Monatsarchive: September 2009

Bloß keine Posen mehr

Dieser böse Blick fürs Beschädigte, fürs stets und dauerhaft Misslingende! Welch ein illusionsloses Buch, wie misanthropisch und pessimistisch das alles klingt. So sicher scheint sich die namenlose Ich-Erzählerin ihrer Weltverachtung zu sein, dass ihre Tiraden manchmal geradezu in einen Kolumnen-Plauderton verfallen. Ganz so, als müsse sie sich nur noch aus einem fertigen Fundus bedienen, um unentwegt den heillosen Nachteil des Geborenseins zu beklagen.

Die finstere Inventur klingt dann beispielsweise so: „Die Menschen hatten ihre niedlichen Momente, doch das täuschte nicht darüber hinweg, dass die meisten von überwältigender Einfalt und Niedertracht waren (…) Jeder fühlte sich dem anderen überlegen, und daraus bildete sich ein Dauerton der Aggression (…)“

Ja, zum Teufel, worum geht es denn überhaupt? Um Sibylle Bergs neuen Roman „Der Mann schläft“. Darin passiert – rein äußerlich besehen – nicht viel: Besagte, ein wenig in die Jahre gekommene Erzählerin hat nach langen, hie und da freudlos promisken Single-Zeiten und all ihren individuellen wie kollektiven Selbsttäuschungen, irgendwann d o c h den einen Mann kennen gelernt, bei dem sie sich zutiefst und ganz selbstverständlich geborgen fühlt. Als sie aber auf eine chinesische Insel vor Hongkong verreisen, verschwindet dieser Mann spurlos. Ob aus Untreue oder durch ein Unglück, das bleibt offen.

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„Ruhrgold“ und silberne Pommes-Picker

Hurra! Jetzt gibt es kein Halten mehr. Heute (9.9.09) ist der Online-Shop der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 ins Netz gegangen.

Jetzt soll es also heißen: Her mit den Logo-verzierten Kulis, Tassen, Lesezeichen, Schirmen, T-Shirts („schikkobello“), Ansteckern, Feuerzeugen etc. etc. Wozu das Zippo dient? Na, klar: „Die Kulturhauptstadt anfachen“ und „entflammen“. Und überhaupt: Mit all diesen Produkten kann man nun laut Werbung zeigen, dass man dabei ist und dazugehört. Kein Geknötter und keine Widerrede jetzt! Auf einer Tasse prangt die Losung zur Revierbürgerpflicht: „Metropole Ruhr. Alles andere ist kalter Kaffee.“ Na, bitte!

Nun gut. Bei den eigentlichen kulturellen Projekten von Ruhr2010 gibt es noch so manche Unwägbarkeit, auch mussten leider schon ein paar Vorhaben aus Finanzgründen abgeblasen werden. Da mutet es ein wenig vorschnell an, wenn die Souvenirs schon so zeitig da sind – längst bevor etwas Erinnernswertes geschehen ist. Aber immerhin: Da ist mal etwas (über)pünktlich zur Stelle – und schon wird wieder gemeckert. Hier nicht! Hier haben weder Queru noch Lanten eine Chance.

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Funny van Dannen: Saugefährliche Katzenpisse

Denn siehe, hier kommt eine gute Nachricht: Funny van Dannen klampft wieder. Er versprüht abermals seinen skurrilen Charme – auf der neuen CD „Saharasand“. Alles andere wäre aber auch jammerschade gewesen.

Wie soll man das musikalische Tun und Trachten dieses Mannes jemandem beschreiben, der ihn noch nie gehört hat? Nun, er klingt meistens so, als schrammle und singe er unverzagt am immerwährenden Lagerfeuer. Manchmal hört er sich schier nach altvorderen Schlagerbarden wie – im Extremfalle – Martin Lauer („Taxi nach Texas“) an. Sag ich jetzt mal ganz ungeschützt. Aber irgendwie bringt Funny van Dannen (Jahrgang 1958) es fertig, selbst solche Vorlagen mit „Kult“-Verdacht zu veredeln. Ohne großen Aufwand, just mit einer (scheinbaren?) Naivität des frischen Zugriffs gesegnet. Auch der Titel „Saharasand“ könnte ja gut und gern aus späten 50er oder frühen 60er Jahren stammen, Freddy Quinn & Artgenossen grüßen aus der Ferne. Wie? Stimmt gar nicht? Na, dann nicht.

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Kann man Erdbeeren schälen?

Dieses Buch sollte besonders langsam und sorgsam gelesen werden. Jeder Satz will hier für sich stehen, als Fragment besehen werden – und sodann im größeren Ganzen. Jürgen Becker gibt seinem neuen Buch „Im Radio das Meer“ als Untertitel abermals eine Art Gattungsbezeichnung mit auf den Weg: „Journalsätze“.

Rückblick: 2003 war „Schnee in den Ardennen“ als „Journalroman“ erschienen, 2006 haben sich „Die folgenden Seiten“ als „Journalgeschichten“ angeschlossen. Roman – Geschichten – Sätze. Es mutet fast an wie Tucholskys berühmte Stufenleiter „Sprechen – Schreiben – Schweigen“. In Dreijahresschritten hat sich also die Form (bzw. ihre Bezeichnung) zusehends konzentriert, verkürzt.

Wenigstens zwei Möglichkeiten liegen nahe: Der Stoff kommt immer gedrängter und damit vielleicht wesentlicher daher. Oder er schnurrt allmählich auf eine Schwundstufe zusammen, als stünde der Autor kurz vor dem Verstummen. Solche Phasen hat es im Werk des Jürgen Becker tatsächlich schon gegeben. Doch in einem Lebenswerk, das mit feinstens justiertem sprachlichen Instrumentarium und bewundernswerter Konsequenz Bewusstseins-Felder erkundet, hat er immer wieder zu neuen Kräften gefunden.

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