen von metallischem Klirren. Genagelte Militärsandalen treten den Boden nieder, Rüstungen, Schwerter, Kettenhemden scheppern im Takt. Das war einst der Sound einer Weltmacht – doch die Nachfahren der Germanen, die diesen Aufzug im Jahr 2026 verfolgen, reagieren nicht mit Furcht, sondern voller Freude. Handys schnellen in die Höhe, es wird gefilmt, fotografiert, posiert. Zehntausende Besucher sind in den Archäologischen Park Xanten geströmt, um das Limesfest zu erleben, mit dem der Park den fünften Jahrestag seiner Ernennung zum UNESCO-Welterbe feiert.

Es ist kein Wochenende am Limit, sondern an einem Ort, der dieses Wort geprägt hat: am Limes (Plural: limites), der römischen Grenzanlage entlang des Rheins. Sie trennte das Imperium von den nicht dauerhaft kontrollierten germanischen Gebieten. Es gab jedoch keine Mauer, sondern einen überwachten Grenzraum: Der Rhein bildete die Trennlinie, Kastelle und Wachtürme sicherten sie. Der Limes war keine undurchdringliche Barriere, sondern eine kontrollierte Durchlässigkeit.

Teile der Stadtmauer der Colonia Ulpia Traiana wurden rekonstruiert. (Foto: Demirsoy)

Viel wäre heute nicht mehr zu sehen von den Spuren der Römer, gäbe es auf dem rund 60 Hektar großen Parkgelände mit seinen Grünflächen und rechtwinklig angelegten Wegen nicht eindrucksvolle Rekonstruktionen: den 27 Meter hohen Hafentempel und das Amphitheater, die römische Herberge, Türme und Tore, dazu Abschnitte einer Stadtmauer, die sich sonst nur noch durch dichte Hainbuchhecken abzeichnet.

Sie umrahmen das Herzstück des APX, das 2008 eröffnete Römermuseum. Eine Konstruktion aus Glas und Stahl spannt sich hier schützend über die Ruinen der Thermen und macht den Ort als Bodendenkmal unmittelbar erfahrbar. Die antike Badeanlage entfaltet sich als durchorganisierte Welt: kalte und heiße Bäder, Schwitzräume, Fußbodenheizung. Übergießer, Haarausrupfer und Masseure stehen bereit, im Tepidarium wird der Schmutz mit Öl und Schabeisen von der Haut abgezogen. In den oberen Stockwerken künden rund 2500 Exponate von der Ankunft der ersten Legionäre am Niederrhein um 13/12 v. Chr., von der Gründung der zivilen Stadt Colonia Ulpia Traiana um 100 n. Chr. bis zu ihrer Zerstörung durch die Franken 275 n. Chr.

Eine Konstruktion aus Glas und Stahl schützt die Überreste der Thermen vor Wind und Wetter. (Foto: Axel Thünker, APX)

Bei der Eröffnung des zweitägigen Limesfests summt das sonst eher beschauliche Areal vor Leben. Sorgfältig hat das Team des APX mehr als 400 Mitwirkende ausgewählt, die an ihren Ständen und Zelten gerne ins Gespräch kommen. Legionäre und Zenturios, Händlerinnen und Händler, Reiter, Weberinnen, Knochenschnitzerinnen, Schuster, Bronzegießer oder Maler verbinden Leidenschaft für die römische Geschichte mit viel Fachwissen. Verkleidete Laien haben da keine Chance: Wer hier auftritt, muss mehr mitbringen als eine Tunika aus dem Fundus.

An den Aktionen beteiligt ist eine der traditionsreichsten Römer-Darstellergruppen weltweit: die britische Ermine Street Guard. Sie stellt rund 90 Prozent ihrer Ausrüstung – Rüstungen, Waffen, Zelte, Kavallerie- und Artilleriegerät – selbst her und arbeitet eng mit Archäologen und Museen zusammen. Auch die 1. Roemercohorte Opladen aus dem Rheinland zieht über das Gelände. Selbst von weitem, vom Dach des Burginatium-Tors, sind die Kohorten leicht auszumachen: Helme und Speerspitzen glänzen in der Sonne. Mehrmals täglich exerzieren die Legionäre für das Publikum im Park, bilden die Schildkröte und andere Gefechtsformationen, simulieren Angriffe und üben den Schuss mit Pfeilen und Katapulten. Für Kinder gibt es viele Gelegenheiten zum Austoben und Mitmachen, vom Messerschnitzen über das Herstellen von Beuteln und Medaillons bis zum Feuerschlagen und Münzenprägen.

Nachbildung eines römischen Reiters mit Maskenhelm (Römermuseum APX, Foto: Demirsoy)

Wie viel Geschick der Kampf zu Pferd erfordert – zumal ohne Steigbügel und mit einem sehr einfachen „Hörnchensattel“ – zeigen die Reiter der „Legio XXI Rapax“. Die mit Perlenketten, prachtvollem Geschirr und bunten Borten geschmückten Pferde sind für sich ein Blickfang. Die Reiter hantieren dazu mit langen Speeren, greifen Ringe auf oder schlagen im Vorbeireiten auf Stangen aufgespießte Salatköpfe entzwei. Vieles bleibt dabei eher Andeutung, schließlich soll niemand verletzt werden. Doch von der Effizienz der römischen Kavallerie vermittelt das einen Eindruck.

Bei den Artillerie‑Vorführungen stellen sich unweigerlich ein paar „Herr der Ringe“-Assoziationen ein. Die Pfeile der syrischen Bogenschützen fliegen so gut und weit, als hätte Legolas sie von der Sehne gelassen. Eine Art nachladbare Armbrust ist ebenfalls im Einsatz. Das größte Staunen und Raunen aber löst der Onager aus: ein großes Katapult, das schwere Steine oder Brandgeschosse schleudert. Die Römer gaben ihm den Namen, weil der nach oben schnellende Wurfarm beim Abschuss einen so heftigen Rückstoß erzeugt, dass er an das Ausschlagen des gleichnamigen asiatischen Wildesels erinnert.

Legionäre bedienen die Gewindewelle, um den „großen Onager“, ein Katapultgeschütz, für den Abschuss zu spannen (Foto: Demirsoy).

Für die Vorführung beim Limesfest leiht eine Bowlingbahn ihre dreieinhalb Kilo schweren Kugeln. Zwei kräftige Männer bedienen die Gewindewelle und setzen das Kriegsgerät mit lautem Rasseln unter Spannung. Auf das Kommando zum Feuern fliegt die Kugel mit etwa 200 km/h durch die Luft, verblüffend weit. Mehrfach trifft sie eine dicke Holzplatte, die als Zielfläche schräg gegen einen Stapel Strohballen gelehnt ist. Ein dumpfer Knall, dann ein kreisrundes Loch: Der Einschlag beweist, dass die Platte glatt durchschlagen wurde.

Mancher Tolkien‑Fan mag in diesem Augenblick an die Orks vor Minas Tirith denken. Ein Kommentator erklärt die Vorführung und begleitet sie mit trockenen Pointen; er berichtet, manche von den Römern belagerte Stadt habe sich ohne Kampf ergeben, sobald solche Geschütze in Stellung gingen. Derweil fliegt schon die nächste Kugel durch die Luft – zack, bumm, der dumpfe Schlag ist in der Brust zu spüren. Kein Wunder, dass der Tritt der Legionen sich einen großen Teil der Welt untertan machte.

(Informationen: www.apx.lvr.de)

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