Tagesarchive: 20. März 2004

Wie eine Bußpredigt zur Umkehr – „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ von Botho Strauß

Von Bernd Berke

Botho Strauß gilt als erklärter Widersacher der Gegenwart. Hier und jetzt verbucht er lauter Verluste. In seinem neuen Buch führt er abermals Klage: Es schwinde jede wahre Sinnlichkeit, es verflüchtige sich jeder feste Glaube.

Es wachse hingegen die Abstumpfung, und süchtige Sex-Mechanik habe den „heiligen Sexus“ verdrängt. Allmählich vergehe sich auch die Fähigkeit, das Vermisste auszudrücken, weil die dafür nötige Sprache kaum noch gebräuchlich sei.

Angesichts solch düsterer Befunde war es umso erstaunlicher, jüngst von einer raren Begegnung mit dem äußerst zurückgezogen in der Uckermark lebenden Autor zu lesen. Strauß, so die FAZ-Sonntagszeitung, habe sich in seiner Einsiedelei ein privates DVD-Kino mit allem HighTech-Komfort eingerichtet. Hin und wieder bitte er die Dorfbewohner zu Filmabenden (nicht nur stilles Kunstkino, sondern „Matrix“, „Blade Runner“ und dergleichen). Per Internet forsche Strauß zudem stets nach Neuerungen auf dem DVD-Sektor.

Das Internet als Menetekel der Sinnleere

Doch keine Bange, Strauß ist nicht etwa zum besinnungslosen Technik-Freak mutiert. Für alle, die seinen mythischen Feinsinn als gewisse Gegenkraft zur Banalität schätzen, rückt er jetzt im Buch „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ die Verhältnisse wieder zurecht. Gerade das Internet, in dem alles zugleich vorhanden und gleich unwirklich ist, dient ihm als Menetekel anschwellender Sinnleere. Doch Rettendes wächst wohl auch: Die herrschende Desorientierung sei vielleicht ein Nährboden fürs gänzlich Unerhörte.

Der Band enthält Reflexionen, Notizen, gedankliche Essenzen. Am Horizont dieser Aufzeichnungen droht konkret der Umbau des Menschen, durch Klon-Technik oder computerelektronische Invasionen des Leibes und der Seele. Manche Zeit-Genossen, so stellt Strauß bestürzt fest, hätten sich bereits in solcher Zukunft eingerichtet, indem sie effektiv, cool und folgenlos durchs Dasein „surfen“. Cool sei man nur unter Missachtung fremden Leids..

Sehnsucht nach neuer Frömmigkeit

Dagegen versucht Strauß, als sei’s zum letzten Male, vor- und überzeitliche Mächte zu beschwören: die Poesie mit ihren uralten Welt-Bildern, die auf einsamen Wanderungen beobachtete Natur, die Vorboten höherer „Erscheinungen“, mithin auch Religion und Mythen – und das wunderbar‘ „törichte“ Staunen wie aus Kindertagen.

Strauß ersehnt neue „Passion“ und Frömmigkeit, wünscht sich „Aufschub“ in rasender Zeit. Man ahnt: Wir sind mitten in einer traditionsbewussten Bußpredigt der Umkehr und des Innehaltens.

Strauß schreibt an gegen missliche Folgen der Aufklärung und Selbstverwirklichung. Er wolle sich nicht befreien, sondern (gleichsam auf Zehenspitzen) aufblicken und Kostbares „empfangen“. Und er bekennt eine „Schuld“ aus APO-Zeiten, als auch er über allem soziopolitischen Geschrei einen Dichter wie Georg von der Vring übersehen habe, der 1968 starb.

Windkrafträder löschen alle Dichter-Blicke

Die Landplage der Ökologie bringt ihn in Harnisch: „Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht. Es ist die Auslöschung aller Dichter-Blicke von Hölderlin bis Bobrowski.“ Recht hat er.

Manches könnte man schrullig oder „reaktionär“ finden, wenn es denn so simpel zufassen wäre. Strauß‘ haarfein ausdifferenzierter Kulturpessimismus stellt jedoch trennscharfe Diagnosen und deutet womöglich gar auf Heilkräfte in der Krise hin. Denn hier wird zwar hochfahrend gedacht, aber demütig empfunden. Wer zornig wird wegen der Strauß’schen Gegenaufklärung, der darf noch diesen Satz des Autors wägen: „Jede Meinung ist mir fremd, doch ich genieße sie.“

Botho Strauß: „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“. Hanser, 169 Seiten, 17,90 Euro.

 

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„Den Menschen nicht absacken lassen“ – Dortmunder Autor Josef Reding wird 75 Jahre alt

Von Bernd Berke

Dortmund. Er gilt als durchaus gesprächig, auch in eigener Sache. Doch literarisch äußert er sich sehr knapp und unprätentiös. Ohne Umschweife und fast schmucklos steuern Josef Redings Kurzgeschichten und Gedichte auf die Realität zu. Er möchte rasch wirken, da halten gedrechselte Feinheiten nur auf.

Reding, 1929 in Castrop-Rauxel als Sohn eines Filmvorführers geboren und seit 1965 in Dortmund lebend, wird heute 75 Jahre alt. Weit über 30 Bücher gibt es von ihm, übersetzt in 16 Sprachen und vielfach preisgekrönt. Den kurzen Formen blieb er durchweg treu.

Ein Gedicht über Dortmund beginnt so: „Meine Stadt ist oft schmutzig; / aber mein kleiner Bruder / ist es auch / und ich mag ihn. / Meine Stadt ist oft laut; / aber meine große Schwester / ist es auch / und ich mag sie.“

Einfache Sätze, klare Botschaft. Kein Wunder, dass solche lehrhaften „Gebrauchstexte“ Eingang in Schulbücher gefunden haben. Reding begreift Kinder als hoffnungsvolle Zielgruppe. Sie könnten die Welt noch ändern.

Früh die heiklen sozialen Themen aufgespürt

Sein erstes Buch („Silberspeer und roter Reiher“) erschien 1952, bevor Reding sein Abi machte. Zwei Jahre lang arbeitete er ganz handfest als Betonwerker, dann erst begann er ein Studium. Sehr zeitig erkannte Reding soziale Themen, die erst später breit debattiert wurden. So griff er etwa 1954 in „Trommlerbub Ricardo“ den Kolonialismus und die Ausrottung mexikanischer Indianer auf. Seine dokumentarische Textmontage „Friedland. Chronik einer Heimkehr“ (1956) schildert die Leiden der Heimatvertriebenen. Andere stießen erst jüngst auf dieses lange politisch verminte Themenfeld.

In Harlem und New Orleans engagierte sich Reding für die Bürgerrechtsbewegung des Martin Luther King (Buch: „Nennt mich nicht Nigger“). Drei Jahre lang lebte und half er in den Lepragebieten Asiens, Afrikas, Lateinamerikas. Reding stellt sich stets auf die Seite der Schwachen.

Seine Leitsterne sind Mitmenschlichkeit und notfalls gewaltloser Widerstand. Davon zeugen auch Tagebücher wie „Reservate des Hungers“ (1964) und „Menschen im Müll“ (1983). Redings Engagement ist christlich motiviert, Ethik geht im Zweifelsfalle vor Ästhetik. „Ich bitte im Grunde darum“, schrieb er einmal, „den Menschen nicht absacken zu lassen, ihn nicht aufzugeben.“ Doch in der Literaturgeschichte sind leider die gütigen, wohlmeinenden Menschen nur selten die Avantgarde gewesen.

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