Tagesarchive: 4. November 2010

Ergiebige Heimatkunde

Das glauben vielleicht viele zu können: „Einfach“ über einen seltsamen Verwandten schreiben, dessen Dasein einem auf der Seele liegt. Aber wehe, wenn man es versucht. Dann kommt in den seltensten Fällen Literatur dabei heraus.

Umso höher ist dieser Schriftsteller einzuschätzen: Andreas Maier (Jahrgang 1967, Romanerfolg „Wäldchestag“) erinnert sich in „Das Zimmer“ eingehend an seinen „Onkel J.“ Dieser nur mit dem Initial benannte Mensch war geistig zurückgeblieben, nach seinerzeit landläufigen Maßstäben also ein „Idiot“. Doch sein nahezu unbemerkt und folgenlos verstrichenes Leben war, so wie Maier davon berichtet, durchaus bemerkenswert.

Zum einen verblieb Onkel J., trotz (vornehmlich nach innen gekehrter) aggressiver Anwandlungen, im nahezu kindlich-naiven Stande der Unschuld, zum anderen brachte er ungewollt einige Wesenszüge der Wetterau auf den (weitgehend wortlosen) Begriff. Der Erzähler sieht es als seine Aufgabe an, „dem Onkel eine Sprache zu geben…, denn sonst wäre er gar nicht da und einfach tot und vergessen…“ Er legt Wert auf die Feststellung, dass dieser bedauernswerte Mensch „auch ein Leben hatte und von Gott in dieses Leben hinein geschaffen war…“ Und er versetzt sich nun in diesen Menschen hinein, indem er in dessen früherem Zimmer schreibt. Doch wahrt er auch die nötige Distanz.

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